Als unser William dieses winzige Thierchen erblickte, das wahrscheinlich eine noch weit größere Furcht vor ihm, als er vor dem vermeintlichen Löwen oder Tiger gehabt hatte, und zugleich seiner ausgestandenen Angst gedachte, mußte er unwillkührlich lächeln; dies war wohl das erste Lächeln, das seit seinem Schiffbruche ihm auf den Lippen schwebte.
Bald zog ihn ein leises Wimmern im Innern der Höhle wieder in diese zurück; er lauschte und vernahm fest deutlich Töne, die nur von jungen Kätzchen herkommen konnten. In dieser Voraussetzung hatte er sich nicht geirrt; schon nach kurzem Suchen entdeckte er in einer Felsenspalte ein Nest mit 7 bis 8 jungen Kätzchen, die wahrscheinlich ein solches Klaggeschrei erhoben, weil ihre Mutter und Ernährerin sie verlassen hatte. Der Anblick dieser artigen Thierchen erfreute Williams Herz: er kroch auf dem Bauche in die Felsenspalte und holte sich eins davon heraus, um es zu streicheln; aber es erhob ein noch lauteres Klaggeschrei, was vermuthlich die draußen ängstlich harrende Mutter vernahm. Mit einem Satze war diese in der Höhle, mit einem zweiten auf Williams Schulter und ehe er es sich versah, hatte sie mit ihrem Maule das schreiende Kätzchen erfaßt und sprang damit zum Neste, wo sie es zu den andern Thierchen legte; bald sogen alle begierig an ihr, sie aber sah sehr zornig aus, und sowie sich William nur der Felsenspalte näherte, erhob sie sich, sträubte das Haar empor, machte einen Katzenbuckel und schlug mit dem Schwanze um sich. Trotz ihrer Furcht vor dem ihr völlig unbekannten Geschöpfe, trotz der großen Ueberlegenheit an Größe und körperlichen Kräften, die dasselbe vor ihr hatte, bereitete sie sich doch aus mütterlicher Liebe auf einen Kampf mit unserm William vor und würde wahrscheinlich lieber ihr Leben, als eins ihrer Kätzchen in seinen Händen gelassen haben. William ehrte ihre Gefühle und erkannte ihre Rechte an. Er beschloß, die arme, so rührend zärtliche Mutter nicht ferner zu beunruhigen, sie aber wo möglich durch Wohlthaten für sich zu gewinnen. Er ließ sie daher in Ruhe; als er aber sein Mittagsessen verzehrte, warf er ihr einige von seinen gebratenen Pataten in die Felsenspalte und suchte zu beobachten, welche Wirkung diese Gabe auf seine Nachbarin hervorbringen würde. Ohne Zweifel hatte unser Freund auf einige Erkenntlichkeit gerechnet; allein er sah sich in dieser Erwartung getäuscht. Zwar beroch die Katze die Pataten, dann aber ließ sie sie unangerührt liegen und kehrte zu ihren Jungen zurück. Dies setzte ihn einigermaßen in Erstaunen: er wußte nicht, daß diese zu den Raubthieren gehörenden Geschöpfe im wilden Zustande nur animalische Nahrung zu sich nehmen und Vegetabilien oder Pflanzenkost gänzlich verschmähen.
Die Katze wollte also von ihm nichts wissen; trotz dem aber war ihm ihre Gesellschaft sehr angenehm, seit er sich nicht mehr vor ihr fürchtete, und als die Nacht heran kam, legte er sich völlig unbesorgt vor seiner Nachbarschaft zur Ruhe nieder; ja, er schlief auf seinem Lager von Gras und Blättern vollkommen so gut, wie in einem weichen Bette: gesünder, naturgemäßer aber gewiß.
Dreizehntes Kapitel.
Das Allernothwendigste hatte unser William jetzt: Wasser, um seinen Durst zu löschen, die Pataten, welche seinen Hunger stillten und endlich gar ein schützendes Obdach mit einem guten Lager; selbst an Leckereien fehlte es ihm nicht, da die schönsten Himbeeren, obschon an so niedrigen Sträuchen wie bei uns die Heidelbeeren, in so großer Fülle vorhanden waren, daß er sich vom Morgen bis zum Abende daran hätte satt essen können. Trotz dem aber fehlte ihm nicht nur Etwas, sondern sogar sehr Viel; besonders trug er ein großes Verlangen nach einer animalischen oder thierischen Kost, an die er von frühester Jugend auf gewöhnt worden war. Wie sich aber eine solche verschaffen? Er hatte weder eine Flinte noch Bogen und Pfeile, ja nicht einmal eine Schlinge vermochte er zu machen, weil er sich nicht darauf verstand, um irgend ein Thier darin zu fangen. Zwar hätte er Nachts, wo die wilde Katze oft auf längere Zeit auf Beute ausging, leicht eines der Kätzchen nehmen und es tödten können, dagegen aber sträubte sich sein Gefühl, auch vielleicht ein ihm selbst kaum bewußter Eckel gegen eine so ungewohnte Kost, und so blieben die wilden Kätzchen ungefährdet von ihrem menschlichen Nachbar.
Da das Verlangen nach einer veränderten Nahrung immer stärker wurde, beschloß er, den Weg zum Strande zu suchen. Er hegte die Hoffnung, dort vielleicht eine Schildkröte oder doch Muscheln zu finden, die er dann am Feuer braten und zur Speise bereiten wollte. Da ihm sehr daran gelegen sein mußte, den Rückweg zu seiner Höhle nicht zu verfehlen, ging er erst immer hart am Bache hin, dann aber, als dieser sich nach und nach zwischen dem immer höher und dichter werdenden Grase verlor, schnitt er mit seinem Messer ziemlich große Kerben an die zu Seiten seines Weges stehenden Bäume, wodurch er sich den Rückweg offen erhielt.
Lange wanderte er fort, ohne das Meer zu entdecken; endlich hörte er es, zu seiner nicht geringen Freude, hinter einem Felsen brausen und rauschen. Schnell erklomm er den Felsen und hatte jetzt das unermeßliche Meer vor sich, das an der Stelle, wo er sich befand, einen ziemlich tief in das Land hineingehenden Meerbusen bildete. Erstaunt und entzückt schaute er auf das großartige Schauspiel, das sich seinen Blicken darbot. Durch die lange Fahrt auf dem Ocean war er so vertraut mit dem Meere und dieses ihm so lieb geworden, daß ihm beim Anblick desselben die hellen Freudenthränen über die Wangen schossen. Hatte er doch auch besondere Ursache, es zu lieben, da ihm allein Rettung durch ein etwa an der Insel landendes Schiff kommen konnte. Nachdem er sich längere Zeit an Betrachtungen vergnügt hatte, stieg er den Felsen hinab, um am Strande nach eßbaren Muscheln – er träumte sogar von Austern, die man ihm in Hamburg als große Leckerbissen gerühmt hatte – zu suchen. Er fand zwar eine Menge der allerschönsten, buntesten Muscheln, die er unter andern Umständen gewiß begierig aufgelesen haben würde, jetzt aber unbeachtet liegen ließ, weil sie leer und von ihren frühern Bewohnern sämmtlich verlassen waren.
Statt des vergebens Gesuchten that er aber einen Fund, dessen Wichtigkeit ihm bald einleuchten sollte. Eine ziemliche Strecke vom Wasser entfernt, aber doch an der Grenze des Strandes, sah er einen Stein liegen – wenigstens hielt er eine Zeitlang den ihm auffallenden Gegenstand dafür – dessen regelmäßige Form seine Aufmerksamkeit erregte. Er näherte sich demselben mit eiligen Schritten und wie ward ihm, als er, statt des erwarteten Steins, eine braunroth angemalte Kiste fand! Er erkannte sie auf den ersten Blick für die des Schiffs-Zimmermanns der »Hoffnung«, auch war der Name dieses Mannes, wenn auch die mit weißer Oelfarbe darauf gemalten Buchstaben zum Theil abgerieben waren, noch ganz deutlich darauf zu lesen; über diesem Namen war das ihm so wohlbekannte Hamburger Wappen, die drei Thürme, mit dem sie haltenden Löwen daneben, in bunten Farben abgebildet.
Die hellen Thränen schossen ihm über die Wangen bei dieser unerwarteten Erinnerung an die geliebte Vaterstadt, an das Schiff, auf dem er den weiten Ocean durchschwommen, an die Mannschaft desselben, die jetzt tief im Meeresgrunde lag oder wohl schon die Beute gefräßiger Hayfische geworden war. Mit unaussprechlicher Rührung mußte er in diesem Augenblicke jedes gütigen, freundlichen Worts gedenken, das der Eine oder Andere dieser Männer während seines langen und steten Beisammenseins mit ihnen zu ihm gesprochen hatten, der fröhlichen Gesänge, die sie in ihren wenigen Musestunden erschallen ließen, der Mährchen und Sagen, deren sie eine so große Menge wußten, und mit anmuthiger Einfachheit zu erzählen verstanden; der kleinen Neckereien, die sie sich im harmlosen Scherze gegen einander erlaubten; der Belehrungen, die er von den Aelteren und Ernsteren empfing, wenn er diese oder jene Sache noch nicht anzugreifen verstand. Und das Alles war nun todt und hin; die fröhlichen Laute der bekannten Stimmen waren für immer erstorben; die bald heitern, bald ernsten Blicke erloschen, die Kraft dieser Muskeln gelähmt – todt! todt war so viel Leben und Regsamkeit!
Wer würde in diesem Augenblick wohl ungerührt geblieben sein? wer hätte in demselben wohl an die, unter den gegenwärtigen Umständen unermeßlichen Schätze denken können, die eben diese Kiste, welche unserm William heiße Thränen entlockte, in ihrem Innern barg? Er dachte gewiß im ersten Augenblick nicht daran, sondern kniete neben derselben nieder, küßte sie unter Thränen und nannte mit leiser, von Schluchzen unterbrochener Stimme den Namen des ehemaligen Besitzers. Dieser war, obschon äußerlich ein ernster, fast rauher Mann, doch im Grunde ein vortrefflicher, wohlmeinender Mensch gewesen, der besonders unserm jungen Freunde sehr gewogen war und ihm manchen Liebesdienst erwiesen hatte.