Mitten in der Nacht wurden beide Schläfer, trotz ihres festen Schlafs, durch ein höchst lästiges Kriechen und Krabbeln, das sie auf allen entblößten Theilen ihres Körpers – der arme Kolbi über seinen ganzen nackten Leib – empfunden, mehreremale aufgeweckt; sie waren aber so schlaftrunken, daß sie sogleich wieder einschliefen und erst gegen Morgen völlig munter wurden. Wie erschracken aber Beide, als sie sich anblickten! Jeder war über den ganzen Leib mit Ameisen bedeckt, die ihnen zwar nichts thaten, sondern nur über die beiden Schläfer weg, zu dem Honig krochen, dessen Geruch die ganze Ameisen-Nachbarschaft in die Höhle gelockt hatte; denn Süßigkeiten sind für diese Thierchen ein wahrhafter Leckerbissen, und sie gehen ihnen emsig nach.

Sobald Kolbi sah, was es gab, sprang er auf, entkleidete sich von der Binde, die er um seine Lenden gewunden hatte, und eilte, die Binde schwankend und schüttelnd, um sie von den lästigen Gästen zu befreien, dem Bache zu, indem er sich tüchtig badete und abwusch, um das lästige Brennen und Jucken los zu werden. William begriff, daß die von seinem Gefährten ergriffene Maßregel eine sehr ersprießliche sey, und folgte seinem Beispiele, was ihn sehr erfrischte.

Ein schlimmer Umstand trat aber jetzt ein: die Höhle war für sie, wenn auch vielleicht nicht für immer, doch für längere Zeit, verloren und man mußte sich beeilen, die darin geborgenen Sachen herauszunehmen. So lange die Ameisen nach dem Geruch des Honigs witterten, drangen sie in großen Zügen in die Höhle und es war nicht darauf zu rechnen, daß dieser Geruch sich sobald wieder verlieren würde, selbst wenn man den Honig herausnähme. Das war dann freilich eine betrübte Sache; sie entmuthigte indeß unsere Beiden nicht; hatte man doch jetzt Holz und Bretter genug, um sich eine Hütte bauen zu können, und noch an demselben Tage wurde der Anfang damit gemacht. William wollte aber eine solche nicht bloß für eine kurze Zeit, sondern gleich gehörig herstellen, und so mußte man es sich gefallen lassen, einige Nächte unter freiem Himmel zuzubringen. Man legte die Hütte auf einem kleinen Vorsprunge des Hügels, von wo aus man eine sehr reizende Aussicht auf das umliegende Thal hatte, an, und machte sie so geräumig, daß man nicht nur selbst Platz darin fand, sondern auch alle Geräthschaften bewahren und gegen die Einflüsse von Luft und Wetter schützen konnte.

Kolbi zeigte sich auch bei diesem Geschäfte überaus thätig und gelehrig. Man sah es ihm an, daß dieß nicht die erste Hütte war, die er erbaute; nur mit den europäischen Geräthschaften wußte er nicht umzugehen, und sah besonders William mit großem Erstaunen zu, als dieser vermittelst einer Säge, die von den Handwerkern der Fuchsschwanz genannt wird, ein Brett durchschnitt, das für den beabsichtigten Zweck zu lang war.

Beim Einrammen der das Dach der Hütte tragen sollenden Pfähle bewies sich Kolbi so geschickt, daß er William weit hinter sich ließ. Dieser war nämlich sehr um eine Schaufel oder eine Grabscheit verlegen, und wußte nicht, wie er ohne diese, ihm unentbehrlich scheinenden Instrumente ein gehörig tiefes Loch in die Erde graben sollte. Das verstand Kolbi aber vortrefflich: er suchte sich unter den vielen umherliegenden Steinen einen Stein aus, der fast die Form einer Schaufel hatte, legte sich neben der Stelle, wohin der Pfahl kommen sollte, auf den Bauch nieder und schaufelte jetzt mit beiden Händen die Erde so schnell weg, daß schon nach wenigen Minuten ein ziemlich tiefes Loch da war. Auch beim Befestigen der Pfähle zeigte er sich eben so geschickt. Erst schaufelte er alle ausgeworfene Erde davon, dann klopfte er den Boden fest und endlich trieb er in diesen noch Steine und Holzsplitter ein, was wesentlich dazu beitrug, die Stäbe recht fest zu machen.

Da William sah, daß er seinem Freunde diese Arbeit ruhig überlassen könne, machte er sich an andere, die er besser verstand. Die Schiffstrümmer enthielten eine große Menge Nägel von fast allen Größen; sie mußten aber erst herausgezogen und auf einem Steine gerade geklopft werden, bevor man sie nochmals gebrauchen konnte. Das war eine sehr schwierige Arbeit; allein William war es bereits gewohnt, mit vielen Hindernissen zu kämpfen, und so überwand er endlich auch diese. Die Menge von Nägeln, die er auf diese Weise gewann, war ein ordentlicher Schatz für ihn, auch verachtete er, die Wichtigkeit desselben einsehend, nicht das kleinste Stiftchen.

Bald standen die Pfähle und an die Bedachung konnte gedacht werden. William machte diese so gut und zierlich und das Ganze hatte überhaupt ein so gefälliges Ansehen, daß er selbst seine Freude daran hatte und Kolbi, der gewohnt war, sie auf andere Weise kund zu thun, die possierlichsten Freudensprünge machte. Sogar an eine Hausthüre konnte man denken, da es an einigen Hängen nicht fehlte, und es zeigte sich bald, wie gut man gethan hatte, die Hütte damit zu versehen. Das Wetter blieb nicht immer gut, sondern es kam eine sehr schlimme Zeit, von der ich Euch, meine Geliebten, späterhin erzählen werde.

Als die Hütte einigermaßen im Stande war, dachte William bereits auf einige Mobilien, als auf Tische und Bänke, die bisher noch gefehlt hatten. Die Arbeit ging zwar langsam von statten, aber er wurde dabei von Kolbi gut unterstützt, indem dieser schnell manchen Handgriff faßte und mit großer Beharrlichkeit bei der Arbeit aushielt. Ein großes Vergnügen war es dabei für William, Kolbi in seiner Muttersprache zu unterrichten. Er zeigte auf die verschiedenen Gegenstände und nannte bloß das Hauptwort, als: Sonne, Mond, Baum, Blume u. s. w., und zu seinem nicht geringen Erstaunen lernte Kolbi gleich nach dem ersten Namen die verschiedenen Namen der Gegenstände auswendig und wandte sie das nächstemal richtig an. Man hat überhaupt die Bemerkung gemacht, daß das Gedächtniß wilder Menschen sehr scharf ist und diese nicht nur schnell lernen, sondern das Gelernte auch gut behalten. Dies war ganz besonders bei Kolbi der Fall, den die Natur überhaupt mit ganz vortrefflichen Gaben ausgestattet hatte. In Hinsicht der Schnelligkeit, Biegsamkeit und Behendigkeit konnte kein Europäer sich mit ihm vergleichen; auch waren Gesicht, Geruch und Gehör von einer wirklich erstaunungswürdigen Schärfe.

Fünfzehntes Kapitel.

Unsre Colonisten hatten jetzt zwar das Nothwendigste: ein schützendes Obdach, die nothdürftige Nahrung und Geselligkeit; aber trotz dem blieb für Beide noch mancher Wunsch unbefriedigt und dahin gehörte vorzüglich der nach einer abwechselnden Speise, an die besonders William sich in seinem frühern Leben gewöhnt hatte. Die Pataten und Früchte, womit sich Beide seither gesättigt hatten, füllten ihnen zwar den Magen, aber sie wurden trotz dem nicht völlig satt davon, und selbst nachdem sie ihren Hunger gestillt hatten, blieb eine empfindliche Leere in demselben zurück.