Dem Zauberer oder Priester näherte sich Alles mit der größten Ehrfurcht, und Keiner würde es gewagt haben, ihm den Rücken zuzukehren.
Während die Männer sich zur Jagd anschickten, sammelten die Weiber die Wurzeln von einer Art von Farrenkraut, die ihnen zur Speise dienen. Sie zerklopften sie mit Steinen und rösteten sie am Feuer; diese nicht eben wohlschmeckende Speise nannten sie Uga-Due. Noch Andere sammelten von einem Gummibaum ein grünes Gummi, das sie Kudi nannten. Es vertritt, da es einen scharfen Geschmack hat, die Stelle des Branntweins bei ihnen und sie kauen es beständig. Auch Pataten, von den Wilden Kumara genannt, sammelten sie in Menge zu dem vorhabenden Gastmahle ein. Zu diesen Vegetabilien lieferten die Männer bald Fleischspeisen. Sie schossen mit ihren Pfeilen eine Menge Kukupas (wilde Tauben), einen Dingo, einige Stachelschweine, fliegende Füchse und endlich gar ein Kängeruh, worüber sich ein großes Freudengeschrei erhob, als die glücklichen Jäger damit angeschleppt kamen.
Als William sah, daß sein Freund Kolbi in seinem sichern Verstecke unbemerkt blieb, trieb ihn die Neugierde, auf seinem Bauche auch aus der Höhle hervorzukriechen, um den Treiben der Wilden zuzusehen.
Er sah, daß dieser Menschenschlag fast ganz so schwarz, wie sein Kolbi war; nur hatte dieser letztere eine etwas angenehmere Gesichtsbildung und sah vor allen Dingen freundlicher aus. Sie hatten einen kleinen, aber sehr regelmäßigen Wuchs, ein etwas breites Gesicht, das bei den Männern sehr bärtig war; eine stumpfe Nase, durch deren Scheidewand sie kleine Knochen- oder Rohrstücke gezogen hatten, was sie sehr verunstaltete; dicke Lippen, sehr weiße Zähne, schwarze, tiefliegende Augen und sehr buschige Augenbraunen. Auf dem Kopfe trugen sie ein kleines Netz von Opossum-Haaren, das ihnen fast die Augen verdeckte, so daß sie es zurückschlagen mußten, wenn sie etwas genauer sehen wollten. Die meisten hatten eine feuerfarbene Binde, woran ein kleines Schurzfell hing, um den Leib geschlungen und ihre Haut war so glänzend, wie polirtes Ebenholz. Wie Kolbi seinem Freunde schon früher erzählt hatte, reiben sie sich den Körper mit Fischöhl ein, wichsen sich also gleichsam, wie wir unsere Schuhe und Stiefel. Lange konnte William nicht begreifen, womit sie sich den Kopf geschmückt hatten, der einige Aehnlichkeit mit dem eines Stachelschweins durch einen höchst seltsamen Aufputz hatte, bis Kolbi ihm erklärte, daß seine Landsleute sich das Haar mit einer Art von Gummi zusammenklebten und es dann mit Fischgräten und Vogelknochen besteckten. Viele von den Wilden waren vom Kopfe bis auf die Füße tätowirt, d. h. mit weißer und rother Farbe bemalt; Kolbi erklärte ihm, daß sie sich mit der rothen bemalten, wenn es in den Kampf gehen sollte, mit der weißen aber, wenn zum Tanze. Sehr häßlich machten sie die breiten weißen Ringe, die sie sich unter den Augen von einer weißen, unserer Kreide ähnlichen Erde gemacht hatten. Allen Männern fehlte ein Vorderzahn, den man ihnen unter großen Ceremonien ausreißt, so wie sie in das Jünglingsalter treten. Ihr Haar ist übrigens nicht kurz, kraus und wollig, wie das der Neger, sondern vielmehr glatt, lang und sehr schwarz; es könnte eine Zierde an ihnen sein, wenn sie es nicht à la Stachelschwein frisirten.
Alle ohne Ausnahme waren bewaffnet, selbst die Knaben trugen eine Art von Wurfspieß; Andere hatten eine Keule, die sie Waddis nannten oder Stangen (Womerra), Schilde, Lanzen, Bogen und Pfeile, steinerne Aexte u. s. w. Diese Waffen sind reich mit ausgeschnitzten Figuren verziert, die oft nicht ohne Anmuth sind. Sie führen immer Feuer mit sich, weil sie es, des vielen unverbrennbaren Holzes wegen, schwer anmachen.
Ihre musikalischen Instrumente, worauf sie aber wirkliche Töne hervorbrachten, bestanden in einer Art von Rohrflöte oder vielmehr Pfeife, die sie aber nicht mit dem Munde, sondern mit den Naslöchern spielten, was sich seltsam genug annahm. Andere Musikanten hatten plumpe Leyern mit drei Saiten und noch andere Muscheln, die man See-Trompeten nennt und worauf sie Töne hervorbrachten, als sei das jüngste Gericht gekommen. Vom Tacte, von einer Melodie scheinen sie keinen Begriff zu haben; Jeder blies, was ihm einfiel, und dies gab die köstlichste Katzenmusik von der Welt. Dies Alles würde unserm William, für den es völlig neu war, sehr belustigt haben, wenn er nicht für sein Leben hätte fürchten müssen. Die bisher heitre Sonne verwandelte sich aber bald in eine sehr tragische. Ein Knabe, der vielleicht dreizehn bis vierzehn Jahre alt sein mochte, kam jubelnd mit einem Opossum angeschleppt, das er erlegt hatte. Dies ist ein Thier von der Größe eines Fuchses, hat aber in seinem Wesen viel vom Eichhörnchen; auch nährt es sich nur von Pflanzenkost. Wenn es schläft, rollt es sich wie eine Kugel zusammen; wenn es wacht oder frißt, setzt es sich auf die Hinterfüße, legt den Schwanz auf den Rücken und hält seine Speise mit den Vorderfüßen, wie ein Affe. Es hat auf dem Rücken lange braune Haare, die nach dem Bauche zu in's Gelbliche fallen. Wird es verfolgt, so stößt es ein rauhes Geschrei aus. Die Augen sind groß und klug, die Schnauze ist sehr spitz. Will es auf den Bäumen von einem Zweige zum andern springen, so wickelt es seinen langen Rollschwanz um einen Ast und springt dann mit dem übrigen Theile seines Körpers. Das Opossum gehört zu den Beutelthieren, wovon es so verschiedene Arten in Australien giebt.
Kaum hatten die Wilden den armen Knaben mit seiner Beute erblickt, so sprangen alle, welche bisher am Boden gelagert gewesen waren, mit dem Geschrei:
»Tapu! Tapu!«
auf, schwangen ihre Waffen und umringten den zitternden Knaben, der erschrocken seine Beute hatte fallen lassen und vor Schrecken am ganzen Leibe zitterte. Der Zauberer oder Priester, welcher bisher unbeweglich, einer Statue gleich, unter seinem Baume gesessen hatte, erhob sich jetzt auch; seine Augen funkelten vor Zorn und drohend schwang er sein großes steinernes Messer über seinem Haupte. Alles machte dem Zornigen ehrerbietig Platz, so daß er sich ungehindert dem armen Knaben nähern konnte, der vor Angst auf seine Knie niedergesunken war und seine Arme kreuzweis über die Brust gelegt hatte. Als der Priester bei ihm angelangt war, murmelte er einige unverständliche Worte, die wie das ferne Rollen eines Donners klangen, und senkte dann sein großes Messer tief in die Brust des armen Schlachtopfers, das sogleich umsank und aus dessen Leibe ein dicker Strom von Blut hervorquoll.
Entsetzen ergriff William bei diesem Anblick, während Kolbi so ruhig zusah, als wäre gar nichts geschehen, und nahe war ersterer daran, einen lauten Schrei auszustoßen; er hielt ihn aber zum Glück zurück, denn er würde sie den Wilden verrathen haben und dann wäre ihr Loos gewiß kein besseres gewesen, als das des armen Knaben.