Man durfte aber nicht in dieser Nähe weilen, weil es den Wilden jeden Augenblick einfallen konnte, in das Gebüsch zu dringen und es zu durchsuchen. Unsre Flüchtlinge setzten daher, so eilig sie konnten, ihren Weg weiter fort und drangen immer tiefer in das Gehölz ein. Aber bald waren sie auch hier nicht mehr sicher, denn schon vernahm ihr Ohr am Eingange des Waldes verwirrte Stimmen, und so wälzte sich der Schwarm, aller Wahrscheinlichkeit nach, hieher. Ihre Angst erreichte den höchsten Gipfel und sie wußten nicht, wohin ihre Zuflucht nehmen; da sahen sie in einer geringen Entfernung einen Koala oder australischen Bären aus einem dichten Gewinde von Rankengewächsen hervorkriechen, und daraus schließend, daß er dort seine Höhle haben werde, eilten sie auf die Stelle zu. Sie sahen sich in dieser Erwartung nicht getäuscht, und fanden unter dem Gesträuche einen in die Erde hinabgehenden Eingang, der zwar nicht breiter war, als daß sie auf dem Bauche kriechend, in die Höhle des Bären gelangen konnten, ihnen aber für den Fall der Noth doch einige Sicherheit gewährte.

Schnell machten sie sich daran, mit der Axt und ihren Händen, die die Stelle einer Schaufel vertreten mußten, den Eingang zu erweitern, wobei sie sich wohl hüteten, die aufgeworfene Erde umherzustreuen, denn das würde den Wilden ihren Zufluchtsort verrathen haben; sie warfen sie vielmehr zwischen die Ranken und vertilgten mit großer Sorgfalt jede Spur ihrer mühsamen Arbeit.

Diese wurde über alle Erwartung belohnt; denn kaum hatten sie die Oeffnung einige Fuß tief erweitert, so dehnte sich die Höhle aus und wurde endlich so breit und geräumig, daß sie, wenn auch nicht aufrecht darin stehen, doch darin sitzen konnten.

Ein Knurren und Brummen ganz in ihrer Nähe verrieth ihnen, daß die Höhle noch außer ihnen von einem andern Geschöpfe bewohnt sei, wahrscheinlich von einem weiblichen Koala, das hier seine Jungen säugte. Eine solche Nähe konnte ihnen, obgleich sie sich nicht vor dem harmlosen Thiere fürchteten, nicht angenehm sein, schon des üblen Geruchs wegen, den diese Geschöpfe verbreiteten, und so mußten sie sich entschließen, den eigentlichen Besitzer der Höhle aus derselben zu vertreiben, was ihnen nach einigen derben Püffen, die sie dem armen Thiere versetzten, gelang. Knurrend und brummend nahm es, seine Jungen mit sich führend, seinen Abschied und unsre Beiden sahen sich im ruhigen Besitze des usurpirten Zufluchtsorts. Diese Besitznahme war im Grunde eine Ungerechtigkeit; aber die dringende Gefahr konnte ihnen zur Entschuldigung gereichen.

Hier saßen nun unsre Beiden in der tiefsten Finsterniß im Schooße der Erde; ihnen fehlte Alles und doch hatten sie Gott zu preisen, daß er ihnen einen solchen Zufluchtsort gezeigt hatte, der ihnen wenigstens die Hoffnung ließ, ihr Leben zu bewahren. Hand in Hand saßen William und Kolbi da und waren so niedergedrückt, daß sie kein Wort zu reden wagten.

Nicht lange sollte ihre Ruhe dauern. Kaum waren sie eine halbe Stunde in der Höhle gewesen, so drang ein Ton verwirrter Stimmen, das dem Summen eines Bienenschwarmes glich, zu ihren Ohren und sie schlossen daraus, daß die Wilden sich ihrem Zufluchtsorte genähert hätten. In dieser Voraussetzung irrten sie sich nicht: die Wilden hatten wirklich den kühleren Wald zu ihrem Aufenthaltsorte ausersehen und waren zu der Insel gekommen, um hier ein großes Fest zu feiern.

Ihr bisheriger Häuptling war nämlich im Kriege gefallen, und sie wollten einen neuen erwählen, bei welcher Gelegenheit stets große Festlichkeiten von ihnen veranstaltet werden. Zu solchen gehörten vor allen Dingen Schmausereien – macht man es doch bei solchen Gelegenheiten im civilisirten Europa nicht besser! – und da ihnen bekannt sein mochte, daß die Insel sehr viel Wildpret hege, waren sie herübergeschifft, um hier ihre Gastmähler zu halten.

Lautes Rufen, Geschrei, Gesang sogar, ließen sich bald ganz in der Nähe vernehmen, und Kolbi, der kühner als sein Freund, auf dem Bauche bis zum Eingange der Höhle vorgekrochen war, sah, vom Gestrüpp und den Rankengewächsen verdeckt, daß man viel trockenes Holz herbeischleppte, um ein großes Feuer anzuzünden. Alles war überhaupt beschäftigt. Einige Wilde trugen Erde und Laub zusammen, woraus sie einen Hügel machten, vermuthlich zum Sitze für den neu zu erwählenden Häuptling; andere schärften ihre Waffen und die Weiber und Kinder trugen Laub und Blumen herbei, aus denen sie Kränze winden wollten.

Unter einem hohen Baume und mit dem Rücken gegen den Stamm desselben gelehnt, saß aber ein Greis, den Kolbi auf den ersten Blick für den Zauberer erkannte, denn so nennen die Wilden ihre Priester. Er war zwar, wie die übrigen Wilden, bis auf ein Schurzfell, welches er um den Leib gebunden hatte, völlig nackt; allein um seinen Hals hatte er ein Gewinde von todten Schlangen, das ihm ein abschreckendes Ansehen gab, und in der Hand trug er ein großes steinernes Messer.

Dieses Messers bedienen sich die Priester, um den jungen Mädchen die beiden ersten Gelenke des kleinen Fingers an der linken Hand abzuhauen; denn wie die Europäerinnen ihre Ohren durchbohren lassen, um Ringe hineinzuhängen, was gleichfalls eine sehr lächerliche Mode ist, so verstümmeln die Wilden ihre Hand und glauben sich dadurch recht schön zu machen.