Dieser Plan, der gewiß von ihnen ausgeführt worden wäre, sollte aber durch ein schreckliches Ereigniß, das sich mit ihnen zutrug, zu Wasser werden.

An einem Morgen, als sie aus dem Schlafe erwachten und sich eben anschicken wollten, ihr Frühstück zu bereiten, kam der Dingo, welcher bereits die Hütte verlassen hatte, mit einem kläglichen Geheul angerennt und zu ihrem nicht geringen Entsetzen sahen sie, daß in seinem Fell ein Pfeil hing. Das arme Thier schüttelte sich, um die ihn auf den Tod verwundende Waffe los zu werden, aber es war vergeblich! der Pfeil stack fest, und winselnd kroch er, seine Gebieter mit dem der Wunde entquillendem Blute bespritzend, zu ihnen heran. Kolbi war sogleich bereit, den Pfeil aus der Wunde zu ziehen, um seine Qual zu enden; allein der arme Waldmann war auf den Tod getroffen, und schon nach wenigen Augenblicken verendete er zu den Füßen unserer erschrockenen Colonisten.

Dies war, da man das gute Thier sehr lieb gewonnen hatte, freilich schon an und für sich ein trauriges Ereigniß und sie konnten sich nicht enthalten, ihrem treuen und zuthunlichen Genossen eine Thräne nachzuweinen; allein die Sache hatte eine noch weit schlimmere Seite; es mußte eine Menschenhand, die eines Wilden gewesen sein, die den Pfeil auf den Dingo abgeschossen hatte; denn Europäer würden das Thier mit andern Waffen erlegt haben.

Dieser Gedanke drängte sich Beiden zugleich auf, und die größte Furcht bemächtigte sich ihrer. Was sollte aus ihnen werden, wenn Wilde an der Insel gelandet wären und sie vielleicht durchstreiften? Ihr Schicksal war nicht zweifelhaft, wenn sie diesen in die Hände fielen: man würde sie ergreifen, tödten und verzehren.

Nachdem sich ihr Schmerz über den Tod des treuen Thieres etwas gelegt hatte, waren sie auf ihre eigene Sicherheit bedacht, und Kolbi, der behender als William war, schlug vor, daß er den höchsten Baum des nächsten Hügels erklimmen wolle, um von diesem hohen Standpunkte aus die Insel zu überschauen, während William am Fuße desselben auf seine Berichte wartete. Gesagt, gethan! Schnell wie ein Eichhörnchen erklomm Kolbi den hohen Eukalyptus, aber weit schneller noch, als er hinaufgeklettert war, kam er, ohne ein Wort gesprochen zu haben, wieder herab, ergriff Williams Hand und rief ihm mit dem Tone des Entsetzens zu:

– »Fort! Fort! sie kommen!«

William folgte ihm wie betäubt; doch verlor er selbst in diesem furchtbaren Augenblicke seine Besinnung und Besonnenheit nicht. Er bat Kolbi, ihm zur Hütte zu folgen und hier angelangt, bepackte er ihn und sich selbst mit ihren besten, unentbehrlichsten Geräthschaften, wozu auch die von Kolbi verfertigten Waffen gehörten, und dann erst ergriffen Beide die Flucht.

»Wohin aber?« fragte man sich. Die Insel war, wie sie jetzt wußten, nur von geringem Umfange und bot nirgends einen sichern Versteck dar, sie hätten einen solchen dann in den höchsten Gipfeln der Bäume des nahen Waldes suchen müssen. Zwar dachte man an die Ameisenhöhle, wie man die Höhle neben der Hütte nach dem Besuche der lästigen Thierchen nannte; allein man verwarf diesen Gedanken sogleich wieder, da sie zu nahe bei der Hütte lag. Es stand mit Recht zu vermuthen, daß die Wilden, so wie sie die Hütte entdeckten, auf Menschen schließen würden, die sie erbaut und bewohnt hätten, und in diesem Falle würde man sie in der nahe gelegenen Höhle zuerst suchen. Schon auf dem Wege in den Wald kam William noch ein guter Gedanke und er theilte ihn Kolbi mit: man wollte die Hütte durch Niederreißen zerstören, um den Wilden Glauben zu machen, daß sie bereits seit längerer Zeit von ihren Bewohnern verlassen worden sei. Man kehrte also, so dringend auch die Gefahr bereits war, nochmals zur Hütte zurück, bediente sich der Axt, die das Dach tragende Pfähle umzuhauen, und sah schon nach einer kurzen Frist in Trümmer zusammensinken, was man mit so großer Mühe und Anstrengung aufgebaut hatte.

Jetzt erst dachte man an eilige Flucht. Es war aber auch die höchste Zeit, denn kaum hatte man den schützenden Wald erreicht und sich hinter dichtem Gebüsch verborgen, so sah man die Wilden in dicken Schaaren über den Hügel herabkommen, an dessen Abhange die kleine Besitzung lag. Unsere Beiden waren noch so nahe, daß sie deutlich Alles unterscheiden und sogar den Ruf einzelner Stimmen vernehmen konnten.

Bald drängte sich Alles auf einer Stelle zusammen und bildete einen dichten Menschenknäuel: ohne Zweifel hatte man die Trümmer der Hütte entdeckt und war verwundert, in dieser Einöde die Reste einer menschlichen Wohnung zu finden. Bald sah man auch einzelne Wilde die Spitze des Hügels erklimmen und sich sorgfältig nach allen Seiten umsehen, als suche man Etwas; allein zum Glücke waren unsre Beiden gut versteckt durch das dichte Gebüsch, und die Späher kehrten zu den Uebrigen zurück, ohne Etwas entdeckt zu haben.