Es wurde ihm indeß sehr unheimlich unter dem Tisch zu Muthe; denn es befand sich unter demselben eine große Aeffin im Wochenbette, welche den unberufenen Eindringling mit den langen Armen in den Nacken kratzte, und unter dem Käfig der Aeffin stand der eines brütenden Pelikans, welcher, ebenfalls entrüstet über die Störung, Wilhelm so arg biß, daß die Hosen zerrissen und das Blut strömte. Er, der schon so wenig Sitzefleisch in der Schule hatte, fürchtete auf diese Weise ganz untüchtig zum Sitzen zu werden und als die Nachsuchung zu Ende war, benutzte er den Moment, wo ein dicker Herr sich vor den Tisch gestellt hatte, um hervor zu kriechen und sich hinter diesem verborgen zu halten.
Da aber das Böse in seinem Herzen nie schlummern konnte, so entging es seiner Aufmerksamkeit nicht, daß der dicke Herr eine sehr wohlgefüllte Börse, woraus er so eben ein Extra-Trinkgeld für die Schlange gezahlt hatte, in die linke Rocktasche steckte. Die Schlange fraß nämlich so eben eine Taube in gewohnter grausamer Weise, indem sie mit der freundlichsten Miene von der Welt dieselbe beleckte und durch ihren Speichel schlüpfrig und geschmeidig machte; dann zog sie das arme Thier unbarmherzig in ihren Rachen, und man fühlte, wie es im tiefen Schlund noch zappelte.
Wilhelm meinte, der dicke Herr sähe gewiß so aufmerksam zu, daß er es nicht merken würde, wenn seine zarte Hand ihm in die Tasche griff, und die Börse heraus holte und im Hui war diese Hand auch drinnen. Aber in demselben Augenblick fühlte Wilhelm, daß sie von einer anderen, kräftigeren Hand gefaßt wurde, welche unter dem Rocke schon mußte geruht haben; zu gleicher Zeit ward sein Ellbogen ergriffen und mit Riesenkraft auf einen Ruck sein Unterarm wie ein dürres Stück Holz zerknickt. Wilhelm schrie vor Schreck und vor Schmerz und als der dicke Herr sich ihm zuwendete, da erkannte er in ihm denselben, der ihm neulich die zwei Ohrfeigen und den Groschen gegeben hatte. Es war der Herr Polizei-Präsident. „Aha, sagte dieser, wir kennen uns schon; jetzt hoffe ich, stiehlst du so bald nicht wieder.“
Das ganze Publikum war aufmerksam auf den schreienden Knaben geworden und auch die Prinzessin wollte ihn bedauern und ihm etwas schenken. Aber der Menageriebesitzer erzählte ihr, daß es derselbe Knabe sei, der ihren Rosaurus für den Löwen verkauft habe; auch fanden sich beim Ausleeren seiner Taschen eine Menge gestohlener Gegenstände. „Nein, dieser verdient kein Mitleid!“ meinten die Leute.
Aber er litt doch große Schmerzen; blaß und zitternd stand er da und alle Blicke waren auf ihn gerichtet; ein Wundarzt, welcher zufällig in der Nähe war, untersuchte den Arm und erklärte, derselbe müsse sogleich eingerichtet werden.
„Das soll in meinem Haus geschehen,“ sagte der Polizei-Präsident; „ich will ihn bei mir verpflegen lassen und auch alle Kosten tragen. Seine Eltern taugen gewiß nicht viel, sonst würde der Junge nicht so durchtrieben sein.“
So wurde denn Wilhelm fortgebracht, während die kleine Prinzeß mit ihrem Rosaurus sich nach Haus begab und sich vornahm, ihm das Leben noch viel angenehmer als früher zu machen. — Sie konnte sich gar nicht denken, wie er in des bösen Knaben Hände gekommen sei und als Mlle. Gogo endlich nähere Erkundigungen einzog, und man nach der Beschreibung Wilhelms und nach dem Arbeitsbeutel, den er noch besaß, die lange Jenny als die Ursache von Rosaurus Verschwinden erkannte, da wurde der Letzteren erklärt, daß sie nie wieder bei der kleinen Prinzessin eingeladen werden solle, was allerdings eine große Strafe und auch eine große Schande war. Der Vater schickte sie hierauf in ein Institut und man hoffte, sie werde von da artiger zurückkehren.
Es war recht gut, daß Wilhelm in gute Pflege kam, denn zu Hause fehlte es ja an Allem. Sein Vater hatte beim Holzlesen einen jungen Baum abgehauen und war dabei ertappt worden, da mußte er zur Strafe für die Waldbuße arbeiten und da die Mutter nichts verdienen konnte, so war kein Geld zu Hause.
Im Hause des Präsidenten fehlte es indeß an Nichts. Wilhelm lag im reinlichen Bett in einer hübschen Kammer. Eine freundliche Magd bediente ihn und pflegte ihn. In den ersten Tagen bekam er blos Wassersuppen und kühlende Getränke zu genießen, später sorgte man für kräftigere Nahrung; ein freundlicher Arzt besuchte ihn täglich und der Präsident brachte ihm Bilder und Bücher und setzte sich stundenlang an sein Bett, um ihm Geschichten zu erzählen, er wußte deren sehr schöne: von klugen Kindern, die anstatt ihre Geistesgaben auf das Lernen oder etwas Nützliches zu richten, sie benutzten, um andere Menschen zu überlisten und zu betrügen; er erzählte auch von Verbrechen, die lange geheim gehalten wurden, endlich aber doch ans Tageslicht kamen und den Uebelthäter zur Strafe brachten.