In einem kleinen Städtchen lebte einst eine glückliche Familie; die Eltern waren brav und die Kinder gut erzogen. Nur ein Sohn, Namens Ludwig, gab durch seinen heftigen Charakter oft Ursache zur Unzufriedenheit; dabei hatte er ein rachsüchtiges Gemüth und in den Stunden seines Zorns hatte er manchem Freund schon weh gethan und oft die Geschwister schwer gekränkt. Trotz aller Vorstellungen hatte er diesen Fehler nicht abgelegt; er war nun 16 Jahr, confirmirt, und noch immer brach von Zeit zu Zeit, bei unbedeutender Gelegenheit, seine blinde Wuth aus und äußerte sich in irgend einer Unthat, deren Folgen indeß nie so bedeutend waren, daß sie eine andere Strafe als die Rügen des Vaters veranlaßt hätte.

Eines Tages war Ludwig mit dem Sohn eines Gutsbesitzers beim Tanzen in Streit gerathen; in Wuth entbrannt, wollte er mit der Faust auf seinen Gegner losgehen, dieser aber, stärker wie er, ergriff ihn beim Kragen und warf ihn zur Thür hinaus.

Rache brütend ging Ludwig nach Hause; er mußte vor einem Bauerngut vorbei, welches dem Vater seines Gegners gehörte und einst dessen Erbtheil werden sollte. Er konnte seinem Beleidiger wohl keinen größern Schabernack anthun, als wenn er dasselbe niederbrannte. Noch immer war er in der Aufregung des Zorns und rasch griff er nach dem Feuerzeug und warf einige glimmende Schwammstückchen ins Fenster. Da diese aber nicht gleich zündeten, nahm er ein Wachslichtchen, welches auf der Schwester Weihnachtsbaum gestanden hatte, und warf es brennend in das Stroh. — Dann ging er weiter. Er hatte kaum die böse That gethan, als sein Zorn sich legte und er sie zu bereuen anfing; er hoffte, es werde nicht Feuer fangen. Als er aber eine Stunde zu Bette war, vernahm er den Feuerlärm. Er eilte nach der Brandstätte, er half mit löschen und retten; er war unermüdlich und scheuete keine Gefahr. Er holte sogar ein Kind aus den Flammen, wobei er selbst sehr beschädigt ward; aber nichts konnte das ungestüme Pochen seines Herzens beschwichtigen. Das Gut war niedergebrannt; die Besitzer dankten denen, die beim Retten behülflich gewesen waren und Ludwig vor allen Andern; der Dank that diesem aber sehr weh. Er hätte gern sein Hab’ und Gut hingegeben, um ihn zu entschädigen. — Man quälte sich mit Vermuthungen, wer das Feuer angelegt habe; weder der Gutsbesitzer noch dessen Sohn hatten Jemand beleidigt; sie kannten keinen Feind; man hatte nichts gefunden von dem Mordbrenner, als ein Wachsstöckchen, welches verlöscht war und seinen Zweck nicht erfüllt hatte. Es giebt so viele Wachsstöckchen in der Welt. Dieses konnte unmöglich auf den Schuldigen führen.

Ludwig ward täglich ernster und mehr in sich gekehrt. Seine Wangen erbleichten, er schlief nicht des Nachts; sein Gewissen quälte ihn; auch fürchtete er, man möge doch einmal entdecken, daß er ein Mordbrenner sei und ihn dafür bestrafen. Eines Tages wurde er wirklich abgeholt und verhört. — Einer der Untersuchungsrichter war mit Ludwigs Vater zusammen in der Residenz gewesen und sie hatten zusammen die bunten Wachslichter für den Weihnachtsbaum gekauft; so wußte er, wo solche Lichter waren; kaum war diese Spur gefunden, so gedachte man des Streites, welchen Ludwig am Vorabend des Brandes gehabt. Dann bemerkte man sein unruhiges Wesen, seine bleichen Wangen. Er ward verhört, gestand und wurde auf viele Jahre ins Zuchthaus verurtheilt. So kommt selbst das Geheimnißvollste an den Tag.

Christian, der Sohn eines Tagelöhners, ging einst an einem Garten vorüber, wo Aprikosen an einem Baume hingen. Die Früchte waren ganz reif und hatten die schönsten rothen Backen. „Das will ich mir merken,“ dachte der naschlustige Knabe, „heute Nacht, wenn es dunkel ist, da komme ich und hole sie mir.“ — Als er fort war, kam Peter, der Sohn des Hirten; sein Vater hatte ihn betteln geschickt und er kam heim mit einem Sack voll Brodrinden. Aber er war sehr müde, und da er noch weit von Hause war, legte er sich vor die Gartenthür, welche eine Art von Obdach bot, und schlief ein. — Er wachte auf durch ein Geräusch und sah Jemand in den Garten steigen. Christian hatte sich zwar vorsichtig umgeschaut, aber den in dem Schatten der Thür ruhenden Hirtenknaben nicht entdeckt. Der kleine Peter erkannte dagegen beim Mondenschein den Einsteigenden, wollte ihn aber nicht stören, weil er fürchtete, derselbe könne ihn schlagen. Er legte sich also auf die andere Seite und schlief weiter. Am andern Morgen ward er unsanft von dem Gärtner geweckt, welcher ihn für den Dieb hielt und ihn durchaus vor die Polizei schleppen wollte; aber Peter betheuerte seine Unschuld, er zeigte den Inhalt seines Bettelsacks vor und nannte, da alles nichts half, den wirklichen Dieb. Wirklich fand der Gärtner, welcher gleich in Christians Wohnung ging, die gestohlenen Früchte, während Christian noch fest schlief; er hatte ja einen Theil der Nacht durchwacht und war fest überzeugt, daß Niemand ihn gesehen habe. — Gott sieht es aber immer und weiß es auch immer also zu lenken, daß die menschliche Gerechtigkeit es erfahre und daß schon auf Erden die Strafe den Verbrecher erreicht.


Im Anfang hörte Wilhelm nur mürrisch zu; er hatte ja Schmerzen und diese Schmerzen hatte der Mann, welcher da vor ihm saß, verursacht. Nach und nach aber erweichten die liebevollen Worte sein Gemüth; es war ihm oft zu Muthe, als werde es plötzlich vor seiner Seele Tag; als falle ein Schleier vor seinen Augen herab und er erkannte eine Wahrheit; diese Wahrheit hieß aber: Ehrlich währt am längsten.

Eines Tages, als Wilhelm eine schmerzlose Nacht gehabt hatte und zum ersten Mal das Bett verlassen konnte, freilich mit festgeschientem Arm, frug der Präsident ihn mit seiner freundlichen sanften Stimme: „sage mir doch recht aufrichtig, was du denn eigentlich mit deiner Hand in meiner Tasche wolltest?“

Wilhelm. Ich wollte Ihren Geldbeutel herausholen.

Präsident. Wußtest du denn nicht, daß das gestohlen sei?