„Ich habe neulich gelesen, daß der Löwe, obgleich er eigentlich die Einsamkeit liebt, sich doch leicht an andere Thiere gewöhnen und mit ihnen freundlich verkehren kann. Noch vor nicht all zu langer Zeit gab es in Paris im Jardin des plantes eine Löwin, Namens Constantine, welche während mehrerer Jahre mit einem kleinen Spitz sehr glücklich lebte. Man hatte letzteren, welcher weiß und schwarz war, in ihren Käfig geworfen, und er hatte sich, an allen Gliedern zitternd, in einen Winkel verkrochen. Die Löwin erhob sich langsam, brüllte mit dumpfer Stimme und näherte sich dem armen kleinen Thier, welches ein klägliches Geschrei ausstieß und eine flehende Stellung anzunehmen schien. Sein verzweiflungsvoller Blick schien die Löwin zu rühren; denn sie legte sich ruhig nieder, ohne ihm wehe zu thun. Als man bei der Fütterung Constantine ihre Nahrung gab, ließ sie etwas für den Spitz übrig; er aber wagte nicht irgend etwas davon zu berühren; ja der größte Hunger würde ihn nicht vermocht haben, seinen dunkeln Winkel zu verlassen. Am nächsten Tage fürchtete er sich weniger und entschloß sich, das zu verzehren, was die Löwin für ihn übrig gelassen hatte. Am zweiten Tag wagte er es, aus dem Winkel hervorzukriechen und gleich nach der Löwin zu speisen. Nach acht Tagen erlaubte er der Löwin nicht eher zu fressen, als bis er selbst sich gesättigt hatte, und wenn sie es wagte, sich früher dem Fleisch zu nähern, so sprang der Spitz ihr wüthend in’s Gesicht und biß sie mit allen Kräften.

Im Herbst, als es kalt und feucht wurde, brachte der Spitz die Nächte zwischen den Beinen der Löwin zu, um warm zu liegen, was sie ebenfalls willig geschehen ließ. Zum Dank dafür biß er sie eines Tages in einem Anfall von Wuth dermaßen in den Schwanz, daß das Blut strömte und sie zeitlebens eine Narbe behielt. — Nach einigen Jahren starb der Spitz an Altersschwäche und Constantine schien untröstlich über diesen Verlust. Man gab ihr verschiedene andere Hunde, die sie alle erwürgte; endlich ließ sie den einen am Leben, aber sie zeigte demselben nur die größte Gleichgiltigkeit und erwies ihm nie eine Gefälligkeit. Sie starb auch bald darauf, wie man meinte, aus Sehnsucht nach ihrem bösen Spitz.“

Als Lisi kaum diese Geschichte vollendet hatte, begann Joly zu bellen, und es erschienen drei wunderliche Wesen, welche unter dem Gestrüpp hervorgekrochen kamen; es waren drei Affen. Die Affenmutter trug ihr Kleines, welches krank zu sein schien; die Thiere nahten sich zutraulich und fletschten die Zähne, und hielten die Hände flehend den Kindern hin, die sie vielleicht erkannten, weil sie sie öfters gesehen hatten, denn diese Affen gehörten zu der Menagerie; gewiß waren sie entsprungen. — Die Prinzessin ließ sogleich Milch und Semmel für sie bringen und mit Aepfeln und Nüssen sie in ein Zimmer locken, wo sie eingesperrt wurden.

Nach diesem Ereigniß, welches die Kinder sehr beschäftigte, da sie sich gar nicht denken konnten, wie die Affen hatten entspringen können, wandelten sie zusammen in den Wald. Mlle. Gogo begleitete sie aus der Ferne, Joly und Rosaurus waren ihnen zur Seite. Letzterer schien ganz besonders gern in dem Wald zu sein und die Prinzessin befürchtete, das Blut, welches er in des Löwen Käfig geleckt hatte und sein Antheil an des Löwen Mahlzeit möge in ihm böse Gelüste entwickelt haben. Jedes Mal, wenn er einen Vogel sah, wurde er stutzig und er vermochte kaum seinen grausamen Appetit unter einer gleißnerischen Freundlichkeit zu verbergen. Die Prinzessin pflegte ihn deshalb an einem rosarothen Atlasband zu befestigen und so an ihrer Seite zu halten, in der Hoffnung, ihn von seinen sündhaften Begierden zu heilen und ihm gute Gewohnheiten zu geben.

Das große Abenteuer.

Als die Kinder nun eine ziemliche Strecke in dem Walde zurückgelegt hatten und Lisi meinte, sie müßten zurückkehren, indem sie Mlle. Gogo ganz aus dem Gesicht verloren habe, da vernahmen sie ein ungewohntes Knistern im Dickicht; die Zweige bogen sich und knickten; Rosaurus spitzte die Ohren und Joly zog den Schwanz ein und floh eilend dem Schloß zu. Den Kindern fing es an ganz unheimlich zu werden, sie wußten nicht warum, und doch blieben sie stehen und blickten regungslos nach der Stelle, woher das Geräusch kam.

Aber welch ein Schreck durchrieselte ihre Glieder, als das Gebüsch sich theilte und niemand anders als der Löwe hervortrat; sehr feierlich und behutsam blickte er um sich her und schritt mit wahrhaft majestätischem Anstand auf die Kinder zu. Beiden schlug das Herz heftig und Lisi war so erschrocken, daß sie in Ohnmacht fiel. Die kleine Prinzessin verlor aber nicht die Gegenwart ihres Geistes, und im Vertrauen auf ihre alte Bekanntschaft nahm sie Rosaurus auf die Schulter und blieb vor der ohnmächtigen Lisi stehen. Der Löwe kam näher; er sah gar nicht grimmig aus, sondern wedelte freundlich mit dem Riesenschweif und legte sich dann vor der Prinzessin nieder. Diese nahm ihren ganzen Muth zusammen, schaute dem Thier in die Augen und sprach einige freundliche Worte zu ihm, wie sie es gethan, wenn sie ihm Fleisch in den Käfig brachte.

Plötzlich aber vernahm man im Gebüsch Hundegebell und menschliche Tritte. Der Löwe horchte, sprang erschrocken auf und stürzte der andern Seite des Waldes zu; da fand er aber Hindernisse. Dichtes Gebüsch hemmte seine Flucht. Jäger kamen herbei und nahten auf Schußweite; vier Schüsse krachten auf ein Mal und wohlgetroffen, mit furchtbarem kläglichen Gebrüll fiel das edle Thier nieder und wälzte sich in seinem Blute. Niemand wagte es, sich dem König der Thiere während seines Todeskampfes zu nähern. — Die Prinzessin aber wandte sich der ohnmächtigen Freundin zu, welche mit Hilfe der herbeigeeilten Mlle. Gogo auch bald wieder zu sich kam.

Wie aber hatte der große Löwe den Käfig durchbrechen und in den Wald gelangen können?