Sodann lud man den Menageriebesitzer ein, den Thee mit der Prinzessin zu trinken; die Kinder gedachten an ihn viele Fragen über seine Thiere zu thun und sich zu erkundigen, wie er sie erhalten habe.
„Den Löwen,“ erzählte er, „habe ich, als er noch ganz klein war, einem Araber abgekauft. Der Araber hatte nämlich ausfindig gemacht, daß ein Löwenpaar in einer Höhle seine Jungen groß ziehe. Die Löwen pflegen nun niemals ihre Jungen allein zu lassen und wachen deshalb abwechselnd bei ihnen. Wenn die Löwin die Wache hat, ist sie stets mit ihren Kleinen beschäftigt; der Löwe aber, welcher meist müde von der Jagd nach Hause kommt, benutzt die Zeit der Beaufsichtigung, um zu schlafen, und da schläft er oft sehr fest mit den Kleinen um die Wette. Diesen Augenblick hatte der Araber nun von einem nahen Baume erlauert; als die Löwin einige Minuten fort war, kletterte er herab, kroch in die Höhle und nahm zwei kleine Löwen, die er in seinen Busen barg; sie winselten etwas und der Vater knurrte im Schlafe so stark, daß der Araber schon meinte, er sei verloren; er eilte so schnell als möglich fort nach einer Stelle auf einem Hügel, wo ein Pferd seiner wartete; er hatte solches indeß noch nicht erreicht, als er die Löwin hinter sich her kommen sah mit dem Ausdruck und dem Gebrüll der höchsten Wuth. In großen Sätzen durchras’te sie das Thal und der Araber wäre verloren gewesen, wenn er nicht die Gegenwart des Geistes gehabt hätte, eines der kleinen Löwen niederzulegen, so daß die Mutter es finden mußte. Dann bestieg er das Pferd und jagte davon. Als er mir den jungen Löwen brachte, hatte derselbe ihn mit scharfen Krallen die Brust zerkratzt, so daß das Blut in Strömen herabrieselte. Ich mußte dem Araber viel Geld für den jungen Löwen zahlen und hatte dann noch große Mühe, ehe ich ihn groß brachte; da können Sie es sich wohl denken, wie sehr es mich betrübt, das schöne Thier nun verloren zu haben.“ Thränen strömten seinen Wangen herab; dann erzählte er weiter:
„Es ist schon so viel von den Gewohnheiten des Löwen erzählt worden und dennoch giebt es noch manchen wenig bekannten Zug in seiner Lebensweise. Wenn der Löwe in Gesellschaft jagt, so wird der älteste immer zuerst das Wild anfallen. Ist er so glücklich, dasselbe zu erlegen, so streckt er sich während einer Viertelstunde an dessen Seite nieder, um wieder zu Odem zu kommen, und seine Gefährten lagern sich um ihn her. Hat er sich genugsam ausgeruht, so erhebt er sich und verzehrt den Bauch und die Brust des getödteten Thieres; das sind die Lieblingsbissen des Löwen. Sodann legt er sich abermals nieder, ohne daß seine Gefährten oder seine Jungen sich die geringste Bewegung erlauben. Erst wenn sein Hunger vollständig befriedigt ist, fallen sie über das getödtete Thier her und zerfleischen es. So auch wenn ein junger Löwe auf der Jagd glücklich war, und ein alter ihm naht, wird er sich stets zurückziehen und warten bis der alte seine Mahlzeit vollendet hat.“
„Ich beobachtete einst einen großen Löwen, welcher im Gebüsch lag, und verschiedene Mal seinen ungeheuren Satz nach einem alten Baumstamm richtete, gleichsam um Kräfte und Blick zu üben.“
„Ich kannte in Bethanien einen Mann, welcher auf einer Fußreise nach einer Quelle einlenkte, wo er eine Gazelle zu erlegen hoffte. Die Sonne stand schon ziemlich hoch, als er diese Quelle erreichte; da er kein Wild bemerkte, legte er die Flinte auf einen, von wildem Dorngebüsch beschatteten Felsen, erfrischte sich mit einem kühlen Trunk an der Quelle und streckte sich dann auf dem Felsen nieder, wo er, nachdem er seine Pfeife geraucht hatte, einschlief. Bald darauf erweckte ihn indeß die Hitze der Sonne, welche die Felsenwände zurückstrahlte, und als er die Augen aufschlug, erblickte er zu seinen Füßen einen großen Löwen, welcher in liegender Stellung seine glühenden Augen auf ihn gerichtet hatte. Er blieb einige Augenblicke regungslos, bis er seine Geistesgegenwart wieder erhielt; verstohlen blickte er nach seiner Flinte und machte eine Bewegung dieselbe zu ergreifen. Dem Löwen entging solches indeß nicht, er richtete das Haupt empor und erhob ein furchtbares Gebrüll. Zu verschiedenen Malen erneuerte der arme Mann den Versuch seine Waffen zu fassen und jedes Mal drohte ihm der wüthende Löwe von Neuem mit seinem Gebrüll. Die Lage des Hottentotten wurde immer peinlicher; der Felsen, worauf er lag, ward so heiß, daß er kaum seine nackten Füße darauf konnte ruhen lassen. Tag und Nacht verstrichen, ohne daß der Löwe seine Lage gewechselt hätte. Abermal ging die Sonne empor und die Gluth ihrer Strahlen ward bald so heftig, daß die schmerzhaften Füße ganz gefühllos wurden. Gegen Mitte des Tages erhob sich der Löwe und begab sich an die Quelle, indem er bei jedem Schritt den Kopf umdrehte, um seinen Gefangenen zu bewachen; und so bald als dieser nur die kleinste Bewegung mit der Hand machte, drohte das Thier über ihn herzustürzen; als es getrunken hatte, legte es sich wieder an seinen Platz und es verstrich eine zweite Nacht, ohne daß sich das Auge des Königs der Wälder von dem armen Hottentotten abwandte.“
„Am nächsten Morgen erhob sich der Löwe abermals, um seinen Durst zu löschen, als ein fernes Geräusch sein Ohr erreichte; er horchte auf und verschwand im Gebüsch.“
„Der Hottentotte nahm alle seine Kräfte zusammen, um seine Flinte zu ergreifen, und wollte sich, nachdem dieses ihm gelungen, aufrichten, fiel aber wieder nieder, da seine Füße ihn nicht tragen konnten. Mit der Flinte kroch er an die Quelle und trank in langen Zügen; dann erst betrachtete er seine Füße und entdeckte, daß seine Zehen ganz verbrannt waren. Er setzte sich nieder, um die Rückkehr des Löwen zu erwarten, entschlossen, sein Gewehr in dessen Hirn zu entladen, da er ihn aber nicht zurückkehren sah, begann er auf allen Vieren den Weg nach seiner Wohnung einzuschlagen, in der Hoffnung einem Reisenden zu begegnen, der ihm weiter helfe, was auch geschah; man brachte ihn an einen sichern Ort, wo er gepflegt werden konnte. Er verlor indeß die Zehen und konnte niemals wieder sich des vollständigen Gebrauchs seiner Füße erfreuen.“
„Der Löwe ist beim Fressen, wenn er Hunger hat, sehr grimmig, gesättigt ist er aber ganz mild. Bei der Jagd ergreift er nie offenbar die Flucht oder zeigt Furcht. Sucht er auch wegen der Menge der Jäger sich zu entfernen, so weicht er doch nur langsam und Schritt vor Schritt und wendet sich von Zeit zu Zeit um. Erreicht er einen Wald, so flieht er schnell, bis er wieder ins Freie kommt; dann geht er wieder schrittweis, oder wird er zu sehr gedrängt auch laufend, aber nie springend. Er läuft wie ein Hund, gerade und vorgestreckt fort; will er aber selbst angreifen, so springt er auf den Raub, sobald er ihm nahe ist. Auch ist es wahr, daß er das Feuer fürchtet. Er hat keine besondere Vorliebe für Menschenfleisch, und zieht jedes andere demselben vor. Nur wenn er zu alt ist, um Jagd auf die Thiere zu machen, nähert er sich gern den Städten und fängt Kinder zu seiner Nahrung. Er giebt den Hottentotten immer den Vorzug vor den weißen Menschen, vielleicht weil sie unbekleidet sind; er durchbricht oft die Reihen der Jäger, um sich das erwählte Opfer heraus zu suchen. — Wenn der Löwe alt wird, verliert er die Zähne; dann hat er wenig Muth und man sah einen Löwen, der vor einem Schweine floh, welches sich wehrte und die Borsten gegen ihn sträubte. Er kann übrigens viele Pfeilschüsse aushalten, nur nicht in den Weichen. Am Kopf ist er am festesten. In Lybien glaubt man, er verstehe das Flehen der Frauen. Eine Gefangene, welche mit ihrem Kind am Wege stand, sah plötzlich einen Löwen vor sich liegen; da warf sie sich im Schrecken vor ihm nieder und bat ihn jammernd, sie und ihr Kind zu verschonen, da soll er aufgestanden und fortgegangen sein. Die Absicht des Löwen verräth der Schwanz; wenn sich derselbe nicht bewegt, so ist das Thier guter Laune. Ist es das nicht, so schlägt er mit dem Schweif auf die Erde, und bei wachsender Wuth sich selbst auf den Rücken, gleichsam als wollte er seinen Zorn dadurch noch mehr reizen. Kämpft die Löwin für ihre Jungen, so heftet sie die Augen auf den Boden, um nicht vor den Waffen zu erschrecken. Wenn man indeß dem Löwen eine Decke über Kopf und Augen wirft, da ist seine Kraft gebrochen und man kann ihn sogar binden, so furchtsam ist er.“
„Zwei Jäger stießen plötzlich auf einen Löwen, welcher im Gras lag und mit dem Schweif schlug; Beide sehen ein, daß es um sie geschehen sei; als der Löwe nun auf den Einen zusprang, wich derselbe schnell aus, packte das Thier an der Mähne und klammerte sich fest an ihn. Der Löwe schüttelte und wälzte sich mit dem Unglücklichen, welcher endlich von seinem Halten loslassen mußte. Schon sah er den Rachen über sich geöffnet, als er mit beiden Händen hineinfuhr und des Löwen Zunge packte. Während dem zielte der andere Jäger nach dem Thier und traf es tödtlich.“
„Sobald ein Pferd einen Löwen riecht, achtet es nicht mehr auf Zaum und Gebiß, sondern reißt mit dem Reiter aus oder wirft ihn ab. Der Löwe verfolgt indeß das Pferd und läßt den Reiter liegen.“