Ich könnte leicht sagen, man solle uns die Freiheit der Sitten geben und der Zwang der Kunst würde folgen; man möge die Hypokrisie des Lebens unterdrücken, und die Maske stiege wieder auf die Bühne. Aber da nun schon die Sittlichkeiten und Moralen immer noch nicht hören wollen, so ist es am Künstler, den Anfang zu machen. Ich habe einige Hoffnung, daß die Moralen folgen; und deshalb:
Es ist klar, daß die neuen gesellschaftlichen Formen, die neuen Verteilungen des Besitzes, unvorhergesehene äußere Einschüsse viel für die Bildung der Charaktere bedeuten; doch glaube ich, daß man all dieser Dinge formgebende Bedeutung überschätzt: ich gebe ihnen nur die Bedeutung des Aufdeckens, Enthüllens. Alles ist immer im Menschen gewesen, mehr oder weniger offen oder verborgen – und was da die neue Zeit aufdeckt, wacht nur unter dem Blicke auf, doch war schlafend da in aller Zeit. Wie ich glaube, daß auch in unserer Zeit noch Prinzessinnen von Cleve und Celadone existieren, so bin ich überzeugt, daß es Adolphe, Rastignac und sogar Julien Sorel lange gab, bevor sie in den Büchern erschienen. Mehr noch: ich glaube, indem ich die Menschheit über die Rasse setze, daß man auch anderswo als in Petersburg, in Brüssel zum Beispiel oder in Paris Nedjanoff, Karamasoff und Anna Karenina finden kann. Aber so lange die Stimmen dieser nicht im Buch, auf der Bühne festgehalten, sind, sind sie verschlossen, erstickt unter dem Mantel der Sitten und warten auf ihre Stunde. Man horcht auf die Welt und hört diese Stimmen nicht, denn die Welt hört nur auf die, deren Stimme sie erkennt, und diese neuen Stimmen sind erstickt, unterdrückt. Man schaut auf den schwarzen Mantel der Sittlichkeiten und sieht nicht was darunter. Und: diese neuen Formen der Menschheit kennen sich selber nicht. Wie viele heimliche Werter kannten sich nicht und mußten erst auf die Kugel des Goethe'schen Werter warten, um sich zu töten! Wie viele verborgene Helden, die nur auf das Beispiel eines Helden in einem Buche warten, auf einen daraus zu ihrem Leben hin entsprungenen Funken um zu leben, auf sein Wort, um zu sprechen! Ist es nicht das, was wir vom Theater hoffen, daß es der Menschheit neue Formen des Heldentums gibt, neue Helden?
Und hier stoße ich auf eine letzte Schwierigkeit: unsere heutige Gesellschaft gestattet uns eine einzige Form des Heldentums (wenn das noch Heldentum ist): den Heroismus der Resignation, des Hinnehmens; deshalb ist es, daß wenn ein so mächtiger Schöpfer von Charakteren wie Ibsen über die Menschen seines Theaters den traurigen Mantel unserer Sittlichkeiten legt, er mit gleicher Hand seine heldenhaftesten Helden zum Bankerott verurteilt. Ganz notwendigerweise zeigt uns sein außerordentliches Theater Heldenbankerotte auf der ganzen Linie. Wie hätte er es anders gemacht, ohne sich von der Wirklichkeit zu entfernen – oder ebensogut, wenn nämlich die Wirklichkeit den Helden, den vortretenden dramatischen Helden erlaubte? Diese kühne Arbeit eines Prometheus, eines Pygmalion glaube ich jenen aufbewahrt, die beherzt einen tiefen weiten Graben vor der Rampe ziehn, die Bühne vom Saal, von der Wirklichkeit die Erfindung, vom Zuschauer den Schauspieler und vom Mantel der sittlichen Konvenienzen den Helden weit trennen.
«Die langsame und unendliche Zeit, sagt der Ajax des Sophokles, bringt ans Licht alles Verborgene und verbirgt was im Licht war, und nichts ist was nicht kommen kann.» Wir erwarten von der Menschheit neues, das ans Licht kommt. Oft behalten jene, die das Wort ergreifen, es schrecklich lang; die noch stummen Generationen sind ungeduldig in Schweigen. Die da sprechen und meinen, sie repräsentierten die Menschheit ihrer Zeit, sollen nicht vergessen, daß andere warten und daß sie es dann nicht mehr haben für lange, haben jene andern einmal das Wort genommen. Heute gehört jenen das Wort, die noch nicht gesprochen haben. Welche sind es? Das wird uns das Theater sagen.
Ich denke an das «offene Meer», von dem Nietzsche spricht, an das vom Menschen noch unentdeckte Land voll neuer Gefahren und Überraschungen für den kühnen Seefahrer. Ich denke was die Fahrten waren vor den Karten und ohne das genaue und begrenzte Repertoire des Gekannten. Und ich lese die Worte Sindbads wieder: «Nun schleuderte der Kapitän seinen Turban zu Boden, schlug sich ins Gesicht, raufte seinen Bart und warf sich in unsäglichem Schmerze auf dem Verdecke des Schiffes hin. Alle Reisenden und Kaufleute umringten ihn fragend, was all das bedeute. Der Kapitän sagte: Wir sind mit unserm Schiff vom rechten Wege ab, aus dem Meere, in dem wir waren, in eines gekommen, dessen Wege wir kaum kennen.» Ich denke an das Schiff des Sindbad – und daß unser Theater die Wirklichkeit verlasse und den Anker hebe.
Personen:
- Candaules
- Gyges
- Phedros
- Syphax
- Nicomedes
- Pharnaces
- Philebos
- Simmias
- Sebas
- Archelaos
- Der Koch
- Nyssia
- Trydo
Diener und Musikanten. – Zu alten Zeiten in Lydien.