Die Szene stellt einen Teil eines wohlgepflegten Gartens dar, der zu einem Festsaal verwandelt ist. Etwas nach rechts ist eine Tafel reich gedeckt.

Prolog:

GYGES: Der, der ein Glück hält, soll sich gut verstecken! Und besser noch: sein Glück vor Andern. Hier wird Candaules seine Schmeichler lehren, an seinem Reichtum reich zu werden. Ich kann nicht schmeicheln, nicht schön reden, und stärker als meine Zunge sind meine Arme. Ich, der arme Gyges, hab' nichts, als vier Dinge auf der Welt: Meine Hütte, mein Netz, mein Weib und meine Armut. Ein Fünftes noch: die Kraft, mit der ich mir meine Hütte und meinen Stolz baute, die sich am Strand die Binsen brach, mein Haus zu decken. Ebbt das Meer, so sammle ich den Tang – getrocknet gibt er ein rauhes duftendes Lager, auf dem wir müde ruhn, ich und mein Weib. Zum Morgenaufgang zieh' ich aus, im einen Arm mein Netz, im andern meine Kraft. Ich fing den Fisch hier. Ich fing ihn, mein Weib, das wird ihn braten; seit zwei Tagen arbeitet sie draußen in den Palastküchen. – Wie wenn sein Glück ihm zu groß für einen einzelnen Menschen schiene, ruft der freigebige Candaules die Könige und Großen seines Reiches um sich. Man feiert Feste. – Ehemals kannte ich, der arme Gyges, Candaules, den König. Wir sind gleichen Alters und da wir beide jung waren, kam der kleine Candaules oft herab zur Küste und spielte da. Er spielte und wollte alle seine Spiele mit mir teilen, denn er hatte ein gebendes Wesen. Er erinnert sich nicht mehr daran, weil er reich ist, aber in dem Leben eines Armen bleibt alles. Seit jener Zeit sah ich ihn nicht mehr. Doch liebe ich Candaules und leide daran, daß ich ihn von solchen schamlosen Schmeichlern und Dummköpfen umgeben sehe, die seine gütige Art nützen und ihn preisen, ohne ihn verstehen zu können. Es lebe Candaules! Alle schönen Redensarten der Schmarotzer sind nicht das eine «Danke!» wert, das ihnen der König gibt. Aber was macht es Candaules, daß ich ihn liebe? Der Blick der Mächtigen schaut über die Kleinen weg und sieht sie nicht. Drum geh' ich, wenn auch zum Feste in den Küchen eingeladen, das endet spät, und später noch der Rausch. Und morgen fehl' ich dann den Fang. – Auf Gyges du Stolzer, Gyges du Nüchterner, trag deine nassen Netze in die Küche; dann warte an der Tür – schau' nicht viel um – bis daß dein Weib die Teller abgewaschen und mit dir geht in's Haus des Fischers Gyges. Komm', Gyges.

(Er geht ab.)

Erste Szene.

Der Koch und mehrere Diener mit Schüsseln treten ein.

DER KOCH: Überallhin Früchte … He! Gyges! Du gehst?… Nein, nicht hierher den Salat!… Gyges, bleib doch bei uns. Der König lädt' heut' Alles, was vorbeikommt in sein Haus. Ich lade Dich im Namen der ganzen Küche. Der König will, daß heute so viel Wein vergossen werde, daß er bis auf unsere Tische fließt und daß der kleinste Küchenjunge betrunken darunter liegt.

GYGES (der mit seinen Netzen beladen zurückkommt): Ich bin kein Diener des Königs.

DER KOCH: Was macht das? – Wenn des Königs Tisch zu voll ist und überläuft: mach' Dir's zu Nutzen.

GYGES: Es gefällt mir nicht, den König zu nutzen. (Er geht ab nach links.)