— Sind nun mal so? . . . Sind nun mal so? Seit wann denn, he? hast du nie was von Suffragetten gehört, die Minister geohrfeigt, Museen in Brand gesteckt, sich an Laternenpfähle haben anketten lassen für das Stimmrecht? Für das Stimmrecht, hörst du? Und für ihre Männer nicht? Nicht einen Laut, nicht einen Schrei!

Einen Augenblick hielt er inne, atemholend; übermannt von wilder, würgender Verzweiflung. Dann raffte er sich noch einmal auf und schrie, mühsam gegen das Schluchzen ankämpfend, das ihn immer wieder gurgelnd erfaßte, aus tiefster Not, wie ein gehetztes Tier:

— Hast du von einer gehört, die sich für ihren Mann vor den Zug geworfen hat? Hat eine für uns Minister geohrfeigt, sich an die Schienen gebunden? Keine einzige hat man wegreißen müssen. Nicht eine hat gekämpft, nicht eine hat uns verteidigt. Nicht eine hat sich gerührt, in der ganzen Welt. Hinausgejagt haben sie uns! Den Mund verstopft haben sie uns! Die Sporn haben sie uns gegeben, wie dem armen Dill. Morden haben sie uns geschickt, sterben haben sie uns geschickt, für ihre Eitelkeit. Willst du sie verteidigen? Ausgerissen müssen sie werden! Ausgerissen wie Unkraut, mit der Wurzel! Zu viert müßt ihr zieh’n, wie beim Dill. Zu viert, dann muß sie raus. Bist du der Doktor? Da! Mach ihn auf meinen Kopf! Ich will keine Frau. Sieh, — zieh sie raus . . . .

Weit ausholend sauste seine Faust, wie ein Hammer, auf den eigenen Schädel, griffen seine gekrümmten Finger erbarmungslos in den spärlichen Haarwuchs am Hinterkopf, bis er, aufbrüllend vor Schmerz, einen ganzen Büschel ausgerissen in die Höhe hielt.

Im nächsten Augenblick lagen, auf einen Wink des Arztes, die vier Wachsoldaten schon keuchend über ihm. Er schrie, knirschte, schlug um sich, strampelte sich frei, schüttelte sie ab wie Kletten; auch der alte Korporal und der Doktor mußten mit zugreifen, dann erst gelang es ihn ins Haus zu schleppen.

Hinter ihm leerte sich rasch der Garten. Als letzter humpelte der Musulmann, mit dem Philosophen an seiner Seite, dem Eingang zu. Vor dem Portal blieb er stehen, sah, im Schein der Laterne, ernsthaft auf sein vergipstes Bein, das wie leblos zwischen den Krücken hing.

— Weißt, Philosoph, da ist mir meine Hax’n doch lieber. Narrisch wer’n, wie dieser arme Teufel, is schon ’s Ärgste, was ei’m draußen passieren kann. Dann schon lieber gleich ganz weg mit’n Kopf! Oder meinst du, daß der noch mal wer’n kann?

Der Philosoph schwieg. Sein rundes, gutmütiges Gesicht war aschfahl geworden; seine Augen schwammen in Tränen. Er zuckte die Achseln und half dem andern wortlos über die Treppe. Als sie auf den Korridor traten, hörten sie, weit irgendwo im Haus, noch Türen schlagen und einen letzten, dumpfen Schrei.

Dann wurde es still. Die Fenster im Offiziersflügel erloschen der Reihe nach, und bald lag der Garten, wie eine buschige, schwarze Insel, in den Fluß geschmiegt, der lautlos sich kräuselnd vorbeizog. Nur das Husten der Geschütze brachte ein Windstoß ab und zu, wie fernes Echo, aus dem Westen herüber.

Noch einmal knirschte der Kies, als die Patrouille, quer durch den Garten, zum Wachtgebäude zurückmarschierte. Ein Soldat fluchte leise und nestelte an seiner zerrissenen Bluse. Die anderen atmeten schwer, — wischten sich mit dem Handrücken den Schweiß von der roten Stirne. Hinter ihnen ging der alte Landsturmkorporal, die Pfeife im Mundwinkel, mit gesenktem Kopf. Als er in die Hauptallee einbog, flammte eben ein heller Feuerschein über den Himmel und ein langes Rollen, das sich schließlich knurrend in die Erde verkroch, machte alle Fenster erklirren.