Der Alte blieb stehen. Er horchte, bis das Grollen verstummt war, hob drohend die geballte Faust, spie in weitem Bogen zischend durch die Zähne, und brummte, mit einem Ekel, der aus tiefster Seele kam:

— Pfui Teufel!

Feuertaufe

Eine halbe Stunde hatte die Kompagnie am Waldrande gerastet; nun gab Hauptmann Marschner den Befehl zum Aufbruch. Er war, trotz der mörderischen Hitze, ganz blaß, und sah beiseite, während er Leutnant Weixler den Auftrag gab, dafür zu sorgen, daß innerhalb zehn Minuten alles marschbereit sei, bis auf den letzten Mann.

Eigentlich hatte er sich selbst überrumpelt mit diesem Befehl. Denn nun, das wußte er, gab es keinen Aufschub mehr! Wenn er Weixler auf die Mannschaft losließ, dann klappte alles; die Leute zitterten vor diesem knapp zwanzigjährigen Jungen, als wäre er der leibhaftige Teufel. Und manchmal schien es dem Hauptmann selbst schon, als hätte die baumlange, knochige Gestalt wirklich etwas Unheimliches an sich. Nie flammte auch nur ein Funken Wärme aus diesen kleinen, stechenden Augen, die immer eine flackernde Unruhe spiegelten, immer wie im Fieber glänzten. Nichts war jung an dem ganzen Menschen, außer dem kleinen, schütteren Schnurrbart über den verkniffenen Lippen, die sich nur auftaten, um mit hämischer Härte die Bestrafung eines Soldaten zu fordern. Ein Jahr fast hatte ihn Hauptmann Marschner schon an seiner Seite, und hatte ihn noch nie lachen gehört; wußte noch nichts von seiner Familie, nicht woher er kam, ob er überhaupt Angehörige hatte. Er sprach nur selten, in kurzen, hastigen Sätzen, die er zischend hervorstieß. Wie das Brodeln einer verbissenen Wut, die in ihm kochte, klang alles, was er sagte, und handelte immer von Dienst oder Krieg, als gäbe es außer diesen beiden Dingen überhaupt nichts auf der Welt, was Worte lohnte.

Und diesem Menschen hatte das Schicksal den Streich gespielt, ihn das ganze erste Kriegsjahr hindurch im Hinterland zurückzuhalten! Elf und ein halb Monate dauerte schon der Krieg, und Leutnant Weixler hatte noch keinen Feind gesehen. Wenige Kilometer war er nur, gleich zu Beginn, über die russische Grenze gekommen, dann hatte ihn der Typhus erwischt, ehe er noch einen Schuß abgefeuert. Nun kam er endlich an den Feind! Hauptmann Marschner wußte, daß er ein Mannschaftsgewehr für sich mitschleppen ließ, und seine gesamten Ersparnisse für ein Zielfernrohr geopfert hatte, um ganz auf Numero sicher zu gehen, und genau zu wissen, wie viel Feinden er das „Lämpchen ausgeblasen“. Er war fast fröhlich geworden, seit man das Feuer schon aus der Nähe hörte, gesprächig, von einem nervösen Eifer getrieben, wie ein passionierter Jäger, wenn er die Fährte aufnimmt. Der Hauptmann sah ihn bald da, bald dort aus dem Gedränge auftauchen, und wandte sich ab. Er wollte es nicht sehen, wie der Kerl seine armen, totmüden Leute drangsalierte, sie anfuhr, genau wie ein kläffender Schäferhund, der die Herde zusammentreibt. Lange, ehe die zehn Minuten vergangen waren, würde die Kompagnie gestellt sein, dafür sorgte Weixlers Ungeduld; und dann, — dann gab es keinen Grund mehr, noch länger zu zaudern. Keine Möglichkeit mehr, den schweren Entschluß weiter hinauszuschieben!

Hauptmann Marschner tat einen tiefen Atemzug, und sah mit merkwürdig gespannten, weit aufgerissenen Augen zum Himmel hinauf. Da vorne, jenseits des steilen Hügels, der jetzt noch die Aussicht auf das Gefechtsfeld versperrte, tackten, in atemloser Eile, unsichtbar die Maschinengewehre; und kaum eine Spanne hoch über dem Rande der Böschung schwebten, dicht gesät, kleine, gelb-weiße Päckchen, wie hochgeworfene Schneeballen in der Luft: die Sprengwolken des Sperrfeuers, durch das er seine Kompagnie zu führen hatte.

Es war kein kurzer Weg! Zwei Kilometer noch, vom jenseitigen Fuße des Hügels, bis zum Eingang der Laufgräben; und immer über freies Feld, ohne jede Deckung. Für eine Landsturmkompagnie, für ehrwürdige Familienväter, die seit wenigen Stunden im Felde standen, jetzt erst ihre Feuertaufe erhalten, zum erstenmal Pulver riechen sollten, wahrlich keine kleine Aufgabe. Für den Weixler, der nichts anderes im Kopf hatte, als das Verdienstkreuz, das er sich je eher holen wollte, — für solch einen zwanzigjährigen Raufbold, der die Welt um die eigene, hochwichtige Person rotieren ließ und noch keine Zeit gehabt hatte, das Leben schätzen zu lernen, mochte das nur ein aufregender Spaziergang sein, eine prickelnde Sache, bei der man sich so richtig fühlen, seine Unerschrockenheit ins rechte Licht setzen konnte. Im Stillen machte der sich wohl längst schon lustig über die Unentschlossenheit seines alten Hauptmanns, und fluchte über diese letzte Rast, die ihn noch eine halbe Stunde länger auf seine erste Heldentat zu warten zwang.

Marschner mähte mit seinem Reitstock die hohen Grashalme nieder, und schielte, von Zeit zu Zeit, verstohlen zu seiner Kompagnie. Er merkte es an den schleppenden Bewegungen der Leute, an dem Widerstreben, mit dem sie sich erhoben, wie Kinder, die man aus dem Schlafe weckt, daß sie es längst schon erfaßt hatten, wohin der Weg nun ging. Die lautlose Stille, in der sie ihre Bündel packten und eintraten in die Reihe, krampfte ihm das Herz zusammen.

Unermüdlich hatte er sich seit Kriegsbeginn auf diesen Augenblick vorbereitet, Tag und Nacht gegrübelt, sich’s tausendmal vorgesagt, daß wo Höheres auf dem Spiele stand, die Not des Einzelnen nichts bedeutete; daß ein gewissenhafter Führer sich wappnen müsse mit Gleichgültigkeit. Und nun stand er da, — und merkte mit Schrecken, wie alle guten Vorsätze abbröckelten und nichts in ihm übrig blieb, als heißes, grenzenloses Mitleid mit diesen aufgescheuchten Nesthütern, die sich so still ergeben bereit machten; gleichsam ihr Leben in die Hände nahmen wie ein kostbares Gefäß, um es in den Kampf zu tragen und dem Feinde vor die Füße zu werfen, als wäre es ihr Geringstes, was da in Scherben ging!