Ein Kaninchen, das man selbst großgezogen hatte, unter’s Messer zu liefern; einen liebgewonnenen Haushund eigenhändig zum Schinder zu schleifen, schon Solches hätte man ihm, dem gutherzigen „Onkel Marschner“ — wie er in Bekanntenkreisen hieß —, nicht zumuten dürfen. Und nun sollte er Menschen, die er selbst zu Soldaten ausgebildet, monatelang unter den Augen gehabt hatte, Menschen, die er wie seine Taschen kannte, ins Schrapnellfeuer hineinjagen! Was nutzten da alle tiefsinnigen Betrachtungen? Er sah nur die ängstlich flehenden Blicke, die seine Leute zu ihm hinüberschickten, um Schutz bittend, als glaubten sie, ihr Herr Hauptmann könne auch Flintenkugeln und Sprengstücken den Weg vorschreiben. Und dieses Vertrauen sollte er nun mißbrauchen? Sollte diese bärtigen Kindsköpfe, die er vorgestern erst, von ihren Kleinen umringt, Abschied nehmen gesehen von den weinenden Frauen, jetzt ohne Rührung in den Tod kommandieren? Sollte unbekümmert weiter marschieren, wenn der eine oder andere getroffen hinfiel, sich jammernd in seinem Blute wälzte? Woher sollte er die Kraft nehmen, zu solcher Härte? Von dem höhern Ziele etwa? Es war nicht da. Nicht mit den Händen zu fassen. Es war zu sehr gesprochen, zu sehr nur Klang, als daß es ihm hätte seine Soldaten verdecken können, die mit heimwärtsgewandter Seele dem Sperrfeuer entgegenbangten!

Wie ein Schlag in die Magengegend traf ihn die Meldung, die ihm Leutnant Weixler strahlend, mit geröteten Wangen ins Gesicht schmetterte. Das klang so herausfordernd! Die dreiste Frage: „Nun, warum freust du dich nicht auch auf die Gefahr, wie ich?“ war nicht zu überhören. Hauptmann Marschner strömte alles Blut in die Schläfen, er mußte den Blick abwenden, und seine Augen irrten unwillkürlich zu den Schrapnellwolken, trugen eine Bitte, eine heimliche Invokation zu den dummen, wahllos niederprasselnden Dingern hinauf: sie möchten diesem frostigen Burschen doch das Leiden lehren, — ihn überzeugen von seiner Verwundbarkeit!

Eine Sekunde später senkte er schon beschämt den Kopf. Sein Zorn wuchs gegen den Menschen, der ihm eine solche Regung hatte entlocken können. — Danke. Laß die Leute „Ruht“ stehen; ich muß noch einmal nach den Pferden schau’n, — sagte er gemessen, mit einer erzwungenen Ruhe, die ihm wohl tat. Er wollte sich nicht drängen lassen, nun erst recht nicht, und freute sich, als er den Leutnant zusammenzucken sah; lächelte zufrieden in sich hinein über das indignierte Gesicht, und das trotzige „Zu Befehl, Herr Hauptmann“, das lange nicht mehr so schmetternd hell klang, sondern knirschend aus gepreßter Kehle kam. Der Junge sollte nur auch einmal merken, wie wohl es tat, gebändigt zu werden! Sonst liebte er es ja, sich auf Kosten der Mannschaft an seiner Macht zu berauschen, triumphierend, als wäre es die Kraft seiner Persönlichkeit, die den Leuten Herr ward, und nicht das Dienstreglement, das immer ihm zur Seite stand.

Mit gemächlichen Schritten ging Hauptmann Marschner in den Wald zurück, doppelt froh, daß die Lektion, die er Weixler erteilt, seinen alten Knaben eine kurze Galgenfrist bescheert hatte. Vielleicht sauste eine Granate vor ihrer Nase in die Erde, und diese wenigen Minuten retteten zwanzig Menschen das Leben. Vielleicht? . . . Es konnte freilich auch umgekehrt kommen: just diese Minuten . . . Ach! was hatten solche Berechnungen für Zweck? Am besten war nicht daran denken! Er wollte den Leuten helfen so viel er konnte; Retter konnte er keinem sein.

Oder doch? . . . Den einen, der ihm eben mit Feuereifer aus dem Walde entgegenstürzte, hatte er vorläufig geborgen. Der blieb, mit sechs Mann, bei den Pferden und dem Train zurück. War es ein Unrecht, gerade diesen zu bestimmen? Alle anderen Unteroffiziere waren älter, und verheiratet; der kleine, dicke, mit den O-Beinen hatte sogar sechs Kinder daheim. Konnte er es vor seinem Gewissen verantworten, diesen jungen, ledigen Burschen hier in Sicherheit . . .

Mit einer wütenden Handbewegung unterbrach der Hauptmann seine Gedanken. Am liebsten hätte er sich mit der Faust an der Brust gepackt und tüchtig durchgebeutelt. Daß er das verdammte Grübeln und Abwägen noch immer nicht lassen konnte! Gab es hier noch eine Gerechtigkeit, im Machtbereiche der Granaten, die Taugenichtse verschonten und die Besten niederstreckten? Hatte er sich’s nicht fest vorgenommen, sein Gewissen, seine Rührseligkeit, sein ewig waches Mitgefühl mit allen überflüssigen Gedanken daheim zu lassen, bei seiner eingekampferten Zivilkleidung, in der Friedenswohnung? Das alles gehörte zum Zivilingenieur Rudolf Marschner, der früher einmal Offizier gewesen und mit dreißig Jahren noch einmal zur Schulbank zurückgekehrt war, um das Kriegshandwerk, in das er sich als dummer Junge verirrt hatte, gegen einen Beruf zu vertauschen, der seiner weichen, nachdenklichen Natur besser entsprach. Daß ihn dieser Krieg jetzt, zwanzig Jahre später, noch einmal zum Soldaten gemacht hatte, war ein Unglück. Eine Katastrophe, die ihn — wie alle —, unverdient traf; mit der er sich aber endlich abfinden mußte. Und dazu gehörte, in erster Reihe, das Loskommen von allem raisonieren! Wozu sich viel mit Fragen quälen? Einer mußte doch im Walde zurückbleiben, zur Aufsicht. Der Kommandant hatte diesen jungen Zugführer bestimmt, also blieb dieser da. Und damit basta!

Peinlich war es nur, daß der Kerl so ein gerührtes Gesicht schnitt. Widerlich, einfach widerlich war die hündische Dankbarkeit, die ihm aus den feuchtschimmernden Augen strahlte! Wie kam der Mensch dazu, etwas von seiner Mutter zu stammeln? Er wurde hier gelassen, weil der Dienst es erforderte; seine Mutter hatte dabei nichts zu tun. Die saß in Wien, — und hier war Krieg. Das mußte er sich gesagt sein lassen: sein Kommandant wollte nicht hoffen, daß er es als Glück, oder gar besondere Gnade empfinde, nicht mit in den Kampf zu müssen!

Es wurde Hauptmann Marschner gleich leichter ums Herz, als er den zerknirschten Sünder so herunterkapitelt hatte. Sein Gewissen war jetzt ganz frei, als hätte er den Mann wirklich nur ganz zufällig auf diesen Posten beordert. Doch dauerte dieses Gefühl nicht lange, denn der alberne Kerl ließ es sich nicht nehmen, ihn, wie seinen Retter, anzuhimmeln. Und als er, in stramm militärischer Haltung, aber mit einer Stimme, die rauh und zitternd klang von verschluckten Tränen, „Wünsche gehorsamst viel Glück, Herr Hauptmann“ stammelte, da strahlte aus diesem Wunsch eine solche Inbrunst, eine so glühende Anhänglichkeit, daß es dem Hauptmann auf einmal wieder leer wurde im Magen, und er mit einer plötzlichen Wendung auf und davon ging.

Nun wußte er ja Bescheid. Konnte sichs beiläufig ausrechnen, was der Weixler schon alles an ihm beobachtet, wie der sich schon insgeheim über seine Rührseligkeit mokiert haben mußte, wenn ein einfacher Mensch, wie dieser Tischlergeselle, seine geheimsten Gedanken erriet! Er hatte ihm ja kein Wort gesagt; hatte ihn nur verstohlen beobachtet, vorgestern abend, beim Einwaggonieren in Wien, wie er von seiner Mutter Abschied nahm. Woher ahnte der verdammte Kerl, daß die verwuzelte, eingeschrumpfte Knusperhexe, mit der Haut, die, wie ausgedörrt vom Leben, in tausend Falten, schlaff an den Backenknochen hing, solchen Eindruck auf seinen Hauptmann gemacht hatte? Er selbst wußte es ja sicher gar nicht, wie rührend es aussah, als das winzige Mütterchen, so von unten her, zu ihm emporblickte, und weil es sein Gesicht nicht erreichen konnte, mit der zitternden Hand den breiten Brustkasten streichelte. Kein Mensch konnte es ihm verraten haben, daß sein Kompagniekommandant ihn seither nicht anschauen konnte, ohne auf der himmelblauen Bluse, wie hingemalt, die zitronengelbe, dichtgeaderte Hand, die knolligen, verkrümmten Finger zu sehen, die mit so unsagbar viel Liebe den rauhen, haarigen Loden berührt hatten. Und doch war der Lump irgendwie dahintergekommen, daß diese Hand schützend über ihm schwebte, für ihn gebeten und das Herz seines Führers erweicht hatte.

Wütend stampfte Marschner über die Wiese, beschämt, als hätte ihm jemand eine Larve vom Gesicht gerissen. So leicht war es also, ihn zu durchschauen; trotz der vielen Mühe, die er sich nahm? . . . Er blieb stehen, um sich zu verschnaufen; hieb wieder auf das Gras ein und fluchte laut auf. Nun ja, er konnte sich eben nicht verstellen, konnte nicht plötzlich aus seiner Haut heraus, und wenn es tausendmal Weltkrieg gab! Er war gewöhnt, sich von Neffen und Nichten, gutmütig lachend, um die Finger wickeln zu lassen; war unfähig, von heut auf morgen, zum Eisenfresser zu werden, der vergnügt auf Menschenjagd geht! Was war das auch für ein wahnwitziger Gedanke, alle Menschen über einen Löffel barbieren zu wollen? Niemand dachte daran, aus Weixler einen weichherzigen Philanthropen zu machen; und er sollte, so mir nichts, dir nichts, auf Befehl, ein blutrünstiger Haudegen werden? . . . Er war nun mal nicht mehr zwanzig Jahre alt, wie der Weixler, und diese stillen, traurigen Männer, die man so grausam aus ihrem Erdreich gerissen hatte, waren ihm jeder mehr, als nur ein Gewehr, das man in Reparatur schickt, wenn es beschädigt, gleichgültig liegen läßt, wenn es unbrauchbar geworden ist. Wer das Leben schon von allen Seiten angesehen und überdacht hatte, konnte nicht so zum „Nur-Soldaten“ werden, wie sein Leutnant, der noch gar nicht richtig Mensch geworden war, die Welt noch gar nicht anders gesehen hatte, als vom Hofe der Kadettenschule und der Kaserne aus.