— Die lass’n wir euch zum Andenken da! — fiel mit seinem dröhnenden Lachen der Oberleutnant ein, der eben mit Weixler den Unterstand verließ. — Bei der Nacht kannst du sie da oben, zwischen den Laufgräben, verscharren lassen, Herr Hauptmann. Wann’s finster wird, verlegen die Herrn Katzelmacher ihr Sperrfeuer weiter zurück, da kann man schon hinauf. Viel Ruh werdens zwar net hab’n, denn die Granaten reiß’n alles wieder auf; aber unsere eigenen Toten habens auch net schöner. Meinen armen Kadetten hab ich scho’ dreimal begraben lass’n.

— Wie kommen denn die drei überhaupt her? — fragte Leutnant Weixler sich vordrängend, — Habt’s ihr denn einen Grabenkampf g’habt?

Der Oberleutnant schüttelte stolz den Kopf: — Ja warum net gar! So weit hab’ns die Herrschaften nie ’bracht. Die Drei hab’n uns vorgestern Nacht den Stacheldraht abzwick’n wollen. Aber unser Maschinist hat’s erwischt und hat ihnen den Spaß verdorb’n mit seiner Kugelspritz’n. Na, und nachher san’s uns grad so vor der Nas’n g’legen, und haben so wunderschöne kanariengelbe Schuh ang’habt; die haben ihnen meine Leut net gönnt. Da — schloß er mit einem Fingerzeig auf die Füße des blassen Feldwebels, — da hast gleich ein Paar davon. Jetzt müss’n wir aber gehn! Los, Feldwebel! Respekt, Herr Hauptmann. Die Katzelmacher wer’n schaun, heut abend, wann’s so daherkommen, um uns schön bequem abzukrageln, und auf einmal legen hundertfünfzig Gewehre los und zwei feine neue Kugelspritzen. Haha! Schad’, daß i net dabei sein kann! Servus Kleiner, viel Glück! — Einen lustigen Gassenhauer trällernd folgte er seinen Leuten; ohne sich noch einmal umzusehen, ohne zu bemerken, daß Marschner ihm noch ein Stück weit das Geleite gab.

Fröhlich, wie einen Sonntagsausflug, traten da Menschen den Weg an, der über das grausige Trümmerfeld, den steilen, zerschossenen Hügel führte. Welche Hölle mußten die hier, in diesem Maulwurfsbau, durchlitten haben! . . . . Mit einem schweren Seufzer blieb der Hauptmann stehen. Es war, als ginge mit der langen, grauen Kolonne, die sich langsam durch den Graben schlängelte, die letzte Hoffnung weg. Der Rücken des letzten Soldaten, wie er so schaukelnd immer kleiner wurde, war die Welt; der Blick klammerte sich an diesen Rücken, maß bang die schwindende Entfernung von der Grabenecke, die ihn bald für immer verdecken mußte. Noch konnte man einen Gruß nachrufen, — im Laufschritt noch einen Brief nachtragen! Dann verschwand auch dieser letzte Mittler, die letzte Möglichkeit, die Weite in zwei Hälften zu teilen. Und die Sehnsucht scheute zurück vor dem endlosen Raum, den sie nun allein zu überbrücken hatte.

Marschner sank in sich zusammen, als er nun ganz verlassen im leeren Graben stand. Wie ausgehöhlt fühlte er sich, sah hilfesuchend umher, und sein Blick blieb haften an der Mulde, die nun freigemacht war von den Leichen. Nur die drei Italiener lagen noch da. Der eine zeigte sein Gesicht, sperrte immer noch den Mund auf, zu einem Schrei, und seine Hände krallten sich, wie abwehrend, in den aufgedunsenen Leib. Die anderen lagen mit hochgezogenen Knien, den Kopf zwischen den Armen. Die nackten Füße starrten mit den grauen, verkrampften Zehen wie ausgeraubt, wie eine stumme Anklage in den Laufgraben hinein. Es lag eine Ferne um diese Leichen, eine Verlassenheit um diese entblößten Füße! Ein wirres Gewebe aus Erinnerungen, ein Gedränge von verwehten Gesichtern flimmerte auf: Ruderknechte aus Venedig — — geschwätzige Kutscher — — eine zahnlose Wirtin aus dem Posilipo; — — — zwei Urlaubsreisen durch Italien jagten ein Heer von Leidtragenden vorbei, — — und als Letzte schloß die eigene Schwester den Reigen, saß sorglos bei der Musik auf der Türkenschanze, während der Bruder schon irgendwo starr auf der Erde lag, als toter Feind, den man mit dem Fuß beiseite schob.

Schaudernd eilte der Hauptmann weiter, als gingen die drei Toten, auf ihren nackten Sohlen, lautlos hinter ihm her; fühlte sich wie geborgen, als er endlich bei seinen Leuten ankam. Die Granaten fielen jetzt so dicht, daß keine Pause mehr die einzelnen Einschläge trennte, daß alle Geräusche zu einem einzigen, gleichmäßig fließenden Donner zusammenschmolzen, der die Erde wie einen Schiffsleib erzittern machte. Nur einem Volltreffer, der oben die Deckungen auseinanderwirbelte, folgte ein scharfes Krachen und Splittern, und, wenige Minuten später, schleppten zwei Männer ächzend eine Leiche herunter, lehnten sie an die Grabenwand und stiegen, durch den schmalen Schacht, wieder zurück auf ihren Posten. Marschner sah den Feldwebel aufstehn, den Mund bewegen, — dann erhob sich in der Ecke ein Soldat, nahm sein Gewehr und stapfte mit schweren Schritten den beiden anderen nach. Das war so trostlos! So unbarmherzig sachlich; etwa, wie man bei Einzelübungen im Kasernenhof, gelangweilt „der Nächste“ ruft. Nur daß sich um den Toten sofort eine kleine Gruppe zusammenscharte, von der scheuen Neugier getrieben, die einfache Leute unwiderstehlich zu Leichen und Beerdigungen zieht. Auch von ihm erwarteten die meisten, — er fühlte es an ihren Blicken, — daß er nun hinübergehen werde, um dem Toten seine Reverenz zu erweisen. Aber er wollte nicht! Er war fest entschlossen, nicht zu erfahren, wie der Gefallene hieß; fest entschlossen, sich endlich beherrschen zu lernen, allen kleinen Ereignissen gegenüber gleichgültig zu bleiben! So lange er das Antlitz des Toten nicht gesehen, seinen Namen nicht gehört hatte, war nur „ein Mann“ gefallen, Einer von den vielen Tausenden. Wenn man Distanz behielt, sich nicht über jeden Einzelnen beugte, kein fest bestimmtes Schicksal vor sich aufsteigen ließ, war es gar nicht schwer, gleichgültig zu bleiben.

Trotzig ging er vor den zweiten Schacht hin, der nach oben führte, und merkte jetzt erst, daß es ganz still geworden war; daß kein Heulen, kein Bersten mehr herunterdrang. Lähmend löste dieses Schweigen den betäubenden Lärm ab, — füllte den Raum mit einer gespannten Erwartung, die ängstlich in allen Augen flackerte. Er wollte sich befreien von diesem beklemmenden Druck, und kroch durch den bröckelnden Schacht in die Stellung hinauf.

Das erste was er erblickte, war der gekrümmte Rücken Weixlers, der sich mit dem Fernglas vor den Augen an ein Schutzschild schmiegte. Auch die anderen standen wie angesaugt an ihren Schießscharten, und die Regungslosigkeit ihrer Schulterblätter hatte etwas Erschreckendes. Auf einmal durchlief ein Zucken die erstarrte Reihe! Weixler sprang zurück, prallte gegen den Hauptmann, schrie: — Sie kommen! — stürzte weiter zum Schacht, und blies, mit geblähten Backen in seine Alarmpfeife.

Hilflos starrte ihm Marschner nach, trat zaudernd zur Schießscharte, und sah hinaus in das weite, rauchdurchzogene Feld, das jenseits der zerzausten Drähte, grau, zerrissen und blutbefleckt sich wölbte, wie der geblähte Leib einer riesenhaften Leiche. Weit rückwärts ging eben die Sonne unter, wuchs, halb schon versunken, rotglühend aus dem Boden. Und vor diesem blendenden Hintergrund tanzten schwarze Silhouetten, wie Mücken im Mikroskop, wie Indianer, die das Kriegsbeil schwingen. Ganz klein waren sie noch verschwanden bisweilen, sprangen hoch, kamen näher, fuchtelten mit den Gewehren wie mit Polypenarmen, und ihr Geschrei wurde allmählich hörbar, anschwellend, wie fernes Hundebellen; hell heulend, wenn sie „Avanti“ brüllten; wie von dumpfem Donnerrollen abgelöst, wenn der Ruf „Coraggio“ durch ihre Reihen lief.

An der Böschung stand jetzt, dicht gedrängt, Kopf an Kopf die Kompagnie; die Gesichter aus Stein, verbissen, kreideweiß, mit lippenlosem Mund, das Gewehr im Anschlag; — ein einziges Raubtier mit hundert Armen und Augen.