— Nicht schießen! Nicht schießen! Nicht schießen! — gellte die Stimme Weixlers ohne Atempause durch den Graben; schlang sich um alle Kehlen, und hielt die Finger fest, die sich in bleicher Gier um die Hähne krallten. Schon flog die erste Handgranate in den Graben! . . . . Der Hauptmann sah sie kommen; — sah einen Mann sich aus der Masse lösen, dem Ausgange zutaumeln, mit ausgebreiteten Armen, vornübergebeugt, einen roten Schleier aus Blut vor dem Gesicht. Da setzte — endlich! — erlösend das Tacken der Maschinengewehre ein, und sofort rasten auch die Gewehre los, wie eine schnaubende Meute. Eine abstoßende, kalte Gier lag auf allen Gesichtern. Manche schrieen laut auf vor Haß und Wut, wenn wieder neue Gruppen auftauchten hinter den gelichteten Reihen; — die Gewehrläufe glühten schon, — und immer noch kam das gröhlende „Coraggio“ näher und näher.
Wie von Tobsucht befallen hüpften draußen die Silhouetten, sprangen in die Luft, fielen hin, kollerten durch einander, als hätte der Kriegstanz jetzt erst seinen Paroxismus erreicht.
Da sah Hauptmann Marschner, wie der Mann neben ihm für einen Augenblick das Gewehr senkte, und mit hastigen, schlotternden Händen das Bajonett auf den rauchenden Lauf klemmte. Ein Erbrechen stieg in ihm hoch, daß er schwindelnd die Augen schloß und sich gegen die Grabenwand gelehnt, auf die Erde niedergleiten ließ. — Sollte, . . . sollte er das . . . das sehen? . . . Menschen morden sehen, aus nächster Nähe? . . Er riß den Revolver aus der Tasche, nahm das gefüllte Magazin heraus und warf es weg. Nun war er wehrlos, — wurde auf einmal ruhig, richtete sich auf, von einer wunderbaren Gefaßtheit gehoben, bereit sich niedermachen zu lassen von einem dieser keuchenden Tiere, die da, von blinder Todesangst gehetzt, heranstürmten. Er wollte als Mensch sterben, ohne Haß, ohne Wut, mit sauberen Händen! . . .
Ein heiseres Aufbrüllen, ein fürchterlicher, entmenschter Schrei in seiner nächsten Nähe, riß seine Gedanken in den Graben zurück. Ein breiter Strahl aus Licht und Feuer fiel in steilem Bogen, blendend neben ihm nieder; floß spritzend über die Schulter des großen, pockennarbigen Schneiders vom ersten Zug. Im Nu stand die ganze linke Seite des Mannes in Flammen. Er warf sich heulend auf die Erde, wälzte sich kreischend, sprang wieder auf, lief wie eine lebende Fackel jammernd umher, bis er zusammenbrach, halb schon verkohlt, zuckend um sich griff, und erstarrte. Hauptmann Marschner sah ihn liegen, atmete den Geruch des verbrannten Fleisches, und sein Blick fiel unwillkürlich auf die eigene Hand, wo, unter dem Daumen, ein winziger, weißer Fleck, an die Qualen einer Brandwunde erinnerte, die er sich als Junge zugezogen.
Durch den Graben lief in diesem Augenblick ein brausendes, jauchzendes Hurrah aus hundert befreiten Kehlen. Der Angriff war abgeschlagen! Leutnant Weixler hatte den Flammenwerfer auf’s Korn genommen und auf den ersten Schuß getroffen. Die erstarrte Hand des Gefallenen hatte die Flammen, steil aufsteigend wie eine Fontaine, auf die eigenen Kameraden ergossen, und die dezimierten Reihen waren von der unerwarteten Gefahr jäh zurückgescheut, — wichen Hals über Kopf, — verfolgt von rasendem Feuer aus allen Gewehren.
Wie leblos fielen die Soldaten hin, mit schlaffen Zügen und erloschenen Augen, als hätte jemand den Kontakthebel der Leitung abgestellt, die diese toten Leiber von irgendwoher mit Kraft gespeist hatte. Einzelne lehnten käseweiß an der Grabenwand, legten den Kopf beiseite, und erbrachen sich vor Übermüdung. Auch Marschner fühlte ein Übelsein in sich aufsteigen; tastete sich dem Ausgange zu. Nun wollte er in seinen Unterstand, — ganz allein sein, — sich irgendwie befreien von der Verzweiflung, die ihn umklammerte.
— Holla! — rief Leutnant Weixler ganz unerwartet in die Stille hinein, und galoppierte nach links, wo die Maschinengewehre standen.
Der Hauptmann wandte sich noch einmal um, stieg auf den Antritt und sah ins Vorfeld hinaus. Da, dicht vor den Drahthindernissen, kniete ein Italiener, die Linke schlaff am Leib, die Rechte flehend erhoben, und rutschte langsam heran. Weiter rückwärts, halb verdeckt von dem Knienden, regte sich etwas auf der Erde. Drei Verwundete krochen dort, an den Boden gepreßt, dem eigenen Graben zu; man sah genau, wie sie hinter Leichen Deckung suchten, immer wieder eine Weile regungslos liegen blieben, um nicht entdeckt zu werden vom Feind. So jämmerlich war der Anblick dieser gottverlassenen Kreaturen, die so mit Zähnen und Krallen an das bißchen Leben sich klammerten, vom Tod umlauert, jede Sekunde wie eine Ewigkeit über sich.
— Geht’s, ist nicht irgendwo ein Strick da? — rief ein alter Korporal in den Graben zurück, — Der arme Teufel von an Salamucci dauert mich. Ziehg mer ihn rein! —
Mitten in seine Rede perlte eine Skala des Maschinengewehres. Der Knieende vor dem Stacheldraht horchte auf, warf sich zurück, wie zum Anlauf, und fiel aufs Gesicht. Hinter ihm sah man die Erde stauben vom Einschlagen der Kugeln, und die anderen, weit rückwärts, sich wie Schlangen aufrichten. Dann machten alle drei einen kurzen Satz nach vorne; — und blieben liegen.