Einen Augenblick stand Hauptmann Marschner sprachlos, sperrte den Mund auf, und brachte keinen Laut aus der Kehle. Endlich löste sich seine Zunge, und er schrie, mit einer wahnsinnigen, würgenden Wut in der Stimme: — Herr Leutnant Weixler! —
— Befehlen Herr Hauptmann? — kam es unbefangen zurück.
Er lief dem Leutnant entgegen mit geballten Fäusten, krebsrot im Gesicht. — Haben Sie geschossen? — keifte er atemlos.
Der Leutnant sah ihn erstaunt an, legte die Hände an die Hosennaht und meldete stramm: — Zu Befehl, Herr Hauptmann. —
Wieder blieb Marschner für einen Augenblick die Stimme aus; seine Zähne schlugen klappernd aneinander. — Schämen Sie sich! — stammelte er am ganzen Leibe zitternd, — auf wehrlose Verwundete schießt ein Soldat nicht, merken Sie sich das! —
Weixler wurde kreideweiß. — Melde gehorsamst, Herr Hauptmann, der eine, der bei uns war, hat mir die anderen verdeckt; ich hab’ ihn nicht verschonen können. — Dann, mit jäh sich aufbäumendem Zorn, fügte er trotzig hinzu: — Ich dachte auch, wir hätten genug hungrige Mäuler daheim.
Wie ein bissiger Hund fuhr der Hauptmann ganz nahe an ihn heran, stampfte mit dem Fuß und schrie: — Was Sie denken interessiert mich nicht. Ich verbiete Ihnen, auf Verwundete zu schießen! So lange ich hier das Kommando führe, ist jeder Verwundete heilig! Ob er zu uns will, oder zum Feind! Haben Sie mich verstanden?
Der Leutnant reckte sich hochmütig. — Dann muß ich Herrn Hauptmann gehorsamst bitten, mir diesen Befehl schriftlich zu geben. Ich halte es für meine Pflicht, dem Feinde möglichst viel Schaden zuzufügen. Ein Mann, den ich heute laufen lasse, kommt in zwei Monaten geheilt zurück, und schießt mir vielleicht zehn Kameraden tot.
Eine Sekunde lang standen sie sich regungslos gegenüber, und starrten sich an, wie zwei Kämpfer auf Leben und Tod. Dann nickte Marschner ganz leise mit dem Kopf, und sagte tonlos: — Sie sollen es schriftlich haben! — machte kehrt, und ging. Vor seinen Augen tanzten farbige Kugeln, er mußte alle Kraft zusammennehmen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren, und fiel zerschlagen auf die Konservenkiste nieder, als er endlich den Unterstand erreicht hatte. Sein Haß wandelte sich langsam in eine tiefe, erbitterte Mutlosigkeit. Er wußte genau, daß er im Unrecht war. Seinem Gewissen gegenüber nicht! Ihm galt die Tat als feiger Meuchelmord, — aber er und sein Gewissen hatten hier nichts zu sagen, hatten sich hierher verirrt, und mußten Unrecht behalten. Was sollte er tun? Gab er den Befehl schriftlich aus der Hand, dann bescherte er Weixler eine erwünschte Gelegenheit, sich hervorzutun, und brachte sich selbst vor den Auditor. Und diesen Triumph wollte er dem hämischen Kerl nicht gönnen! Lieber selbst Schluß machen: hingehen zum Brigadekommando, und es den hohen Herren offen ins Gesicht sagen, daß er das blutige Scheibenschießen nicht länger mitanschauen, daß er Menschen nicht wie reißende Tiere jagen könne, gleichviel welche Uniform sie trugen. Wenigstens hörte das Versteckenspielen endlich auf. Sie sollten ihn nur füsilieren, oder aufknüpfen lassen, wie einen gemeinen Verbrecher. Er würde ihnen zeigen, daß er zu sterben wußte.
Mit festen Schritten ging er hinaus, befahl einem Soldaten, den Herrn Leutnant zu holen. So hell war es jetzt in ihm, und so ruhig! Er hörte das höllische Feuer, das die Italiener wieder auf den Graben legten, und ging langsam, wie ein Spaziergänger, nach vorne.