— Jetzt schmeißens mit schweren Minen! — meldete der alte Korporal, — und schaute den Hauptmann verzweifelt an. Aber der ging vorbei, ungerührt von dem flehenden Kummer. Das alles ging ihn nichts mehr an. Der Herr Leutnant übernahm hier das Kommando. Das wollte er ihm eben sagen; konnte es kaum erwarten, die Verantwortung von sich zu wälzen! . . . Und kroch, als Weixler noch immer nicht kam, durch den Schacht in die Stellung hinauf.
Die kleinen, schlechten Augen flogen ihm entgegen, suchten den geschriebenen Befehl in seiner Hand. Er tat, als merkte er den fragenden Blick gar nicht, herrschte ihn hochfahrend an: — Herr Leutnant, ich übergebe Ihnen jetzt die Kompagnie bis . . . .
Ein kurzes Heulen von unerhörter Stärke schnitt ihm das Wort ab. Er hatte das Gefühl: — Das trifft mich! — sah im selben Augenblick auch schon etwas wie einen schwarzen Walfisch, vor seinen Augen aus dem Himmel sausen, kopfüber in die rückwärtige Grabenwand hineinfahren — — — dann brach ein Krater aus der Erde, ein Flammenmeer, das ihn aufhob, und ihm die Lunge mit Feuer füllte.
Als er langsam zu sich kam, lag er unter einem Erdwall begraben, nur der Kopf und der linke Arm waren frei; die anderen Glieder fühlte er nicht mehr. Sein ganzer Körper war gewichtlos geworden, er fand seine Beine nicht, es war nichts da, was er hätte bewegen können, nur ein Brennen und Wühlen, das von irgendwo her in sein Gehirn mündete, die Stirne versengte, und die Zunge zu einem schweren, würgenden Klumpen anschwellen ließ.
— Wasser! — stöhnte er. — War denn niemand da, um ihm einen Schluck Wasser in die ausgebrannte Mundhöhle zu träufeln? War niemand? . . . . Wo war denn Weixler? Der mußte doch da in der Nähe stehen, oder? — — — oder sollte der . . . am Ende auch verwundet? . . . Er wollte hochschnellen, — wissen, was mit Weixler geschehen war — — — er wollte! . . . . Wie ein überlasteter Dampfkran mühte sich seine linke Hand, den Kopf zu erreichen, und als es ihm endlich gelang, sie unter den Nacken zu schieben, da fühlte er erschauernd, daß der feste Widerstand der Hirnschale ausblieb, daß er in einen weichen, warmen Brei hineingriff, in dem seine Haare, vom geronnenen Blut verkleistert, wie ein feuchter, warmer Filz an den Fingern pappen blieben.
— Sterben! — durchfuhr es ihn kalt, — Hier sterben, ganz allein. . . . . Und Weixler? . . . Er mußte erfahren, was mit dem . . . . mußte! . . . .
Mit übermenschlicher Anstrengung stemmte er seinen Kopf, mit der Linken, so weit hoch, daß er einige Schritte weit den Graben überblicken konnte. Und nun sah er Weixler, mit dem Rücken gegen sich, mit dem rechten Arm an die Wand gelehnt, schief dastehen, die linke Hand an den Leib gepreßt, die Schultern hoch oben, wie im Krampf. Noch eine Spanne höher reckte er sich, erblickte den Boden, und einen breiten, dunklen Schatten, den Weixler warf. — Blut? . . . Er blutet! . . . . Oder? — Das war doch Blut! . . . Konnte nur Blut sein . . . . Und dehnte sich doch so merkwürdig, zog wie ein dünner, roter Faden zu Weixler hinauf, dorthin, wo er sich den Leib hielt, — — — als wollte er die Wurzeln abreißen, die ihn an die Erde fesselten. — — —
Er mußte doch sehen! . . . schleuderte den Kopf nach vorne — — — und stieß einen röchelnden Schrei aus, einen Schreckensschrei, — als er erkannte, daß der Unglückliche seine Eingeweide hinter sich herzog. — Weixler! — entfuhr es ihm gellend, von heißem Mitleid durchzittert.
Der Angerufene wandte sich langsam, sah fragend zu Marschner hinunter, blaß, traurig, mit erschrockenen Augen. Nur den Bruchteil einer Sekunde lang stand er so, dann verlor er das Gleichgewicht, taumelte und fiel nieder, verschwand aus dem Gesichtskreis des Hauptmanns. Kaum daß ihre Blicke Zeit gehabt hatten, sich zu kreuzen, — vorbeigehuscht war nur das bleiche Gesicht! Und doch stand es da; blieb haften in der Luft, mit einem milden, weichen, klagenden Zug um die schmalen Lippen, mit einem unvergeßlichen Ausdruck von sanftem, ängstlichem Sichergeben.
— Er leidet! — . . . . durchflammte es Marschner. — Er leidet! — . . . . jauchzte es in ihm. Und ein Leuchten ergoß sich über seine Blässe, . . . . seine blutverklebten Finger fuhren wie streichelnd durch die Luft . . . . bis der Kopf zurücksank, und die Augen brachen.