Die ersten Soldaten, die durch den hochgetürmten Erdwall endlich bis zu ihm vordrangen, fanden ihn schon entseelt; um seinen Mund schwebte, trotz der gräßlichen Verwundung, ein zufriedenes, fast glückliches Lächeln.
Der Sieger
Auf dem großen Platz vor dem alten Rathaus, das jetzt dem Armee-Oberkommando als Amtsgebäude diente, und die drei zauberkräftigen Buchstaben A. O. K. wie ein kabalistisches Zeichen auf der Stirne trug, konzertierte auf Befehl seiner Excellenz, von drei bis vier Uhr nachmittags, täglich eine Militärkapelle. Es sollte der Zivilbevölkerung für die vielen Unannehmlichkeiten, die das Einquartieren von mehreren hundert Stabsoffizieren und einer Reihe niederer Kommandostellen unvermeidlich im Gefolge hat, dieses kleine Vergnügen als Entschädigung geboten werden. Auch trugen — nach Ansicht des Excellenzherrn —, derartige Veranstaltungen viel zur Beliebtheit des Militärs bei, und förderten den Patriotismus der Schuljugend und der kompakten Masse. Für die Stimmung im Publikum zu sorgen und für gutes Einvernehmen zwischen den Militärs und Zivilbehörden, hielt der gestrenge Herr Oberkommandierende — bei aller Wahrung seiner Vorrechte —, im Interesse der Kriegführung für dringend geboten. — Nebenbei aber hatte der Umstand, daß die Herren des Generalstabes, mit Excellenz an der Spitze, um diese Zeit ihren Schwarzen einnahmen, nicht unwesentlich zu der Einführung dieser Nachmittagskonzerte beigetragen.
Unter den hundertjährigen Platanen, die mit ihren riesigen, ineinander greifenden Kronen den ganzen Platz wie ein Kirchenschiff überwölbten, saß es sich sehr angenehm. Die Herbstsonne lag mit mattem Glanz auf den Mauern ringsum, streute, wie durch Butzenscheiben, goldene Ringe durch das dichte Laub, auf die kleinen, runden Tische, die in langen Reihen vor dem Kaffeehaus standen. Für die Herren vom Generalstab war eine Extrareihe da, schneeweiß gedeckt, mit kleinen Blumenvasen, und frischen, knusprigen Kuchen, die ein Verpflegsfeldwebel, täglich Punkt drei, aus der großen Feldbäckerei herüberbrachte, wo sie für Excellenz und seine Kaffeegesellschaft eigens, und mit entsprechender Sorgfalt, unter persönlicher Aufsicht des Kommandanten verfertigt wurden.
Es war ein schönes, lustiges Bild, ein buntes, richtiges Großstadttreiben um den Musikpavillon, so lebendig und sorglos fröhlich, wie auf dem Graben in Wien, an einem schönen Frühlingssonntag, im tiefsten Frieden. Die Kinder umstanden andächtig das Orchester, schlugen den Takt, und klatschten begeistert Beifall nach jedem Stück. In den Straßen, die auf den Platz mündeten, zirkulierte die heranwachsende Jugend, kichernde Backfische mit buntbemützten Gymnasiasten; während die haute-volée, die Damen der ortsansässigen Beamten- und Kaufmannschaft, in der benachbarten Konditorei auf der Lauer saßen, um sich emsig zu entrüsten über die unternehmungslustigen Hüte, durchschimmernden Strümpfe, und fast kniefreien Röcke einer gewissen zugereisten Weiblichkeit, die da, trotz aller Proteste und Verfügungen, bei hellichtem Tage, schamlos ihr Unwesen trieb.
Die Hauptnote aber gaben doch die durchreisenden Offiziere. Alles was auf Urlaub ging, oder wieder zur Truppe einrückte, mußte durch die Stadt, und genoß in vollen Zügen den ersten oder letzten freien Tag. Jeder geringste Mangel draußen an der Front, ob es nun Hufnägel, Sattelseife, Sanitätsmaterial oder Flaschenbier zu holen galt, — alles konnte hier am nächsten und raschesten besorgt werden, in dieser ersten kleinen — großen Stadt. Wer Pech hatte oder unbeliebt war, erhielt eine Auszeichnung für seine Heldentat, und damit basta. Wer aber die Gunst seines Kommandanten genoß, wurde vor allem hierher zum Einholen geschickt, als Lohn. Eine unglaubliche Findigkeit im Entdecken dringender Bedürfnisse hatte sich allmählich herausgebildet, und ein geheimnisvolles, aritmethisches Verhältnis waltete unverkennbar, zwischen dem Aufwand der einzelnen Truppenteile an Holzkohle, Wagenfette etc. und der Entfernung ihres Standortes von der beliebten Etappenstation.
Lange währte das Vergnügen ja nicht. Gerade die Zeit ein heißes Wannenbad zu nehmen, seine besten Uniformstücke, frisch aufgebügelt, einigemal in den Hauptstraßen herumzuzeigen, zwei Mahlzeiten an weißgedecktem Tisch, und eine kurze Nacht in einem richtiggehenden Bett, mit, oder, — wenn’s durchaus sein mußte —, ohne Zärtlichkeit; — dann ging es wieder betrübt und in nervöser Reizbarkeit hinaus zum rasend überfüllten Bahnhof, und zurück zur Front, in das feuchte Erdloch oder sonnendurchglühte Blockhaus.
Die Lebensgier dieser jungen Offiziere, die so mit hungrigen Augen durch das Städtchen bummelten, ein Hasten im Blut, wie der Taucher, der in einem Augenblick die Lunge sich voll saugt, — hatte allmählich das ganze, langweilige Provinznest angesteckt. Es prickelte, schäumte, bereicherte sich und wurde leichtlebig; konnte gar nicht genug haben an Sensationen, nun es einmal im Mittelpunkte des Weltgeschehens stand und einen Anspruch hatte auf Ereignisse.
Kopf an Kopf wogte die Menge auch an diesem Wochentage an der Musik vorbei, festlich gekleidet und festlicher Laune, durchzuckt von den Rythmen des Blauen-Donau-Walzers, den das Orchester mit Trommelwirbel und Tschinellenschlag hinreißend exekutierte. Wie hinter den Kulissen eines ganz großen Festspielhauses, während der Aufführung einer Tragödie mit Chören und Massenaufzügen, ging es eigentlich zu. Von dem blutig ernsten Stück, das vorne gespielt wurde, sah und hörte man nichts. Das Gesicht der Akteure entspannte sich hier auf der Hinterbühne; sie rasteten, warfen sich hinein in den farbigen Rummel, herzlich froh, nichts zu wissen von dem Fortgang des Trauerspiels; genau wie richtige Schauspieler auch in ihr bürgerliches Dasein zurückfallen, bis zum nächsten Stichwort.
Wer da, im Schatten der alten Bäume sitzend, bei Kaffee und Cigarre diesem Treiben zusah, konnte leicht von der Illusion erfaßt werden, auch das Drama, das vorne an der Front gespielt wird, sei nur ein lustiges Spetakelstück. Der ganze Krieg präsentierte sich, von hier aus gesehen, wie ein lebenspendender Strom, der Musikkapellen heranschwemmt, Geld und Frohsinn unter die Leute bringt, und von promenierenden Offizieren betrieben, von gemächlich verdauenden Generalstäblern dirigiert wird. Von seiner blutigen Seite war nichts zu sehen! Kein Geschützdonner schlug an’s Ohr, kein Verwundeter trug sein persönliches Elend als störende Note in die allgemeine Lebenslust hinein.