Das war freilich nicht immer so gewesen. In den ersten Tagen, als das tägliche Kaffeekonzert noch den Reiz der Neuheit hatte, ergossen sämtliche Sanitätsanstalten, alle Ergänzungs-, Not- und Reservelazarette ihren ungeheueren Bestand an Rekonvalescenten und Leichtverwundeten in die Stadt hinein, auf die Promenade. Aber das dauerte nur zwei Tage. Dann befahl seine Exzellenz der Oberkommandierende den Garnisonschefarzt zu kurzer Audienz und erklärte dem zerknirschten Sünder in scharfen Worten, wie ungünstig ein solcher Anblick die Stimmung im Publikum beeinflußte. Er gab der Hoffnung Ausdruck, daß alles was Verbände trägt, verstümmelt ist, oder sonstwie geeignet erscheint, deprimierend auf die allgemeine Kriegsbegeisterung einzuwirken, künftighin in den Spitälern konsigniert bleiben werde.
Und seine Hoffnung wurde nicht enttäuscht! Nichts Unerfreuliches trübte mehr sein Vergnügen, wenn er, mit der geliebten Virginia zwischen den Zähnen, über die lange Reihe seiner Untergebenen hinweg, auf die Straße hinaus sah. Niemand ging da vorbei, ohne einen ehrfurchtsvoll scheuen Seitenblick auf den allmächtigen Schlachtenlenker zu werfen, der wie andere gewöhnliche Sterbliche seinen Kaffee schlürfte, trotzdem er der berühmte Generaloberst X. war, unbeschränkter Herr über hunderttausende von Menschenleben, in den Zeitungen mit Vorliebe „Der Sieger von ***“ genannt. Kein Schicksal gab es in dieser Stadt, das er nicht mit einem Federstrich hätte umbiegen, — nichts was er nicht nach Gutdünken hätte fördern oder vernichten können. Seine Gunst bedeutete Lieferungen und Reichtum, oder Auszeichnung und Avancement; seine Ungnade Aussichtslosigkeit, oder eine Marschroute in den sicheren Tod.
Mollig zurückgelehnt in den großen Korbstuhl, der einmal historisch zu werden versprach, saß lächelnd der Gewaltige und scherzte mit der Frau seines Generalstabschefs. Er wies mit der Hand hinaus auf die Straße, wo im grellen Sonnenschein die Menge wogte, und sagte mit einer satten, triumphierenden Heiterkeit in der Stimme:
— Da! Dieses Treiben möchte ich einmal den Herren Pazifisten zeigen, die immer so tun, als wäre der Krieg nichts, als ein scheußliches Gemetzel. Sie hätten dieses Nest im Frieden sehen sollen, gnädige Frau. Zum Einschlafen! Der Dienstmann an der Ecke verdient heute mehr Geld, als früher der größte Kaufmann. Und haben Sie sich schon die jungen Leute angesehen, die von der Front hereinkommen? Sonnenverbrannt, gesund und vergnügt! Die meisten sind im Frieden in irgendeiner Kanzlei gehockt; schlapp, käsig, verbummelt. Glauben Sie mir, die Welt ist noch nie so gesund gewesen, wie heute. Nehmen Sie aber eine Zeitung in die Hand, dann lesen Sie von einer Weltkatastrophe; vom Verbluten Europas, und was die Herren sonst noch zusammenschmieren. —
Die buschigen, weißen Brauen glitten hoch hinauf, bis zur Mitte der stark gewölbten Stirne; die kleinen, stechend schwarzen Augen huschten beobachtend über die Gesichter der Anwesenden.
Die Anregung des Excellenzherrn wurde sofort emsig aufgenommen. An allen Tischen flammte das Gespräch auf, wurde die segensreiche Wirkung des Krieges abgewandelt, ergingen die Spaßmacher sich in witzigen Bemerkungen über das Schreibergeschwätz der Friedensfreunde. Nicht ein Einziger saß in der ganzen Gesellschaft, dem der Krieg nicht wenigstens zwei Auszeichnungen, materielle Sorglosigkeit und eine herrschaftliche Lebensführung beschert hatte, wie sie in Friedenszeiten nur vielbeneideten Geldmagnaten beschieden ist. Der Krieg trug, in diesem Kreise, die Maske Knecht Rupprechts, einen Sack voll guter Gaben auf dem Rücken, und eine Anweisung auf glänzende Karriere in der Hand. Wohl hatte der eine oder andere der Herren einen Trauerflor auf dem Ärmel, für den Bruder, oder Schwager, der, als Truppenoffizier, das andere, das todbringende Gorgonenantlitz des Krieges geschaut. Aber dieses Antlitz war so weit, — über sechzig Kilometer in der Luftlinie; und ein gelegentlicher Ausflug in seine Nähe war kurzer Nervenkitzel, spannendes Erlebnis. In einer Stunde raste das Auto wieder in die Sicherheit zurück, zur Badewanne; und man ging wieder in Stiefeletten über asphaltierte Straßen. Wer hätte da nicht einstimmen mögen in das Loblied der Excellenz? . . . .
Der hohe Herr lauschte eine Weile noch befriedigt dem Stimmengewirr, das seine Worte entfesselt hatten, und zog sich dann allmählich wieder in seine Gedanken zurück. Er blickte ernsthaft vor sich hin, sah die Sonnenringe, die durch das bewegliche Laubdach, wie durch ein Sieb auf ihn herabfielen, glitzernd mit den Kreuzen und Sternen spielen, die in drei dichtgesäten Reihen seine linke Brusthälfte bedeckten. Alles, was die Herrscher vier mächtiger Reiche für Heldenmut, Todesverachtung und hohe Verdienste als sichtbares Dankeszeichen zu vergeben hatten, war vollzählig da in der reichen Sammlung. Es gab keine Ehrung, die der Sieger von *** noch hätte erstreben können. Und das alles hatten ihm elf kurze Kriegsmonate an den Hals geworfen; war die Ernte eines einzigen Kriegsjahres. Neununddreißig Dienstjahre hatte er vorher in öder Gleichmäßigkeit, in ewigem Kampfe mit schäbigen Alltagssorgen abgehaspelt; hatte sich müde gerungen mit all den Nöten eines hoffnungslosen Kleinbürgerdaseins, das den kläglichen Bemühungen eines verschämten Armen gleicht, der einen Defekt seiner Kleidung mit tausend Kniffen zu verbergen sucht, und das verräterische Loch immer wieder hervorlugen sieht aus der krampfhaft drapierten Verhüllung. Neununddreißig Jahre lang hatte er sich unentwegt auf Enthaltsamkeit träniert, mit sehr viel Gold auf der Uniform und sehr wenig in der Tasche; war eigentlich längst schon bereit gewesen abzugehen, gründlich satt des billigen Vergnügens, als Nero auf dem Exerzierfeld den Krampus zu machen für junge Offiziere. Und da kam das Wunder! Im Handumdrehen war aus dem grantigen alten Herrn eine Art Nationalheld, eine europäische Berühmtheit, war er „der Sieger von ***“ geworden. Genau wie im Märchen, wenn die gütige Fee erscheint, der verwunschene Prinz in strahlender Jugend der garstigen Hülle entsteigt, und, von Lakaien und Rittern umringt, sein prächtiges Schloß bezieht.
Die strahlende Jugend blieb ihm wohl versagt; aber er war doch wieder elastisch geworden, das ereignisreiche Jahr hatte ihn aufgerüttelt, Lebenslust und Arbeitskraft eines Vierzigjährigen pulsierten, neu erwacht, in seinen Adern. Als Herrscher saß er da, im Schatten der Platanen; das Glück an seiner Brust spiegelte leuchtend die Sonne, — und eine Stadt lag ihm zu Füßen! Nichts, gar nichts fehlte, um das Märchen vollkommen zu machen. Vor dem Kaffeehaus schlummerte das riesige, graue Tier, von zwei strammen Unteroffizieren bewacht, mit der Lunge von hundert Pferden im Brustkasten, des Kurbelschlages harrend, der es weckt, um den Herrn mit Windeseile hinauszufahren auf sein Schloß, hoch über Stadt und Tal. Wo war die Zeit, da man, mit Generalsstreifen auf der Hose, noch mit der Trambahn nach Hause fuhr, in die standesgemäße Sechszimmerwohnung, die, eigentlich, eine Fünfzimmerwohnung war mit einer Kammer? Wo war das alles? . . . Jahrhunderte hatten ihre edelsten Kräfte, Generationen ihren Kunstsinn aufgeboten, um das Schloß, — das jetzt für seine Excellenz den Oberkommandierenden der —ten Armee requieriert war, — mit den erlesensten Schätzen zu füllen. Sonne und Zeit hatten unermüdlich ihre Arbeit getan, bis der laute Glanz des aufgestapelten Reichtums, zu wohltemperierter Pracht gedämpft, wie durch einen feingewobenen Schleier schimmerte. Wer da täglich, als Herr des Hauses, die mächtige Freitreppe hinanstieg, seinen Willen laut durch die vornehm schlummernden Räume hetzte, — mußte sich als König fühlen, konnte den Krieg nur wie ein herrliches Märchen erleben. Oder gab es je einen Hofhalt, der näher das Wunder streifte? In der Küche regierte ein Meister seiner Kunst: der Chef des ersten Hotels im Lande, — sonst mit doppeltem Generalsgehalt nicht zufrieden, — für einen Lohn von fünfzig Heller täglich; und wandte doch seine ganze Kunst auf, — hatte nie angstvoller gestrebt, dem Gaumen, dem er diente, zu schmeicheln! Der Braten, den er servieren ließ, war das schönste Stück Fleisch, das zweihundert Ochsen, die täglich im Armeebereich ihr Leben für’s Vaterland ließen, bei sorgfältigster Wahl zu vergeben hatten! Die würdigen Männer, die ihn auf silbernen Schüsseln, — von Schülern Benvenutos für den Ahn des Hauses geschmiedet, — auftrugen, waren Generäle des Kellnerstandes, ließen, im Frieden, den Frack in London bauen, und lauerten jetzt, wie verprügelte Piccolos, zitternd auf jeden Wink des Gebieters! Und dieser ganze Train, dieser ganze fürstliche Haushalt funktionierte automatisch, und — ganz ohne Geld! Ohne daß der Herr, für den alles sich mühte, jemals den sonst so unvermeidlichen Griff zur Brieftasche tat. Unerschöpflich zirkulierte das Benzin in den Adern der drei Kraftwagen, die Tag und Nacht auf den Marmorquadern des Schloßhofes sich rekelten; — wie von Feenhänden gespendet strömte alles herbei, was Mund und Auge begehrten. Kein Bedienter forderte seinen Lohn, alles schien selbstverständlich da zu sein, wie in Märchenschlössern, wo jeder Wunsch Schöpferkraft besitzt.
Allein nicht nur das „Tischlein deck’ dich“ war Ereignis, war ernste, greifbare Wirklichkeit geworden. Das Wunder war nicht erschöpft, wenn es neunundzwanzig Tage lang alle Vorratskammern gefüllt hatte. Es trieb am dreißigsten Tag auch den Esel, der sich streckt und Reichtum spendet noch auf, und an Stelle der leidigen Lieferantenrechnungen flatterten Banknoten ins Haus. Statt Ärger, Streit, notwendige Knauserei seufzend zu tragen, stopfte man sich die Taschen gelangweilt mit den Scheinen voll, die ja doch gänzlich überflüssig waren in dem Schlaraffenland, das der Krieg seinen Vasallen erschlossen hatte.
Eine einzige finstere Wolke nur huschte ab und zu über das strahlende Firmament dieses Wunderlandes, und ihr Schatten streifte die Stirne seiner Excellenz. Der Gedanke, das Märchen könnte der Wirklichkeit weichen; die Angst, eines Tages erwachen zu müssen aus diesem herrlichen Traum, störte zuweilen die reine Freude. Nicht vor dem Frieden war es dem Excellenzherrn bange. An den dachte er gar nicht. Aber wie, wenn die Mauer, aus Menschenleibern kunstvoll gebaut, eines Tages doch in’s Wanken geriete? Wenn der Feind alle Riegelstellungen durchstößt, die Disziplin der Panik weicht, und die mächtige Mauer in ihre Bestandteile zerfällt, sich in angsterfüllte, um ihre Leben jagende Menschen auflöst? . . . Dann würde der Sieger von ***, der allmächtige Märchenkönig wieder in den schäbigen Alltag zurücksinken, müßte irgendwo, in einem stillen Nest, unbemerkt, seine Pension verzehren, seine Trophäen in eine bescheidene Etagenwohnung pfropfen, und, unter andern Ausrangierten, als Stammtischgröße sich bescheiden! Ein Mißerfolg, — und die Welt vergißt im Nu ihre Begeisterung; ein Anderer zieht in’s Schloß hinauf, ein Anderer rast im Kraftwagen als Herrscher durch die Stadt, der ganze riesige Troß blickt demütig zum neuen Herrn empor, und der alte wird zur Anekdote, eine entlarvte Vogelscheuche, die jeder Spatz frech besudelt!