— Für — — — wann glauben Euer Excellenz, daß wir den Frieden erhoffen dürfen?

Der General zuckte zusammen, biß sich in die Unterlippe und sah bei Seite, mit einem Blick, vor dem jeder Generalstäbler der . . . ten Armee sich in die Erde verkrochen hätte. Mit sichtbarer Mühe setzte er noch einmal das verbindliche Lächeln auf, wies mit der Hand quer über den Platz, auf das offene Portal der alten Basilika: — Da kann ich Ihnen nur raten, dort hinüberzugehen und den Herrn im Himmel zu fragen! Er ist der Einzige, der Ihnen diese Frage beantworten kann.

Ein freundliches Nicken, ein kräftiger Händedruck, — dann ging er, ehrfurchtsvoll gegrüßt von der Menge, mit großen Schritten zu Fuß in sein Amt hinüber.

Als er das Gebäude betrat, stand die gefürchtete Querfalte fingertief auf seiner Stirne. Eine angehaltene Ordonnanz führte ihn zitternd vor das Zimmer des Garnisonschefarztes. Dann hielt das ganze Haus einige Minuten lang den Atem an, während die Stimme des Gewaltigen durch alle Korridore donnerte. Er kommandierte den würdigen, alten Oberstabsarzt, wie einen Schreiber, an seinen Tisch, und diktierte ihm einen Erlaß in die Feder, der allen Spitalinsassen, ohne Unterschied der Charge, gleichviel ob krank oder verwundet, das Verlassen der Anstaltsmauern strengstens untersagte. — Denn — so schloß der Befehl —, wer krank ist, gehört ins Bett; und wer sich genügend kräftig fühlt, um in die Stadt zu gehen und im Kaffeehaus zu sitzen, der melde sich an die Front zurück, wohin die Pflicht ihn ruft. —

Das Auf- und Abgehen mit klingenden Sporen, das Hinabdonnern auf den zusammengekauerten alten Doktor, hatte seinen Zorn besänftigt. Schon galt das Unwetter für überstanden, da spielte ihm ein unglücklicher Zufall die Meldung der Brigade in die Hand, die, am stärksten vom Feinde berannt, schwere Verluste erlitten hatte und nur noch weiter auf ihrem Platze belassen wurde, um dem Gegner, in verzweifeltem Ringen, das Vordringen möglichst kostspielig zu machen. Hinter ihr lauerten schon die Flatterminen, hockte — seit gestern schon —, eine ganze frische Division in unterirdischen Kasematten, um dem siegesfroh heranflutenden Feinde eine kleine Überraschung zu bereiten. Natürlich hatte es der Oberkommandierende dem Brigadier nicht auf die Nase gebunden, daß er auf einem verlorenen Posten stand und keine andere Aufgabe hatte, als seine Haut teuer zu verkaufen. Je länger das Ringen dauerte, desto besser! Und die Leute schlugen sich viel zäher, wenn sie bis zum letzten Augenblick auf Entsatz hofften.

Das alles hatte der Excellenzherr eigenhändig so verfügt; war im Grunde hoch erfreut, daß die Brigade nach drei übermächtigen Infanterieangriffen immer noch standhielt. Aber nun lag da eine Meldung vor ihm, die allen soldatischen Traditionen widersprach, und den schon verebbten Sturm jäh neu entfesselte.

Dieser Generalmajor, — seinen Namen wollte sich Excellenz, auf alle Fälle, genau merken, — schilderte, mit einer durchaus unmilitärischen Gesprächigkeit und Nervosität, die furchtbare Wirkung des Trommelfeuers, erklärte; — statt sich auf zahlenmäßige Angaben zu beschränken, — seine Brigade für dezimiert, die Widerstandskraft der Mannschaft für erschöpft, und bat zum Schluß dringend um Verstärkung, da er, mit den Resten seines Bestandes, den Abschnitt gegen die bevorstehenden Nachtangriffe unmöglich halten könne.

— Unmöglich halten? . . . Unmöglich? . . . — Wie eine Fanfare schmetterte der Excellenzherr diesen Satz seinen regungslos dastehenden Herren immer wieder in die Ohren. — Unmöglich?! — Seit wann hatte sich denn der Oberkommandierende von seinen Abschnittskommandanten darüber belehren zu lassen, was „möglich“ war? . . .

Purpurrot vor Empörung nahm er die Feder in die Faust, und schrieb als Antwort den einzigen Satz auf die Meldung: — Der Abschnitt wird gehalten! — und darunter seinen Namen, mit den großen steilen Strichen, die jedes Schulkind im Lande von den Postkarten mit dem Bildnis des Siegers von *** her kannte. Er selbst drückte den Umschlag dem Motorradler in die Hand, zur Beförderung an die Funkenstation, da die Telephondrähte der betreffenden Brigade längst schon in Grund und Boden getrommelt waren. Dann brauste er wie eine Gewitterwolke durch alle Räume, blieb eine halbe Stunde im Kartenzimmer, hatte eine kurze Besprechung mit seinem Generalstabschef, und erbat sich die Abendmeldungen in’s Schloß hinauf. Als er endlich sein dröhnendes „Gute Nacht, meine Herren“ in den großen Kuppelsaal hineinrief, seufzte alles erleichtert auf. Die Wache trat unter’s Gewehr; der Chauffeur warf den Motor an; und die große Maschine stürzte aufknurrend, wie ein wildes Tier, auf die Straße los. Fauchend, mit Sirenengeheul, wandt sie sich blitzschnell durch die engen Gassen, hinaus ins Freie, wo das Schloß mit der Perlenreihe seiner erleuchteten Fenster, wie ein Feenpalast, in das dunstdurchzogene Tal hinabsah.

Fest in seinen Kragen gehüllt, saß der Excellenzherr nachdenklich im Wagen, und ließ, — wie immer um diese Zeit, — alle Ereignisse des Tages noch einmal an sich vorbeiziehen. Auch der Journalist fiel ihm wieder ein und seine tolpatschige Frage: — Für wann hoffen Excellenz auf den Frieden. — „Hoffen?“ . . . War das zum Glauben, daß so ein Mensch, der doch schon was Besseres sein mußte in seinem Beruf, — sonst hätte er kein Empfehlungsschreiben aus dem Hauptquartier mitgebracht, — mit einer solchen Ahnungslosigkeit jedem soldatischen Gefühle gegenüberstand? Auf den Frieden hoffen? Was hatte denn ein Feldherr vom Frieden Gutes zu erwarten? Konnte denn so ein Zivilist gar nicht begreifen, daß ein kommandierender General eben nur im Krieg wirklich kommandierte und wirklich General war, im Frieden aber nur so was wie ein strenger Herr Lehrer mit goldenem Kragen; ein Ölgötze, der sich aus Langeweile zuweilen heiser schreit. Und nach dieser öden Tretmühle sollte er sich zurücksehnen? Sollte, — den Herrn Zivilisten zu Liebe, — die Zeit herbei „hoffen“, die den siegreichen Führer der . . . . ten Armee wieder nur zu Inspizierungen verwenden würde; sollte es nicht erwarten können, wieder jenen anderen, aussichtslosen Kampf leiten zu müssen, zwischen einer zu knappen Gage und einer auf Glanz polierten Lebensführung, in welchem von Monat zu Monat doch immer der Geldmangel Sieger blieb? . . .