Wer da mit Sicherheit wüßte, daß im Nachbarhause eben einer gemordet wird, während er behaglich in den Kissen liegt, — und aufspränge mit fliegenden Pulsen, wäre krank? Kann man denn anders als benachbart sein mit den Orten, wo Tausende in rasender Not sich ducken, die Erde zerfetzte Glieder in den Himmel speit und der Himmel mit eisernen Fäusten auf die Erde hämmert? Kann man wirklich entfernt leben von seinem eigenen, gekreuzigten Ich, wenn die ganze Welt von Stichworten widerhallt? . . . .
Nein!
Krank sind die andern. Krank sind jene, die mit strahlenden Augen Siegesnachrichten lesen und eroberte Quadratkilometer leuchtend über Leichenberge aufsteigen sehen, jene, die zwischen sich und ihre Menschlichkeit eine Wand aus buntem Fahnentuch gespannt, um nicht zu wissen, was in dem Jenseits, das sie „Die Front“ nennen, an ihresgleichen verbrochen wird. Krank ist jeder, der noch denken, sprechen, streiten, schlafen kann, wissend daß andere, mit den eigenen Eingeweiden in den Händen, wie halbzertretene Würmer über Ackerschollen kriechen, um auf halbem Wege zum Verbandplatz, wie ein Tier zu verenden, während weit, irgendwo, ein Weib mit heißem Leibe neben einem leeren Bette träumt. Krank sind alle, die das Stöhnen, Knirschen, Heulen, Krachen, Bersten, — das Jammern, Fluchen und Verrecken überhören können, weil rings um sie der Alltag murmelt, oder selige Nachtruhe liegt.
Krank sind die Tauben und Blinden, nicht ich!
Krank sind die Stumpfen, deren Seele nicht Mitleid und nicht den eigenen Zorn singt; sind die vielen, die, wie ein saitenloser Geigenkasten, nur Echo sind jedem Dröhnen. Oder ist etwa der Gedächtnisschwache, der wie eine überlichtete Platte, kein Bild mehr aufnimmt, — der gesunde Mensch? . . . . Ist nicht gerade Erinnerung der höchste Inhalt jedes Menschendaseins? Der Reichtum, den nur Tiere nicht kennen, weil sie Geschehenes nicht in sich weitertragen, nicht neu aus sich erstehen lassen können.
Soll ich von meinem Gedächtnis geheilt werden, wie von einem Leiden? Und wäre doch ohne mein Gedächtnis nicht mehr ich selbst, weil jeder Mensch aus seinen Erinnerungen gebaut ist und nur lebt, solange er wie eine geladene Kamera durchs Leben geht. Könnte ich nicht sagen: wo ich meine Jugend verlebt, wie die Haarfarbe meines Vaters, die Augen meiner Mutter gewesen; — könnte ich nicht, um Rede zu stehen, jeden Augenblick mein Gedächtnis durchblättern und das betreffende Bild aufschlagen, — wie schnell wäre die Diagnose: „senil“ oder „schwachsinnig“ bei der Hand! Ja, muß man denn, um als „geistig normal“ zu gelten, sein Gehirn wie Schwamm und Schiefertafel handhaben, Bilder, die gräßlichste Not in die Seele gebrannt, auf Kommando wegwerfen können, wie man Seiten aus einem Photographiealbum reißt? . . .
Einer ist vor meinen Augen gestorben; schwer und hart; nach grausamem Kampfe entzweigerissen von den Titanen: Leben und Tod. Und weil ich alle Phasen seines Ringens, — wie Momentaufnahmen in meinem Gehirn aufbewahrt, — neu erleben muß, so lange alles Geschehen unerbittlich diese Serie aufschlägt, wäre ich krank? . . . . Ich krank? — Und die anderen, die über das Zerfetzen, Zerfleischen, Zerstampfen ihrer Brüder, — über das langsame Verzappeln von Menschen im Stacheldrahte hinwegblättern können, wie über weiße Seiten, die sind gesund? . . . .
Ja, wo soll ich denn mit dem Vergessen anfangen, meine Herrn Doktoren?
Soll ich vergessen, daß ich im Kriege gewesen? Vergessen den Augenblick, da, in der verrauchten Bahnhofshalle, käseweiß, mit zusammengekniffenen Lippen, mein Junge neben seiner Mutter stand, und ich aus dem Waggonfenster, mit schlecht gemimter Heiterkeit, von Wiedersehen schwätzte, während meine Augen gierig die Gesichtszüge von Frau und Kind durchwühlten, ich ihr Bild in meine Seele einsog, wie nach tagelangen Märschen die brennende Kehle das rasend ersehnte Wasser schlürft? Vergessen das gallenbittere Würgen, als der Bahnhofsrachen langsam zuschnappte und Kind, Weib und Welt verschlang?
Soll ich die ganze Fahrt in den Tod, als Einzelreisender in einem Zuge, überfüllt mit Familienvätern, die über Sonntag in die Sommerfrische fuhren, mir aus der Erinnerung reißen, wie einen lästigen Wisch? Soll ich vergessen, wie mir’s war, als es mit jeder Station stiller um mich wurde, gleichsam das Leben von mir abbröckelte; bis, gegen Mitternacht, nur mehr ein — zwei schlafende Soldaten im Abteil saßen und ein käseweißes, schmerzverzerrtes Kindergesicht um das flackernde Öllicht schwebte? Muß man wirklich krank sein, um diesen Abschied von Heim und Wärme, dieses Losfahren, mit Haß und Gefahr als Reiseziel, wie einen unheilbaren Riß in sich zu tragen? Was wäre schwerer zu fassen, wann hätten Menschen je Rasenderes getan, als dieses: mit 6o Kilometer Geschwindigkeit durch die Nacht fahren, allem Lieben, aller Sicherheit entfliehen, den Zug verlassen und in einen andern steigen, weil dieser, und nur dieser, dorthin fährt, wo unsichtbare Maschinen glühende Eisenstücke schleudern, der Tod ein engmaschiges Netz aus Stahl und Blei zum Fang auswirft? Wer reißt mir das Bild der kleinen, schmutzigen Station, der fröstelnden, schlaftrunkenen Soldaten, die ohne Rausch, ohne Musik im Blute, dem Zivilistenzuge nachblickten, wie er sich mit hellen Fenstern, fröhlich pfeifend, in die Büsche schlug; wer reißt mir dieses Umsteigen in den Tod, im fahlen Zwielicht, jemals wieder aus der Seele?