Und wenn ich diese erste, endlose Nacht auch durchstreichen könnte, wie eine erledigte Angelegenheit; — bliebe mir nicht doch der Morgen, da der Zug, auf freier Strecke, mitten in einer weiten taufrischen Wiese, vor einer Weiche hielt und den Neugierigen der Bescheid ward, daß wir Lazarettzüge passieren lassen müßten? Wie soll ich sie je verscheuchen, die Erinnerung an die Wolke von Lysol und Blutgeruch, von Drachennüstern auf die fröhliche Wiese geblasen? Werde ich nicht ewig die endlosen Schlangen sehen, wie sie so träge herankrochen, als wären sie übersättigt mit zersetztem Menschenfleisch? Aus hundert Fenstern blitzten weiße Verbände, stierten verglaste, stumpfe Augen; liegend, hockend, aufeinander gepfercht, Leib an Leib, hingen sie, wie blutige Dolden, noch auf den Trittbrettern, als überquellender Reichtum an Schmerz und Not. Und diese jämmerlichen Reste von Kraft und Jugend, diese geschundenen, zertrümmerten Menschen sahen mitleidig, jawohl: mitleidig! auf unseren Zug. Bin ich wirklich krank, weil mir diese Blicke warmen Mitgefühls, von blutenden Krüppeln auf gesunde, stramme Burschen geworfen, unauslöschlich auf der Seele brennen? Und diese Ahnung, die damals fröstelnd den ganzen Zug durchlief, von einer Hölle, der man lieber in blutige Tücher gehüllt entflieht, als ihr unversehrt entgegen zu fahren, — dieser Schauder sollte zum Wissen, zum Erlebnis, zur Erinnerung geworden, einfach abzuschütteln sein, solange immer noch, Tag für Tag, solche Züge sich begegnen? . . . Ein hingeworfenes Wort über Truppenverschiebungen, jede Nachricht von neuen Kämpfen, läßt unfehlbar, wie das Anschlagen einer Taste einen bestimmten Ton erklingen macht, diese erste, leibhaftige Begegnung mit dem Kriege aus der Versenkung auftauchen, und ich sehe: auf dem freigewordenen Geleise, auf Steinen und Schwellen, die Blutstropfen im jungen Sommertag glitzern, als Wegweiser zur Front.

„Zur Front!“

Bin wirklich ich der Kranke, weil ich dies Wort nicht aussprechen oder niederschreiben kann, ohne daß inbrünstiger Haß mir die Zunge pelzig machte? Sind nicht die andern toll, die mit einem Gemisch von Andacht, romantischer Sehnsucht und scheuer Sympathie, wie hypnotisiert, auf diese Krüppel- und Leichenfabrik mit Maschinenbetrieb starren? Wär’s nicht klüger, mal diese andern auf ihren Geisteszustand zu untersuchen? Muß ich es den Herren Ärzten, die mich so mitleidig bewachen, verraten, daß ein paar Worte, die man wie tolle Hunde auf die Menschheit losgelassen, das ganze Unheil angerichtet haben?

„Front“ — „Feind“ — „Heldentod“ — „Sieg“ — mit hängender Zunge und rollenden Augen rasen die Köter durch die Welt. Millionen, die man vorsorglich gegen Typhus, Pocken und Cholera geimpft, hetzt ihr bis in Raserei! Millionen werden in Züge gepfercht, — hüben und drüben, — fahren singend einander entgegen, — und hacken, stechen, schießen aufeinander los, sprengen sich gegenseitig in die Luft, geben ihr Fleisch und ihre Knochen her für den blutigen Brei, aus dem der Friedenskuchen gebacken werden soll für jene Glücklichen, die ihre Kalbs- und Rindshäute gegen hundert Prozent Nutzen dem Vaterlande opfern, statt die eigene Haut auf den Markt zu tragen, für dreißig Heller täglich! . . . . . Man denke einmal: das Wort „Krieg“ wäre noch nicht erfunden; noch nicht durch tausendjährigen Gebrauch geheiligt, wie eine ungeheure Attrappe in raschelnde Buntheit gewickelt. Wer würde es wagen, das mangelnde Wort „Kriegserklärung“ durch folgende Rede zu ersetzen:

„Nach langen, fruchtlosen Verhandlungen ist unser Vertreter beim Nachbarstaate, heute von dort abgereist. Er hat aus dem Fenster seines Salonwagens zum letztenmal den Zylinder gelüftet vor den Herren, die ihm das Geleite gegeben, und wird ihnen nicht wieder freundlich lächelnd entgegentreten, ehe ihr nicht viele hunderttausend Männer des Nachbarstaates zu Leichen gemacht. Auf also! Hinein in eure Güterwagen für 6 Pferde oder 28 Mann! Fahrt ihnen entgegen, diesen anderen! Schlagt sie tot, sägt ihnen die Gurgeln ab, haust wie wilde Tiere in feuchten Erdhöhlen, verkommt, verwildert, verlaust, — bis wir den Zeitpunkt für gekommen erachten, uns wieder in den Salonwagen zu setzen, wieder die Zylinder zu lüften, um in prunkvollen Räumen, vornehm und manierlich über den Nutzen zu streiten, der unseren Fabrikherrn und Großkaufleuten aus dem Gemetzel zu erwachsen hat. Dann dürft ihr, soweit ihr noch nicht unter der Erde fault, oder als Bettler von Türe zu Türe humpelt, wieder nach Hause, zu euren halbverhungerten Familien, und dürft — nein: müßt! — mit doppeltem Eifer an die Arbeit, unermüdlicher und doch anspruchsloser als vorher, damit ihr die Schuhe, die ihr in hundert Todesmärschen zerfetzt, die Kleider, die an eurem Leibe verschimmelt, mit Schweiß und Entbehrung bezahlen könnt!“ . . . .

Ein Narr, wer mit solchen Worten um Gefolgschaft buhlte! Und keine Narren die Opfer, die draußen frieren, hungern, töten, und sich töten lassen, nur weil sie glauben gelernt: dies ginge nicht anders, wenn der tolle Köter Krieg mal seine Ketten gesprengt und den Erdball gebissen?

Waren so die Kriege, die uns das Wort „Krieg“ überliefert? Waren „Krieg“ und „Beute“ nicht gegenseitig bedingt? Führte den Landsknecht nicht Hoffnung auf zügelloses Leben, — Hoffnung auf Weiber und Dukaten und goldgezäumte Hengste? Ist dieses Kauern in eiserner Zucht, dieses Kopfhinhalten, dieses passive Vabanque-spielen mit Ungeheuern, die aus blauer Ferne ihre Höllenkessel schleudern, — noch „Krieg“? Krieg war das Aufeinanderprallen der überschüssigen Kräfte, — der Raufbolde aller Nationen. Jugend, der das Städtchen zu klein, das Wams zu eng wurde, zog hinaus, vom Spiel der eigenen Muskeln berauscht. Und nun soll das gleiche Wort herhalten, wenn Männer, schon in Haus und Heim verankert, losgerissen, hinausgepeitscht, vor den Feind hingelegt werden, um in stumpfer Resignation, wehrlos, als Statisten auszuharren in diesem Duell der Munitionsindustrien? . . . .

Ist es erlaubt, das Wort „Krieg“ als Standarte zu mißbrauchen, wenn statt Mut und Kraft — Streukegel und Tragweite kämpfen, und der Fleiß von Weibern und Kindern im Granatendrehen? Wer wagt es: die Tyrannen finsterer Zeiten, die ohnmächtige Menschen vor Löwen und Tiger warfen, heute noch ohne Ehrfurcht zu nennen, wenn er sie an jenen mißt, die diesen Kampf zwischen Mensch und Maschine, wie ein Marionettenspiel am Telegraphendraht dirigieren, von der schönen Hoffnung beseelt, daß unser Vorrat an Menschenfleisch den Stahl und Eisenbestand der Gegner überdauern werde? — — —

Nein! Alle Worte, die geprägt waren, ehe dieses Schlachten begann, sind zu schön und zu ehrlich; wie das Wort „Front“, das ich hassen gelernt! Bietet man Geschützen, die hinter Bergen verkrochen, den Tod tagereisenweit über Land schicken, oder Sappen, die zehn Meter unter der Erde unsichtbar herankriechen die „Stirne“? Eine Kopfstation ist eure „Front“; ein zerschossenes Häuschen, hinter welchem die Schienen aufgerissen sind, weil die Züge da kehrt machen, ihre Ladung an frischen, braungebrannten Männern löschen, um sie nachher, wenn sie aus der Maschine kommen, mit blutigen Gliedern und grünspanüberzogenem Gesicht wieder aufzunehmen.

Als ich, gegen Abend, ausstieg an dieser Kopfstation, saß auf der Erde, gegen das Eisengitter der Perronsperre gelehnt, ein bärtiger Soldat, den rechten Arm in der Binde. Und als er mich blitzblank vorbeigehen sah, da streichelte er mit der linken Hand zärtlich seine zertrümmerte Rechte, warf mir einen häßlichen, gehässigen Blick ins Gesicht, und rief mit gefletschten Zähnen: