„Ja, ja, Herr Leutnant! Hier gibt’s an Menschensalat!“ . . . .

Sollt’ ich’s vergessen, dieses hämische Grinsen, das den schmerzumzuckten Mund in die Breite zog? Bin ich krank, weil ich das Wort „Front“ nicht mehr hören kann, ohne daß mir ein unvermeidliches Echo „Menschensalat“ in die Ohren krächzte? Oder sind doch die andern krank, wenn sie, statt „Menschensalat“ zu hören, gierig das feige Gewäsch jener zeitgenössischen Kriegsbarden verschlingen, die wie Weinreisende für die Marke „Weltkrieg“ emsig in Reklame machen, weil sie dafür, wie kommandierende Generäle, in Autos herumgondeln dürfen, statt, von einem Gefreiten beherrscht, in lehmigen Gräben dem Tode gegenüber zu liegen.

Gibt es wirklich Menschen aus Fleisch und Blut, die noch eine Zeitung in die Hand nehmen können, ohne daß ihnen der Schaum vor dem Mund stände? Kann man wirklich das Bild von angeschossenen Zweifüßlern, die unter strömendem Regen, auf einer schlammigen Wiese, langsam, stumpfsinnig verbluten, im Gehirn tragen, und doch ruhig die Schurkereien über lückenlosen Samariterdienst, federnde Krankenwagen und nobel tapezierte Schützengräben lesen, mit welchen diese Kerle sich militärfrei dichten?

Menschen kehren heim mit stillen, staunenden Augen, in denen der Tod sich noch spiegelt; gehen scheu, wie Traumwandler durch funkelnde Straßen. In ihren Ohren hallt noch das tierische Wutgeheul, das sie selbst in den Orkan des Trommelfeuers hineingebrüllt, um nicht bersten zu müssen vor innerer Not. Mit Grauen bepackt, wie ein Maultier, kommen sie an, den erstaunten Blick erstochener, erschlagener Feinde im Gewissen, — und wagen den Mund nicht zu öffnen, da alles ringsum, da Weib und Kind selbst, mit geschwätziger Neugier von Granaten, Gasbomben und Bajonettangriffen drehorgelt. So perlen die Urlaubstage an ihnen ab, und die Rückfahrt in den Tod ist Erlösung von der Scham: ein verkappter Feigling gewesen zu sein unter den Daheimgebliebenen, für die Sterben und Töten Gemeinplätze ohne Schauer geworden.

So mag’s denn so sein, meine Herren Doktoren! Es ist ehrenvoll, der Tobsucht bezichtigt zu werden diesen Hallunken gegenüber, die um den Kopf aus der Schlinge zu ziehen, die Menschheit so herrlich abgehärtet, das Mitleiden abgeschafft und den Stolz auf fremdes Leid eingebürgert haben, statt, — als einzige Mittler zwischen Not und Macht, — das Gewissen der Welt zu wecken; statt mit einem Sprachrohr bewaffnet auf den belebtesten Plätzen so lange „Men-schen-sa-lat!“ zu brüllen, bis allen, deren Väter, Männer, Brüder, Söhne zur Leichenfabrik gezogen, die Haare zu Berge stehen, und alle Kehlen der Welt ein Echo werden! . . . . .

Jetzt, — wenn Sie gerade in der Nähe wären, meine Herren Ärzte, — könnte ich Ihnen meinen Kameraden zeigen, zu leibhaftem Sein ins Zimmer gerufen von den Stichflammen des Hasses gegen Frontberichte und Hinterlandsgleichmut. Ich fühle ihn hinter meinem Rücken stehen; sein Gesicht aber liegt vor mir auf dem weißen Bogen, wie ein matter Wasserdruck, und meine Feder fliegt mit krampfhafter Eile, um wenigstens die Augen, die mich vorwurfsvoll anstarren, mit Buchstaben zu bedecken.

Groß, — auseinanderstrebend, — grauenhaft verzerrt hebt sich sein Antlitz, langsam anschwellend, aus dem Papier, wie das Bild des Erlösers aus dem Schweißtuche der Veronika.

Genau so sahen ihn, an jenem Hochsommermorgen, auch die drei Zeitungsschreiber am Waldrande liegen, und — wandten sich unwillig ab, mit einem fast militärisch exakten „kurz kehrt euch“. Mir galt ja ihr Besuch! Ich sollte ihnen Wagen und Pferde leihen, da das Auto, das sie mit Blitzesschnelle durch die Gefahrzone flitzen sollte, mit gebrochener Achse auf der Görzer Straße lag.

Liebenswürdige Herren waren’s, in märchenhaft geschwungenen Breaches-Hosen, mit Reisemützen, wie aus einem Sherlock-Holmes Film entwendet! Sie wollten Briefe mitnehmen, und Grüße ausrichten, fanden es entzückend bei mir, lachten aus voller Kehle über meine Matratze aus Weidenruten, — und wurden besonders dankbar, als der Wagen bereit stand, ehe das tägliche Bombardement der Italiener einsetzte.

Als sie aus dem Walde fuhren, mußten sie doch wieder an dem Manne vorbei, der mit seinem grausam entstellten Gesicht unbeweglich auf der Wiese kauerte. Aber sie sahen ihn wieder nicht! Wie auf Kommando warfen sie die Köpfe herum, beäugten die Zerstörungen, die ein Fliegerangriff tags vorher angerichtet, angeregt gestikulierend, als säßen sie bereits hinter den Spiegelscheiben eines Kaffeehauses.