Mein Atem ging kurz, als wäre ich ein ganzes Ende steil bergauf gerannt. Der Platz auf dem ich stand, kam mir plötzlich fremd und verändert vor. War das noch der gleiche Wald, in den oft krachend die Granaten schlugen, den die großen Caproniapparate mit weit gespannten Flügeln, wie Geier umkreisten, mit Bomben und Pfeilen durchsiebten, während das Abwehrfeuer der Maschinengewehre die Blätter wie Hagel peitschte? Aus diesem Walde fuhren drei Menschen gesund, unversehrt, mit fröhlichem Mützenschwenken? . . . . Wo war denn die Wand, die uns andere kauernd auszuhalten zwang unter den knickenden Ästen? . . . . Gab es da nicht ein Tor, das sich nur vor fahlen, eingefallenen Wangen, fieberglänzenden Augen, oder blutigen Gliedern auftat? . . . .

Glatt rollte der Wagen über die braungestampfte Wiese, und nur das leuchtende Rot Baedeckers fehlte, um das Bild einer Vergnügungsreise vollkommen zu machen.

Die fuhren heim!

Zu Frau und Kind vielleicht? . . . .

Ein schmerzvolles Ziehen und Zerren, als wäre der Blick an die Räder gebunden; — — dann schnellte der Körper, — wie losgerissen, — ins Leere zurück, und . . . . und in diesem Augenblicke, da die Seele, gleichsam aufgepflügt von dem davonfahrenden Wagen, klaffend und wehrlos war vor Sehnsucht, sprang jäh das Erlebnis mich an! Mit einem furchtbaren Satz, — mit einem einzigen Biß, — für’s ganze restliche Leben, unheilbar!.

Ahnungslos ging ich zu dem Verwundeten hin, dem die Drei so abweisend den Rücken gekehrt hatten, als gehörte er nicht auch zu dem interessanten Museum für Granattrichter, das sie neugierig durcheilten. Er kauerte neben dem schmutzigen, zerfetzten Fähnchen mit dem Rothenkreuz, den Kopf zwischen die hochgezogenen Knie gepreßt, und hörte mich nicht, hinter ihm lag der kreisrunde, kaffeebraune Fleck, der sich, wie eine Manege, aus der immer noch ein wenig grünschimmernden Wiese hob. Die Verwundeten, die tag-täglich bei Morgengrauen sich an dieser Stelle sammelten, um mit den Wagen, die uns Munition brachten, und für den Rückweg Verwundete luden, ins Feldspital gefahren zu werden, — hatten den Flecken aus der Wiese gewetzt, wie eine Lieblingsecke auf dem Familiensopha.

Wie viele hatte ich schon so kauern gesehen, zehn — zwölf Stunden lang oft, wenn die Wagen zu früh abgefahren, oder überfüllt, oder — nach heftigen Gefechten —, rückwärts, vor dem Munitionsdepot, Queue gestanden waren. Fröhliche Burschen mit zerschmetterten Armen oder Beinen, das Kriegswort „Tausendguldenschuß“ auf den fahlen und doch lachenden Lippen, — neidvoll begafft von Leichtverletzten und den flackernden Augen der Typhuskranken, die alle gerne tausend Gulden und ein Glied dazugeopfert hätten, für die gleiche Gewißheit: nicht mehr wiederkehren zu müssen. Wie viele hatte ich sich wälzen, in die Erde beißen sehen vor Schmerz; — wie viele bei strömendem Regen, — halb schon begraben im aufgeweichten Lehm, — stöhnen und wimmern, mit aufgerissenem Leibe die Bora überbrüllen hören! . . . .

Doch dieser schien nur leicht am rechten Bein getroffen zu sein. Durch den flüchtigen Verband war das Blut an einer Stelle durchgesickert, und so bot ich ihm, außer Kognak und Zigaretten, auch mein Verbandpäckchen an. Aber er rührte sich nicht. Erst als ich ihm die Hand auf die Schulter legte, hob er den Kopf, — und das Gesicht, das er mir zeigte, warf mich zurück, wie ein Faustschlag vor die Brust.

Mund und Nase waren auseinandergegangen; wie überwuchernd krochen sie die rechte Wange hinauf, — die keine Wange mehr war. Ein Stück blaurotes Fleisch blähte sich da, überzogen von einer bis zum Platzen gespannten, von Straffheit hell glänzenden Haut! Eine exotische Frucht eher, als ein Menschenantlitz, war die ganze rechte Seite; während von links, aus fahler, zuckender Traurigkeit, ein banges, wehmütiges Auge zu mir emporblickte.

Wie ein Lasso schlang der jähe Schrecken sich mir um die Kehle!