Was war das? . . . . Solches Grauen hatte auch diese Wiese, dieser Warteraum zum Jenseits noch nicht gesehen. Selbst die schaurige Erinnerung an einen anderen, der wenige Tage vorher, genau an der gleichen Stelle, in den wie schöpfend zusammengefügten Händen behutsam die eigenen Gedärme gehalten hatte, — versank beim Anblick dieses Januskopfes, der links ganz Frieden, ganz milde Menschlichkeit; — rechts ganz Krieg, ganz verzerrtes, geblähtes Haßgebilde schien.

— Schrapnell? — . . . . stammelte ich schüchtern die einleitende Frage.

Die Antwort klang verworren. Nur daß sein rechtes Schienbein ein Dum-dumgeschoß zertrümmert hatte, konnte ich verstehen. Was aber murmelte er, so oft seine Hand bebend zur glühenden Backe griff, immer wieder von einer Angel? . . . .

Ich konnte ihn nicht verstehen, denn das Erlebte kochte noch so heftig in seinen Adern, daß er wie von gegenwärtigem Geschehen, wie zu einem Augenzeugen zu mir sprach. Sein Bauernsinn faßte es nicht, daß es Menschen geben könne, die von der ungeheuerlichen Not seiner letzten Stunden nichts gesehen und nichts gehört. So stieg, mehr erraten als erzählt, aus kurzen Sätzen, derben Flüchen, und gurgelndem Stöhnen, allmählich sein Schicksal.

Eine Nacht lang war er, nach abgeschlagenem Angriff auf den feindlichen Graben, mit seinem zerschmetterten Bein ohnmächtig vor dem eigenen Drahtverhau gelegen. Bei Morgengrauen dann warfen sie die Angel nach ihm. Die Angel, aus Eisenhaken und Seil konstruiert, um die Leichen von Freund und Feind in den Graben zu ziehen und verscharren zu können, ehe die Görzer Sonne ihre Arbeit begann. Mit diesem Haken, in hundert Leichen getaucht, hatte ihm ein Tölpel, — Gott verdamm ihn! — die Wange aufgerissen, ehe einer geübteren Hand der Fischzug gelang. Und nun wollte er — gehorsamst bittend —, bald ins Spital gebracht werden, denn es war ihm bange um — sein Bein, und vor einem Bettlerdasein als Krüppel.

Ich lief davon, wie gejagt, in weiten Sätzen, über Steine und Wurzeln hüpfend, quer durch den Wald, zur nächsten Kolonne. Umsonst! Im ganzen Walde war kein einziges Fuhrwerk aufzutreiben. Und ich hatte meinen letzten Wagen den drei Kerlen gegeben! . . . . . . .

Warum hatte ich sie nicht aufgefordert, den einzigen Verwundeten, der auf der Wiese lag, mitzunehmen, und im Vorbeifahren abzuliefern beim Feldspital? Warum hatten die drei nicht von selbst daran gedacht, ihre Menschenpflicht zu tun? Warum?! . . . . . .

Meine Fäuste ballten sich in ohnmächtiger Wut und ich ertappte mich bei einem Griff nach der Revolvertasche, als könnte ich jene Fröhlichen noch von ihrem Wagen schießen!

Atemlos, durchglüht vom langen Lauf, torkelte ich mit zitternden Knien den Weg zurück; geknickt, als schleppte ich auf den Schultern das zentnerschwere Bild von Menschen, die sportsmäßig auf Menschenaas angeln. Ein merkwürdiges, seit Jahrzehnten vergessenes Würgen und Kratzen stieg mir in die Kehle, als ich — zu meinem Lagerplatz zurückgekehrt, — dem leisen Wimmern des Hülflosen lauschen mußte.

Er war nun nicht mehr allein. Ein Häuflein von Leichtverwundeten hatte sich, — während meiner Abwesenheit, — zu ihm gesellt. Ich sah sie, — zwischen den Baumstämmen hindurchspähend, — im Kreise auf der Wiese hocken, während der Geangelte, von rasenden Schmerzen gepeinigt, das kranke Bein in der Hand, umherhüpfte, den Kopf von einer Schulter auf die andere werfend.