Verwaist, allein mit seinem Rucksack und seinem Kofferl, überflutet vom prallen Sonnenschein der ungarischen Tiefebene, vor sich das weitgestreckte Dorf, fühlte Johann Bogdán sich jäh von Kleinmut überfallen, von einer Angst, die er beim Heransausen der Granaten, vor Sturmangriffen auf Leben und Tod, im grausamsten Handgemenge nicht gekannt. Tiefschürfende Betrachtungen waren seinem trägen Bauernverstand, seiner, aus Trotz und Eitelkeit roh zusammengezimmerten Natur, versagt. Aber ein instinktives Unbehagen, das feindselige Mißtrauen, das ihn übermannte, sagten ihm deutlich genug, daß er Enttäuschungen und Kränkungen entgegenging, von welchen er sich im Spital nichts hatte träumen lassen. Kleinlaut lud er sich sein Gepäck auf den Rücken und ging mit zögernden Schritten dem Ausgange zu. Hier, im Schatten dieser verstaubten Akazien, die er, und die ihn wachsen gesehen, fühlte er sich jäh mit seinem früheren Ich, mit dem schönen Johann Bogdán, der hier als fescher Herrschaftskutscher bekannt war, konfrontiert. Da waren alle Operationen und Flickereien den Teufel was wert! Da gab es keinen anderen Vergleich, als den einen, schmerzlichen, zwischen dem kecken, übermütigen Burschen, der hier am ersten Mobilmachungstag mit heisergesungener Stimme seiner Marcsa ein letztes Lebewohl zugerufen hatte, und dem Krüppel, der jetzt mit einem Auge, zertrümmerter Kinnbacke, zerflicktem Gesicht und halbierter Nase vor demselben Stationsgebäude stand, — verbittert und niedergeschlagen, als wäre ihm das Unglück an diesem Morgen erst zugestoßen.
Vor der kleinen Gittertüre schwatzte, mit der Lochzange in der Hand, die Frau des Bahnwärters Kovacs, — der seit Kriegsbeginn, irgendwo im Russischen Dienst tat —, und wartete ungeduldig auf den letzten Passagier. Johann Bogdán sah sie stehen, und sein Herz fing so heftig zu pochen an, daß er unwillkürlich noch langsamer ging. Würde sie ihn erkennen, oder nicht? Seine Knie knickten ein, wie plötzlich morsch geworden, und seine Hand zitterte vor Erregung, als er ihr das Billet entgegenhielt.
Sie nahm es ihm ab und ließ ihn passieren; — ohne ein Wort.
Dem armen Bogdán stockte der Atem. Er raffte seine ganze Kraft zusammen, sah ihr mit seinem einzigen Auge fest ins Gesicht, und sagte, mühsam seine Stimme festigend: — Grüß Gott! —
— Grüß Gott — wiederholte die Frau. Er begegnete ihren Augen, sah sie sich weiten, erstarren, über sein zerschundenes Gesicht tasten, und dann — schnell über ihn hinwegschauen, als könnte sie den Anblick nicht ertragen. Schon wollte er stehen bleiben, da merkte er, daß ihre Lippen bebend ein lautloses „Jesus Maria“ stammelten, als wäre er der leibhaftige Gottseibeiuns. Und taumelnd, gekränkt, ging er weiter.
— Nicht erkannt! — hämmerte das Blut ihm in den Ohren, — Nicht erkannt. Nicht erkannt! — Er schleppte sich bis zur Bank gegenüber dem Stationshaus, warf sein Gepäck ab und sank nieder.
Nicht erkannt! Die Frau des Bahnwärters Kovacs, den Johann Bogdán nicht erkannt. Das Haus ihrer Eltern grenzte an sein Elternhaus, sie waren mitsammen zur Schule gegangen, mitsammen konfirmiert worden; er hatte sie in den Armen gehalten, sie abgeküßt, weiß Gott, wie oft, ehe der Kovacs ins Dorf kam und um sie warb. Und sie hatte ihn nicht erkannt. Auch nicht an der Stimme, — so verändert war er!
Unwillkürlich warf er noch einen Blick hinüber, sah sie eifrig auf den Stationsvorsteher einsprechen, und erriet aus ihren Geberden, daß sie von dem schauderhaften Anblick erzählte, von dem greulich entstellten, fremden Soldaten, den sie eben gesehen. Er stieß einen kurzen, krächzenden Laut aus, einen mißglückten Fluch, dann fiel sein Kopf vornüber, und er heulte los, wie ein verlassenes Weibsbild.
Was sollte er nun anfangen? Hinaufgehen ins Schloß, die Tür aufstoßen zum Gesindehaus, und der verblüfften Marcsa ein patziges „Grüß Gott“ zurufen?
. . . Ja, so hatte er sich’s gedacht. Hatte sich, weiß der Teufel wie oft, — das Bild ganz genau ausgemalt: das Aufkreischen der Mägde, den Freudenschrei seiner Braut, ihren Sprung an seinen Hals, und die tausend Fragen, die sich über ihn ergießen würden, während er, die Marcsa auf den Knieen, nur so nebenher, dann und wann, eine Antwort gäbe der andächtig lauschenden Gesellschaft.