Wo war das jetzt alles? . . . Zur Marcsa gehen? Er? . . . Mit diesem Gesicht, vor dem die Bahnwärters Juli sich bekreuzigt? . . . War die Marcsa nicht im ganzen Komitat berüchtigt wegen ihrer spitzen Zunge und ihrer Hochnäsigkeit? Schockweise hatte sie die Männer abblitzen lassen, alle ausgelacht, alle zum Narren gehalten, ehe sie sich endlich in ihn vergaffte.

Johann Bogdán stopfte die Faust in den Mund und bohrte sich die Zähne tief ins Fleisch hinein, bis der heftige Schmerz ihm endlich das Schluchzen überwinden half. Dann vergrub er den Kopf in den Händen und versuchte nachzudenken.

Nie war ihm in seinem Leben irgend etwas schief gegangen, überall hatte man ihn gut leiden können, in der Schule, bei der Herrschaft im Schloß, und auch beim Militär. Als hübscher, aufgeweckter Junge, ausgezeichneter Reiter, schneidiger Kutscher, den seine Pferde liebten, wie er sie, war er, vergnügt vor sich hin pfeifend durch’s Leben gegangen, gewöhnt, die Weiber geschmeichelt lächeln zu sehen, wenn er ihnen im Vorbeisausen großmütig eine Kußhand zuwarf. Nur bei der Marcsa hatte es etwas länger gedauert; aber die war ja auch weit und breit als das schönste Mädel berühmt, und selbst der gnädige Herr hatte ihm fast neidisch auf die Schulter geklopft, als sie sich verlobten.

— Ein schönes Paar! — hatte der Herr Pfarrer gesagt.

Tastend fischte Johann Bogdán seinen kleinen Spiegel wieder aus der Tasche und sank zusammen, erdrückt von einer tiefen, wehmütigen Traurigkeit. Das sollte nun der Bräutigam der schönen Marcsa sein? Was hatte dieses Affengesicht, dieses zerflickte, scheckige Gefries, das ihm der verdammte Gauner, der Betrüger, der sich einen berühmten Professor schimpfen ließ, da zusammengeschustert hatte, mit Johann Bogdán zu tun, mit dem Johann Bogdán, dem die Marcsa die Ehe versprochen und weinend das Geleit gegeben hatte, als es losging. Für die Marcsa gab es nur einen Johann Bogdán, der war Herrschaftskutscher und der schönste Mann im Dorf. War er noch Herrschaftskutscher? . . . Der gnädige Herr wird sich hüten, sein schönes Zeugel mit so einer Vogelscheuche zu verschandeln und in die Komitatshauptstadt hineinzufahren mit einer Fratze auf dem Bock! Zum Heuen wird man ihn schicken, zum Ausmisten im Stall. Und die Marcsa, die schöne Marcsa, um die sich alle Männer reißen, sollte die Frau eines elenden Taglöhners werden?

Nein, das fühlte Johann Bogdán ganz genau, für die Marcsa war der Mensch, der da auf der Bank saß, nicht der Johann Bogdán mehr. Sie wird ihn nicht mehr haben wollen, so wenig die Herrschaft ihn wieder auf den Bock setzen wird. Ein Krüppel bleibt ein Krüppel, und die Marcsa hat sich mit dem Johann Bogdán verlobt, und nicht mit dem Kinderschreck, den er ihr jetzt nach Hause brachte.

Seine Traurigkeit wich allmählich einer unbändigen Wut gegen das Großstadtgesindel, das ihn beschwatzt, ihm weiß Gott was aufgebunden hatte. Stolz sein sollte die Marcsa, weil er im Dienste des Vaterlandes entstellt worden war? Stolz? Haha!

Er lachte höhnisch auf, und seine Finger krampften sich um den vermaledeiten Spiegel, bis er in tausend Scherben brach, und ihm die Hand zerschnitt. Das Blut tropfte langsam in den Ärmel, ohne daß er es merkte, so groß war sein Grimm gegen das vornehme Weiberpack im Spital, das ihn mit solchem Gewäsch ganz um seinen Verstand gebracht hatte. Die dachten wohl, für eine Bauerndirne wäre auch ein Mann mit einem Auge und halber Nase noch gut genug? Vaterland? . . . Ging sie denn mit dem Vaterland zum Altar? Konnte sie mit dem Vaterland Staat machen, wenn ihr die Weiber mitleidig nachschauten? Kutschierte das Vaterland mit fliegenden Bändern auf dem Hut durch das Dorf? Lächerlich! . . .

Hier auf der Bank, mit dem Stationshaus und der Aufschrift vor Augen, die in einem einzigen Wort, einem kurzen Namen, sein ganzes Leben, alle seine Erinnerungen, Hoffnungen und Erlebnisse zusammenfaßte, fiel Johann Bogdán ganz plötzlich der lahme Peter ein, der in dem verfallenen Häuschen hinter der Mühle logiert hatte, vor vielen Jahren, als er selbst noch ein Kind gewesen. Er sah ihn ganz deutlich vor sich stehen, mit seinem klappernden Stelzfuß und seinem verhungerten, traurigen Gesicht. Der hatte auch sein Bein hingeopfert „für’s Vaterland“, — in Bosnien unten, während der Okkupation, und mußte dann allein in der alten Hütte hausen, verspottet von den Kindern, die seinen Gang nachmachten; übellaunig geduldet von den Bauern, die es ihm nachtrugen, daß er der Gemeinde zur Last fiel, und von ihrem Gelde lebte. „Im Dienste des Vaterlandes?“ — — — — Nie hatte jemand vom Vaterland gesprochen, wenn der lahme Peter vorbeikam. Man nannte ihn verächtlich den Dorfarmen, und damit basta.

Johann Bogdán preßte die Zähne aufeinander, daß sie knirschten, vor Ärger darüber, daß ihm der Peter nicht im Spital schon eingefallen war. Dann hätte er den Städtischen tüchtig seine Meinung gesagt über ihr dummes Geschwätz vom Vaterland, und von der großen Ehre, wie ein Aff’ heimzukehren zur Marcsa. Wenn er jetzt den Professor hätte in die Krallen kriegen können! Photographiert hatte ihn der Betrüger, — und nicht einmal nur, — ein dutzend Mal wenigstens, von allen Seiten; nach jeder Schinderei von neuem; als wäre ihm weiß Gott was für ein Kunststück gelungen. Und nun hatte ihn nicht einmal die Bahnwärter Juli erkannt — die Bahnwärter Juli — — ein Nachbarskind! . . . .