Der Rittmeister stimmte dröhnend ein. Laut seiner summarischen Anschauung gehörten Abgeordnete, die nicht genug Geld für’s Militär bewilligten, Sozialisten und Pazifisten, kurz alles was sprach, schrieb, überflüssige Worte machte und „vom G’scheit sein lebte“, in das gleiche Kapitel „Bücherwurm“ wie der Philosoph.

— Ja, ja, — sagte er mit seiner überschrieenen Stimme, — für d’Artillerie is so a Philosoph grad’s Rechte. Auf’m Berg oben hock’n und zuschaun, sonst tun’s ja eh nix. Wann’s nit unsere eigenen Leut z’ammschießn! Mit dene Katzlmacher vor uns, sein mir immer leicht fertig worn; aber vor euch Meuchelmörder im Rücken hab ich immer an Mordsrespekt ghabt. Aber jetzt hört’s endlich auf vom Krieg zu reden, sonst geh ich schlafn. Da sitzt man endlich mit zwei reizenden Damen, sieht nach langer Zeit wieder ein G’sicht ohne Bartstoppeln, und Ihr sprichts immer noch von der damischen Schießerei. Herrgott, wie zu mir in’ Lazarettzug das erste blonde Mäderl reinkommen is, mit ’m weißen Häuberl auf’m Wuschelkopf, ich hätt’s am liebsten bei der Hand g’nommen und immer nur ang’schaut. Ehrenwort, Frau Major: das bisl Schießen wird einem höchstens fad mit der Zeit; die Haustierln sind schon ärger; aber ’s Ärgste ist das vollkommene Fehlen der holden Weiblichkeit. Fünf Monat lang nix als Männer sehn, — und dann auf einmal wieder so an helles, liebes Frauenstimmerl hören! . . . . Das is doch’s Schönste! Dafür lohnt sich’s schon in Krieg zu gehen. —

Der Musulmann verzog sein bewegliches, von Jugend blitzendes Gesicht zu einer Grimasse:

— Das Schönste? . . . Nein, weißt Herr Rittmeister, wann ich aufrichtig sein soll . . . gebadet wer’n, dann, mit’n frischen Verband, ins saubere, weiße Bett hinein, und wissen, daß ma sei’ Ruh habn wird für a paar Wochen, . . . das is a G’fühl, wie . . . . Da gibt’s überhaupt kein Vergleich. Aber wieder einmal Damen sehen is freilich auch sehr schön.

Der Philosoph hatte seinen runden, fleischigen Epikuräerkopf schief auf die Schulter gelegt; seine kleinen, listigen Augen bekamen einen feuchten Glanz. Er blickte hinüber, wo ein heller Fleck, in der fast greifbar gewordenen Finsternis, das weiße Kleid der Frau Major vermuten ließ, und hub in einem leise singenden Ton, ganz langsam zu erzählen an:

— Das Schönste ist, finde ich, die Stille. Wenn man da oben in den Bergen gelegen ist, wo jeder Schuß fünfmal hin- und hergeworfen wird, und dann ist’s auf einmal ganz still, kein Pfeifen, kein Heulen, kein Donnern, nichts als eine herrliche Stille, der man zuhören kann, wie einem Musikstück — — — Ich habe die ersten Nächte sitzend durchwacht und die Ohren gespitzt auf dieses Schweigen, wie auf eine Melodie, die man von weitem erhaschen will. Ich glaube, ich habe sogar ein wenig geheult, so schön war’s zuzuhören, daß man gar nichts mehr hört!

Der Rittmeister schleuderte seine Zigarette weg, daß sie, wie ein Komet, funkensprühend durch die Nacht flog, und schlug sich klatschend auf den Schenkel.

— Na, also — rief er höhnisch — hab’ns das verstanden, Frau Major? „Zuhören, daß man nix hört.“ Seh’ns, das heißt man Philosophie. Ich weiß aber noch was Schöneres, du! Nämlich nicht zu hören, was man hört. Besonders wann’s so an philosophischen Stiefel zu hören gibt.

Man lachte, — und der Gehänselte lächelte gutmütig mit. Auch er war ganz durchtränkt von dem Frieden, der aus der schlafenden Stadt in den herbstlichen Garten herüberwehte, und die aggressiven Scherze des Rittmeisters perlten an ihm ab, wie alles, was geeignet gewesen wäre, die Süße der wenigen Tage, die ihn von der Rückkehr an die Front noch trennten, zu mindern. Er wollte seine Zeit ausgenießen, behäbig, mit geschlossenen Augen; wie ein Kind, das ins finstere Zimmer muß.

Die Frau Major beugte sich vor: