— Über das Schönste gehen also die Meinungen auseinander, — sagte sie, und ihr Atem ging rascher, — was war aber das Gräßlichste, das Sie draußen erlebt haben? Viele sagen das Trommelfeuer wäre das Gräßlichste; viele können den Ersten, den sie fallen gesehen haben, nicht verwinden. Und Sie?
Der Philosoph, an den die Frage gerichtet war, schnitt ein gequältes Gesicht. Dieses Thema paßte so gar nicht in sein Programm. Er suchte noch nach einer ausweichenden Antwort, als ein unverständlicher, röchelnder Ausruf alle Augen in die Ecke zog, in welcher der Landsturmoffizier und seine Frau saßen. Man hatte die Beiden fast schon vergessen in der Dunkelheit, und wechselte erschrockene Blicke, als der torkelnde Mann mit den erloschenen Augen, die zerbrochene Gliederpuppe, deren Stimme kaum einer kannte, jetzt im krähenden Diskant hastig zu reden anfing:
— Gräßlich? Gräßlich ist nur der Abmarsch — rief er — Man geht, — — — und daß man gelassen wird, das ist gräßlich! —
Ein kaltes, würgendes Schweigen folgte seinen Worten; selbst das ewig fröhliche Gesicht des Musulmannes erstarrte in peinlicher Verlegenheit. Das kam so unerwartet, klang so unverständlich, und hatte, — vielleicht durch das Vibrieren der Stimme aus dem zitternden Leib, oder den gurgelnden Nebenton, der wie überschrieenes Schluchzen klang, — doch alle an der Kehle gepackt und ließ die Pulse schneller schlagen.
Die Frau Major sprang auf. Sie hatte den Mann ankommen gesehen, auf eine Bahre geschnallt, weil ihn das Weinen so hoch schleuderte, daß die Träger nicht anders seiner Herr werden konnten. Irgend etwas unsagbar häßliches hatte, — so hieß es, — den armen Teufel halb um seinen Verstand gebracht, und die Frau Major durchzuckte jäh die Angst vor einem Tobsuchtsanfall. Sie kniff den Rittmeister in den Arm und rief mit geheuchelter Eile:
— Um Gotteswillen! Da klingelt ja schon die letzte Tramway! Schnell, schnell, gnädige Frau, wir müssen laufen.
Alle waren aufgestanden; die Frau Major hatte sich in den Arm der unglücklichen kleinen Frau eingehackt und drängte immer hastiger:
— Wir müssen eine Stunde zu Fuß gehen bis zur Stadt, wenn wir die Elektrische verpassen.
Ratlos, am ganzen Leibe zitternd, beugte die Frau sich noch einmal zu ihrem Mann hinab, um Abschied zu nehmen. Sie fühlte genau, daß dieser Aufschrei ihr galt; daß er einen grimmigen, tötlichen Vorwurf enthielt, den sie nicht begriff. Sie fühlte ihren Mann zurückweichen, sich verkrampfen unter der Berührung ihrer Lippen, und schluchzte auf, bei dem gräßlichen Gedanken an die endlose Nacht in dem frostigen, verwahrlosten Hotelzimmer, allein mit diesem quälenden Zweifel. Aber die Frau Major zog sie mit sich, zwang sie zum Laufen; ließ sie erst wieder los, als sie schon, an der Torwache vorbei, auf die Straße traten.
Die Herren blickten ihnen nach, sahen die Figuren im Scheine der Straßenlaterne noch einmal auftauchen, horchten dem Sausen der Trambahn nach. Der Musulmann griff nach seinen Krücken, blinzelte dem Philosophen bedeutungsvoll zu und sprach gähnend von Schlafengehen. Der Rittmeister sah neugierig auf den Kranken hinab, fühlte Erbarmen, und wollte dem armen Teufel eine Freude machen. Er klopfte ihm auf die Schulter und sagte in seiner burschikosen Art: