— Nichts hat er mehr gesagt, der arme Dill, mit dem Sporn im Schädel, so einem richtigen Komissporn, groß wie ein Fünfkronenstück. Nur die Augen hat er verdreht, traurig das Bild von seiner Frau angeschaut, daß sie so was hat zugeben können. — — — So was! — — So was, mein Lieber! — — — Zu viert haben wir ihm den Stiefel rauszieh’n müssen, — zu viert! Hin- und herdrehen haben wir ihn müssen, du! Bis ein Stück von seinem Gehirn mitgekommen ist, — wie ausgerissene Wurzeln, — wie ein grauer Polyp, ein krepierter, auf dem Sporn. — — —

— Geh, hör auf! — schrie wütend der Rittmeister, riß sich los und ging fluchend ins Haus. Die beiden anderen sahen ihm sehnsüchtig nach. Allein konnten sie den Unglücklichen doch nicht lassen. Er war, als der Rittmeister ihm den Arm entzog, erschöpft auf die Bank zurückgefallen, saß wimmernd, wie ein geschlagenes Kind, mit dem Kopfe auf der Lehne. Erst als der Philosoph leise seine Schulter berührte, um ihn, gut zuredend, zum Gehen zu bewegen, fuhr er von neuem auf und brach in ein bellendes, häßliches Lachen aus.

— Aber wir haben sie ihm rausgerissen, seine fesche Frau. Zu viert haben wir gezogen bis sie draußen war. Ich hab ihn befreit! Raus, weg ist sie. Alle sind’s weg. Meine ist auch weg; die Meine ist auch ausgerissen. Alle werden ausgerissen. Keine Frau gibts! Keine Frau mehr, keine — — —

Nickend sank sein Kopf nach vorne; über das tieftraurige Gesicht rollten langsam die Tränen.

Hinter seinem Rücken tauchte der Rittmeister wieder auf, gefolgt von dem kleinen Sekundararzt, der die Nachtwache hatte.

— Du mußt jetzt ins Bett, Herr Leutnant — knarrte der Doktor mit forcierter Strenge.

Der Kranke warf den Kopf zurück, starrte verständnislos in das fremde Gesicht. Als der Arzt den Satz mit gehobener Stimme wiederholte, leuchteten seine Augen plötzlich auf und er nickte zustimmend.

— Müssen gehen, natürlich! — wiederholte er eifrig und seufzte schwer — Alle müssen wir gehen. Wer nicht geht, ist ein Feigling, und einen Feigling wollen sie nicht haben. Das ist’s ja! Verstehst du nicht? Jetzt sind Helden modern. Die fesche Frau Dill hat einen Helden haben wollen zu ihrem neuen Hut, hehe. Darum hat der arme Dill sein Gehirn hinaustragen müssen. Ich auch, — Du auch! Mußt sterben gehen, — mußt dich treten lassen, ins Gehirn treten! Und die Frauen schaun zu, — fesch, — weil’s jetzt so Mode ist.

Er hatte seinen abgezehrten Leib mühsam an der Banklehne hochgestemmt, sah allen Umstehenden der Reihe nach fragend ins Gesicht, auf Zustimmung wartend.

— Ist das nicht traurig? — frug er leise. Dann, mit plötzlich wieder emporschnellender Stimme, von jäher Wut gepackt, schreiend, daß es unheimlich durch den Garten gellte: — Ist das nicht Betrug, he? Nicht Betrug? War ich ein Messerstecher? Ein Raufbold? War ich ihr nicht recht, am Klavier? Sanft und rücksichtsvoll haben wir sein müssen! Zartfühlend! Und auf einmal, weil die Mode gewechselt hat, wollen sie Mörder haben. Verstehst du das?