Fr. Schiller, R. Medicus.

Es würde die vorgesteckten Grenzen dieser Schrift überschreiten, wenn auch die folgenden Briefe, welche die Einwürfe des Freiherrn von Dalberg widerlegen sollten, hier angeführt würden. Nur so viel sei noch hierüber gesagt, daß, so sehr auch Schiller den Zug in dem Charakter Karl Moors, die Geliebte mit seiner Hand zu töten, als wesentlich zur ganzen Rolle, ja als eine positive Schönheit derselben betrachtete, sein Gegner davon nicht abzubringen war, daß Amalie sich selbst mit dem Dolch erstechen müsse. Der andere Punkt, die Räuber in die Zeiten Maximilians des Ersten zu versetzen und in altdeutscher Kleidung spielen zu lassen, machte der theatralischen Wirkung gar keinen Eintrag, indem die Handlung zu sehr hinriß, um Vergleichungen zwischen der Sprache und dem Kostüm anstellen zu können, und damals nur äußerst wenige der Kritik, sondern nur des Eindrucks wegen, den das Gesehene bei ihnen zurücklassen sollte, das Schauspiel besuchten.

Mit welcher Unruhe Schiller den Nachrichten aus Mannheim entgegensah, und in welcher Spannung er die Zeit zubrachte, welche zu den Vorbereitungen, den Proben erforderlich war, mag wohl nur der am richtigsten beurteilen, der als Dichter oder Tonkünstler sich zum erstenmal in gleichem Fall befindet. Er selbst sagt hierüber in einem der folgenden Briefe: »Auf meinen Räuber Moor bin ich im höchsten Grad begierig, und von Herrn Böck, der ihn ja vorstellen soll, höre ich nichts als Gutes. Ich freue mich wirklich darauf wie ein Kind.« Ferner: »Ich glaube meine ganze dramatische Welt wird dabei aufwachen, und im ganzen einen größern Schwung geben; denn es ist das erste Mal in meinem Leben, daß ich etwas mehr als Mittelmäßiges hören werde.«

Endlich kam auch der so heftig gewünschte und ersehnte Tag heran, wo er seinen verlornen Sohn, wie er anfangs die Räuber benennen wollte, in der Mitte Januars 1782 auf dem Theater in Mannheim darstellen sah. Aus der ganzen Umgegend, von Heidelberg, Darmstadt, Frankfurt, Mainz, Worms, Speyer etc. waren die Leute zu Roß und zu Wagen herbeigeströmt, um dieses berüchtigte Stück, das eine außerordentliche Publizität erlangt hatte, von Künstlern aufführen zu sehen, die auch unbedeutende Rollen mit täuschender Wahrheit gaben und nun hier um so stärker wirken konnten, je gedrängter die Sprache, je neuer die Ausdrücke, je ungeheuerer und schrecklicher die Gegenstände waren, welche dem Zuschauer vorgeführt werden sollten. Der kleine Raum des Hauses nötigte diejenigen, welchen nicht das Glück zu teil wurde, eine Loge zu erhalten, ihre Sitze schon mittags um ein Uhr zu suchen und geduldig zu warten, bis um fünf Uhr endlich der Vorhang aufrollte. Um die Veränderung der Kulissen leichter zu bewerkstelligen, machte man aus fünf Akten deren sechs, welche von fünf Uhr bis nach zehn Uhr dauerten. Die ersten drei Akte machten die Wirkung nicht, die man im Lesen davon erwartete; aber die letzten drei enthielten alles, um auch die gespanntesten Forderungen zu befriedigen.

Vier der besten Schauspieler, welche Deutschland damals hatte, wendeten alles an, was Kunst und Begeisterung darbieten, um die Dichtung auf das vollkommenste und lebendigste darzustellen. Böck als Karl Moor war vortrefflich, was Deklamation, Wärme des Gefühls und den Ausdruck überhaupt betraf. Nur seine kleine, untersetzte Figur störte anfangs, bis der Zuschauer von dem Feuer des Spiels fortgerissen, auch diese vergaß. Beil als Schweizer ließ nichts zu wünschen übrig; so wie auch Kosinsky durch die passende Persönlichkeit des Herrn Beck sehr gewann. Durch die Art aber wie Iffland die Rolle des Franz Moor nicht nur durchgedacht, sondern dergestalt in sich aufgenommen hatte, daß sie mit seiner Person eins und dasselbe schien, ragte er über alle hinaus und brachte eine nicht zu beschreibende Wirkung hervor, indem keine seiner Rollen, welche er früher und dann auch später gab, ihm die Gelegenheit verschaffen konnte, das Gemüt bis in seine innersten Tiefen so zu erschüttern, wie es bei der Darstellung des Franz Moor möglich war. Zermalmend für den Zuschauer war besonders die Szene, in welcher er seinen Traum von dem Jüngsten Gericht erzählte, mit aller Seelenangst die Worte ausrief: »Richtet einer über den Sternen? Nein! Nein!« und bei dem zitternd und nur halblaut gesprochenen, in sich gepreßten Worte: Ja! Ja! – die Lampe in der Hand, welche sein geisterbleiches Gesicht erleuchtete – zusammensank. Damals war Iffland 26 Jahre alt, von Körper sehr schmächtig, im Gesicht etwas blaß und mager. Dieser Jugend ungeachtet, war sein Spiel auch in den kleinsten Schattierungen so durchgeführt, daß es ein nicht zu vertilgendes Bild in jedem Auge, das ihn sah, zurückließ.

Welche Wirkung die Vorstellung der Räuber auf den Dichter derselben hervorbrachte, davon haben wir noch ein Zeugnis in dem Brief an Baron Dalberg vom 17. Jänner 1782, wo er schreibt: »Beobachtet habe ich sehr vieles, sehr vieles gelernt, und ich glaube, wenn Deutschland einst einen dramatischen Dichter in mir findet, so muß ich die Epoche von der vorigen Woche zählen etc.«

Daß auch ihn selbst das Spiel von Iffland überraschte, bezeugte er in demselben Briefe mit Folgendem: »Dieses einzige gestehe ich, daß die Rolle Franzens, die ich als die schwerste erkenne, als solche über meine Erwartung (welche nicht gering war) vortrefflich gelang.« Schiller hatte sich, ohne Urlaub von seinem Regimentschef zu nehmen, aus Stuttgart entfernt, um sein Schauspiel zu sehen; es wußten daher auch nur einige um seine Abwesenheit und sie blieb für diesmal verborgen. Aber die Heiterkeit, welche vor der Abreise sein ganzes Wesen beseelt hatte, war nach seiner Rückkehr fast ganz verschwunden; denn so heftig er die Stunden des schöpferischen Genusses herbei gewünscht hatte, so mißvergnügt war er nun, daß er seine medizinischen Amtsgeschäfte wieder vornehmen und sich der militärischen Ordnung fügen mußte, da ihm jetzt nicht nur der Ausspruch der Kenner, der stürmische Beifall des Publikums, sondern hauptsächlich sein eignes Urteil die Überzeugung verschafft hatte, daß er zum Dichter, besonders aber zum Schauspieldichter geboren sei, und daß er hierin eine Stufe erreichen könne, die noch keiner seiner Nation vor ihm erstiegen. Jede Beschäftigung, die er nun unternehmen mußte, machte ihn mißmutig, und er achtete die Zeit, die er darauf verwenden mußte, als verschwendet. Es bedurfte wirklich auch einiger Wochen, bis sein aufgeregtes Gemüt sich wieder in die vorigen Verhältnisse finden konnte, und als er etwas ruhiger geworden war, brütete seine Einbildungskraft sogleich wieder über neuen Sujets, die als Schauspiele bearbeitet werden könnten.

Unter mehreren, die aufgenommen und wieder verworfen wurden, blieben Konradin von Schwaben und die Verschwörung des Fiesco zu Genua diejenigen, welche ihm am meisten zusagten. Endlich wählte er letzteres, und zwar nicht allein wegen des Ausspruchs von J. J. Rousseau, daß der Charakter des Fiesco einer der merkwürdigsten sei, welche die Geschichte aufzuweisen habe; sondern auch, weil er bei dem Durchdenken des Planes fand, daß diese Handlung der meisten und wirksamsten Verwicklungen fähig sei. Sobald sein Entschluß hierüber fest stand, machte er sich mit allem, was auf Italien, die damalige Zeit sowie auf den Ort, wo sein Held handeln sollte, Beziehung hatte, mit größter Emsigkeit bekannt, besuchte fleißig die Bibliothek, las und notierte alles, was dahin einschlug, und als er endlich den Plan im Gedächtnis gänzlich entworfen hatte, schrieb er den Inhalt der Akte und Auftritte in derselben Ordnung, wie sie folgen sollten, aber so kurz und trocken nieder, als ob es eine Anleitung für den Kulissendirektor werden sollte. Nach Lust und Laune arbeitete er dann die einzelnen Auftritte und Monologe aus, zu deren Mitteilung und Besprechung ihm aber ein Freund, von dessen Empfänglichkeit und warmer Teilnahme er die Überzeugung hatte, um so mehr unentbehrlich war, da er auch bei seinen kleinern Gedichten es sehr liebte solche vorzulesen, um das dichterische Vergnügen doppelt zu genießen, wenn er seine Gedanken und Empfindungen im Zuhörer sich abspiegeln sah.

Diese angenehmen Beschäftigungen, welche den edlen Jüngling für alles schadlos hielten, was er an Freiheit oder sonstigem Lebensgenuß entbehren mußte, wurden aber auf eine sehr niederschlagende Art durch etwas gestört, was wohl als die erste Veranlassung zu dem unregelmäßigen Austritt Schillers aus des Herzogs Diensten angesehen werden kann. Die Sache war folgende: In den beiden ersten Ausgaben der Räuber, in der dritten Szene des zweiten Aktes, befindet sich eine Rede des Spiegelberg, welche einen Bezug auf Graubünden hat, und die einen Bündner so sehr aufreizte, daß er eine Verteidigung seines Vaterlandes in den Hamburger Korrespondenten einrücken ließ. Wahrscheinlich wäre diese Protestation ohne alle Folgen geblieben, wenn nicht die Zeitung als eine Anklage gegen Schiller dem Herzog vor Augen gelegt worden wäre. Dieser war um so mehr über diese öffentliche Rüge aufgebracht, indem derjenige, gegen den sie gerichtet worden, nicht nur in seinen Diensten stand, sondern auch einer der ausgezeichnetsten Zöglinge seiner mit so vieler Mühe und Aufmerksamkeit gepflegten Akademie war. Er erließ daher an Schiller sogleich die Weisung, sich zu verteidigen, sowie den Befehl, alles weitere in Druckgeben seiner Schriften, wenn es nicht medizinische wären, zu unterlassen und sich aller Verbindung mit dem Ausland zu enthalten.

Schiller beantwortete die Anklage damit, daß er die mißfällige Rede nicht als eine Behauptung aufgestellt, sondern als einen unbedeutenden Ausdruck einem Räuber, und zwar dem schlechtesten von allen, in den Mund gelegt. Auch habe er hier nur eine Volkssage nachgeschrieben, die er von früher Jugend an gehört.