War der strenge Verweis und das Mißfallen seines Fürsten, das er auf eine so zufällige und ganz unschuldige Art sich zugezogen, schon im höchsten Grad unangenehm für Schiller, so mußte der harte Befehl – sich bloß auf seinen Beruf als Arzt und auf die Stadt, worin er lebte, einschränken zu sollen – noch schmerzlicher für ihn sein, indem es ihm unmöglich fiel, den Hang, welchen er für die Dichtung hatte, zu unterdrücken und sich in einer Wissenschaft auszuzeichnen, die er nur aus Furcht vor der Ungnade des Herzogs ergriffen und der er seine Lieblingsneigung, den ersten Vorsatz seiner Kinderjahre aufgeopfert hatte. Durch das Verbot, sich in irgend eine Verbindung mit dem Ausland einzulassen, war ihm jede Möglichkeit zur Verbesserung seiner Umstände abgeschnitten, und selbst die kleinlichsten Sorgen, die härtesten Entsagungen hätten es nicht bewirken können, mit einer so geringen Besoldung auszureichen. Das Versprechen, welches der Herzog bei der Aufnahme Schillers in die Akademie seinen Eltern gegeben hatte, war so wenig erfüllt worden, daß sein Gehalt als Regimentsarzt kaum demjenigen eines Pfarrvikars gleich kam und durch den Aufwand für Equipierung, für standesmäßiges Erscheinen beinahe auf nichts herab gebracht wurde.

Was aber gewöhnliche Menschen niederbeugt, was ihnen Geist und Glieder erschlafft, hebt den Mut der Starken, der Kraftvollen nur um so höher. Noch in den Jünglingsjahren bewährte sich jetzt Schiller als einen Mann, der sich durch keine Widerwärtigkeiten aus seiner Bahn bringen läßt, sondern rastlos das vorgesteckte Ziel verfolgt. Anstatt sich in nutzlosen Klagen auszulassen, arbeitete er nur um desto eifriger an seinem Fiesco, den er als einen neuen Hebel zur Sprengung seines Gefängnisses betrachtete und in dessen Ausarbeitung er all das Wilde, Rohe, was ihm bei den Räubern zum Vorwurf gemacht wurde, zu vermeiden suchte.

Eine widerliche Unterbrechung seiner dramatischen Arbeiten wurde durch die Dissertation veranlaßt, welche er in diesem Frühjahr einreichen mußte, um auf der hohen Karlsschule (welchen Titel nun die ehemalige Militärakademie erhalten hatte) den Grad eines Doktors der Medizin zu erhalten. Dieser Förmlichkeit konnte er sich schon darum nicht entziehen, weil der Herzog seine neue Universität mit eifersüchtiger Liebe pflegte und darauf besonders sah, daß diejenigen, welche er erziehen lassen, vor den Augen der Welt sich als der Anstalt vollkommen würdig zeigen sollten. Auch war Schiller, was seine Studien betraf, einer der hervorstechendsten Zöglinge in der Akademie, weswegen er nicht nur von seinem Fürsten, sondern auch von seinen Lehrern, wie schon oben erwähnt, vorzüglich gelobt und geachtet wurde.

Überdies würde es dem Herzog weit mehr als seinem Zögling unangenehm gewesen sein, wenn der junge Arzt bloß darum, weil er den Doktorhut nicht genommen, von den Kollegen seiner Kunst Schwierigkeiten oder weniger Achtung erfahren hätte.

Daß Schiller selbst gegen diese Ehre im höchsten Grad gleichgültig war, äußerte er oft und stark genug gegen seine Freunde, und wer daran noch zweifeln könnte, findet seine unverhohlene Äußerung hierüber in dem Brief an Baron Dalberg vom 1. April 1782, wo er sagt: »Meine gegenwärtige Lage nötigt mich den Gradum eines Doktors der Medizin in der hiesigen Karlsschule anzunehmen, und zu diesem Ende muß ich eine medizinische Dissertation schreiben, und in das Gebiet meiner Handwerkswissenschaft noch einmal zurückstreifen. Freilich werde ich von dem milden Himmelsstrich des Pindus einen verdrießlichen Sprung in den Norden einer trockenen, terminologischen Kunst machen müssen; allein, was sein muß zieht nicht erst die Laune und Lieblingsneigung zu Rat. Vielleicht umarme ich dann meine Muse um so feuriger, je länger ich von ihr geschieden war; vielleicht finde ich dann im Schoß der schönen Kunst eine süße Indemnität für den fakultistischen Schweiß.«

(Sollte ein Arzt diese Äußerungen verdammen wollen, so möge er sich erinnern, daß es in Schillers Gedicht »Die Teilung der Erde« nur der Dichter ausschließend ist, zu welchem Jupiter sagt:

Willst du in meinem Himmel mit mir leben,
So oft du kommst, er soll dir offen sein.)

Mittlerweile wurden in Mannheim die Räuber sehr oft mit demselben Zulauf, mit dem gleichen Beifall wie das erste Mal gegeben, und es war nichts natürlicher, als daß der Ruf von der ungeheuren Wirkung dieses Stücks sowie von der meisterhaften Darstellung desselben auch nach Stuttgart gelangte und dort in den meisten Gesellschaften, besonders aber in den Umgebungen des Dichters vielen Stoff zum Sprechen gab. Man darf sich daher auch nicht wundern, daß Schiller den öftern Wünschen und dringenden Bitten einiger Freundinnen und Freunde nachgab, eine kurze Reise des Herzogs zu benützen und während dessen Abwesenheit, ohne Urlaub zu nehmen, mit ihnen nach Mannheim zu gehen und daselbst im Wiedersehen seines Schauspiels seinen eignen Genuß durch das Mitgefühl seiner Reisegefährten zu erhöhen. Schiller willigte nur zu gern ein und schrieb nach Mannheim, um die Aufführung der Räuber auf einen bestimmten Tag zu erbitten, was ihm auch von der Intendanz sehr leicht gewährt wurde. Aber bei der Anschauung dessen, was er mit seinen ersten, jugendlichen Kräften schon geleistet, war auch der Gedanke unabweislich, wie vieles, wie großes er noch würde leisten können, wenn diese Kräfte nicht eingeengt oder gefesselt wären, sondern freien, ungemessenen Spielraum erhalten könnten. Eine Idee, die durch seine enthusiastischen Begleiter um so mehr angefeuert und unterhalten wurde, je tiefer die Eindrücke waren, welche die erschütternden Szenen bei ihnen zurückgelassen hatten.

Bei seiner ersten heimlichen Reise hatte er nur die einzige Sorge, daß sie verschwiegen bleiben möchte. Auf die zweite nahm er schon außer dieser Sorge das beschränkende Verbot mit, seine dichterischen Arbeiten bekannt zu machen, nebst dem strengen Befehl, sich das Ausland als für ihn gar nicht vorhanden denken zu müssen. Er kam daher auch äußerst mißmutig und niedergeschlagen wieder nach Stuttgart zurück, ebenso verstimmt durch die Betrachtungen über sein Verhältnis als leidend durch die Krankheit, welche er mitbrachte. (Diese Krankheit, welche durch ganz Europa wanderte, bestand in einem außerordentlich heftigen Schnupfen und Katarrh, den man russische Grippe oder Influenza nannte und der so schnell ansteckend war, daß der Verfasser dieses, als er Schillern einige Stunden nach dessen Ankunft umarmt hatte, nach wenigen Minuten schon von Fieberschauern befallen wurde, die so stark waren, daß er sogleich nach Hause eilen mußte.)

Schiller äußerte sich gegen einen seiner jüngern Freunde, dem er völlig vertrauen durfte, ganz unverhohlen, mit welchem Widerwillen er sich Stuttgart genähert habe – wie ihm hier nun alles doppelt lästig und peinlich sein müsse, indem er in Mannheim eine so glänzende Aufnahme erfahren, wo hingegen er hier kaum beachtet werde und nur unter Druck und Verboten leben könne – daß ihm nicht nur von seinen Bewunderern, sondern von Baron Dalberg selbst die Hoffnung gemacht worden, ihn ganz nach Mannheim ziehen zu wollen, und er nicht zweifle, es werde alles mögliche angewendet werden, um ihn von seinen Fesseln zu befreien. Sollte dieses nicht gelingen, so werde er notgedrungen, wolle er anders hier nicht zugrunde gehen, einen verzweifelten Schritt tun müssen. Er nahm sich vor, sowie er nur den Kopf wieder beisammen habe, sogleich nach Mannheim zu schreiben, damit unverweilt alles geschehe, was seine Erlösung bewirken könne. Es ist ein Glück für den Verfasser, daß Baron Dalberg alle Briefe von Schiller an ihn so sorgfältig aufgehoben, und daß sie durch den Druck bekannt geworden sind, indem sonst manches, was jetzt und in der Folge vorkommt, als Anschuldigung oder bloße Meinung erklärt, und unser Dichter weit weniger gerechtfertigt werden könne, als es nun durch diese Beweise möglich ist. Der folgende Brief ist der erste Beleg hierzu.