»Sie schienen weniger Schwierigkeit in der Art mich zu employieren, als in dem Mittel, mich von hier weg zu bekommen, zu finden. Jenes steht ohnehin ganz bei Ihnen, allein zu diesem könnten Ihnen vielleicht folgende Ideen dienen.

1) Da im ganzen genommen das Fach der Mediziner bei uns so sehr übersetzt ist, daß man froh ist, wenn durch Erledigung einer Stelle Platz für einen andern gemacht wird; so kommt es mehr darauf an, wie man dem Herzog, der sich nicht trotzen lassen will, mit guter Art den Schein gibt, als geschehe es ganz durch seine willkürliche Gewalt, als wäre es sein eignes Werk und gereiche ihm zur Ehre. Daher würden E. E. ihn von der Seite ungemein kitzeln, wenn Sie in den Brief, den Sie ihm wegen mir schreiben, einfließen ließen, daß – Sie mich für eine Geburt von ihm, für einen durch ihn Gebildeten und in seiner Akademie Erzogenen halten, und daß also durch diese Vokation seiner Erziehungsanstalt quasi das Hauptkompliment gemacht würde, als würden ihre Produkte von entschiedenen Kennern geschätzt und gesucht. Dieses ist der Passepartout beim Herzog.

2) Wünsche ich (und auch meinetwegen) sehr, daß Sie meinen Aufenthalt beim Nationaltheater zu Mannheim auf einen gewissen beliebigen Termin festsetzen (der dann nach Ihrem Befehl verlängert werden kann), nach dessen Verfluß ich wieder meinem Herzog gehörte. So sieht es mehr einer Reise, als einer völligen Entschwäbung (wenn ich das Wort brauchen darf) gleich, und fällt auch so hart nicht auf. Wenn ich nur einmal hinweg bin, man wird froh sein, wenn ich selbst nicht mehr anmahne.

3) Würde es höchst notwendig sein, zu berühren, daß mir Mittel gemacht werden sollten, zu Mannheim zu praktizieren und meine medizinischen Übungen da fortzusetzen. Dieser Artikel ist vorzüglich nötig, damit man mich nicht, unter dem Vorwand für mein Wohl zu sorgen, kujoniere und weniger fortlasse.«

Alles, was auch ein Augen- oder Ohrenzeuge erzählen könnte, wäre nicht imstande, die traurigen Empfindungen des armen Jünglings über seine beklemmende Lage stärker und wahrer zu schildern, als er es selbst in diesem Briefe getan.

Daß er die Bitte nicht aufs Geratewohl, sondern durch Aufmunterung von Leuten getan, die ihre Gewährung für sehr leicht und unfehlbar hielten, erhellt aus der Stelle: »ich weiß, wie stark Ihr Mut ist, eine schöne Tat zu unternehmen, und wie warm Ihr Eifer ist, sie zu vollenden. Meine neuen Freunde in Mannheim haben es mir mit Enthusiasmus vorhergesagt etc. etc.« und die folgende: »E. Exz. haben mir alle Hoffnung dazu gemacht, und ich werde den Händedruck, der Ihren Verspruch besiegelte, ewig fühlen etc.« beweist auf das deutlichste, daß Baron Dalberg selbst ihm das Wort gab, sich für ihn bei seinem Fürsten zu verwenden.

Die drei Vorschläge, welche in der Beilage enthalten sind, waren ganz auf die genaue Kenntnis vom Charakter des Herzogs berechnet, indem er einen sehr verzeihlichen Stolz darein setzte, daß durch seine Fürsorge und Leitung schon so viele talentvolle Jünglinge aus seiner Akademie hervorgegangen, und er auch ein sehr großer Liebhaber des Theaters, so wie einer der feinsten Kenner seiner Zeit war, der es schon darum nicht ungern sehen konnte, wenn sich unter seinen Zöglingen gute Dichter fanden, weil alle Jahre am Geburtsfeste der Gräfin von Hohenheim (später Gemahlin des Herzogs) Gelegenheitsstücke mit großer Feierlichkeit und dem größten Aufwande gegeben wurden, bei welchen sowohl das Gedicht als auch die Musik von Eleven verfaßt waren.

Der dritte Punkt beweist weit mehr für die wahrhaft väterliche Sorge, welche der Herzog für das Wohl derer hatte, die er erziehen ließ, als alles, was man dafür anführen könnte, und es läßt sich nicht im geringsten zweifeln, daß wenn Baron Dalberg unter den ihm angezeigten Bedingungen versucht hätte, den jungen Dichter von Stuttgart nach Mannheim zu ziehen, sein Fürst ohne Anstand – gewiß aber mit der Anempfehlung, für Schiller alle Sorge zu tragen – das Gesuch bewilligt haben würde.

Schiller nährte anfangs die besten Hoffnungen, daß er nun bald aus seiner verdrießlichen Lage befreit sein würde. Als aber nach Verlauf mehrerer Wochen nichts geschah, war es ihm um so schmerzlicher, seine dringende, flehende Bitte umsonst getan zu haben und sich ohne alle äußere Hilfe zu sehen. Allein, er ließ dessenungeachtet den Mut nicht sinken, sondern arbeitete nur um so eifriger an seinem Fiesco, was allein imstande war, ihn wenigstens zeitweise seinen Zustand vergessen zu machen. Aber die Freundinnen des Dichters hatten nicht vergessen, daß sie in seiner Gesellschaft zu Mannheim die Räuber hatten aufführen sehen, und konnten dem Drange nicht widerstehen, die Wirkung dieses Trauerspiels sowie das Verdienst der dortigen Schauspieler auch andern nach Würden zu schildern. Unter dem Siegel des Geheimnisses erfuhr es die halbe Stadt, erfuhr es auch der General Augé und endlich – der Herzog selbst. Dieser wurde im höchsten Grad über die Vermessenheit seines ehemaligen Lieblings aufgebracht, daß er sich, ohne Urlaub zu nehmen, mehrere Tage entfernt und seinen Lazarettdienst vernachlässigt habe. Er ließ ihn vor sich kommen, gab ihm die strengsten Verweise darüber, daß er sich dem ausdrücklichen Verbote zuwider aufs neue mit dem Auslande eingelassen und befahl ihm, augenblicklich auf die Hauptwache zu gehen, seinen Degen abzugeben und dort vierzehn Tage im Arrest zu bleiben.