Es war im Jahr 1780 in einer der öffentlichen Prüfungen, die – wie eingangs erwähnt worden – alljährlich in der Akademie in Gegenwart des Herzogs daselbst gehalten wurden und welche S. als ein angehender Tonkünstler um so eifriger besuchte, da meistens über den andern Tag eine vollstimmige, von den Zöglingen aufgeführte Musik die Prüfung beschloß, als er Schillern das erste Mal sah. Dieser war bei einer medizinischen, in lateinischer Sprache gehaltenen Disputation gegen einen Professor Opponent, und obwohl S. dessen Namen so wenig als seine übrigen Eigenschaften kannte, so machten doch die rötlichen Haare – die gegeneinander sich neigenden Knie, das schnelle Blinzeln der Augen, wenn er lebhaft opponierte, das öftere Lächeln während dem Sprechen, besonders aber die schön geformte Nase und der tiefe, kühne Adlerblick, der unter einer sehr vollen, breitgewölbten Stirne hervorleuchtete, einen unauslöschlichen Eindruck auf ihn. S. hatte den Jüngling unverwandt ins Auge gefaßt. Das ganze Sein und Wesen desselben zogen ihn dergestalt an und prägten den ganzen Auftritt ihm so tief ein, daß, wenn er Zeichner wäre, er noch heute – nach achtundvierzig Jahren – diese ganze Szene auf das lebendigste darstellen könnte.
Als S. nach der Prüfung den Zöglingen in den Speisesaal folgte, um Zuschauer ihrer Abendtafel zu sein, war es wieder derselbe Jüngling, mit welchem der Herzog auf das gnädigste sich unterhielt, den Arm auf dessen Stuhl lehnte und in dieser Stellung sehr lange mit ihm sprach. Schiller behielt gegen seinen Fürsten dasselbe Lächeln, dasselbe Augenblinzeln wie gegen den Professor, dem er vor einer Stunde opponierte.
Als im Frühjahr 1781 die Räuber im Druck erschienen waren und besonders auf die junge Welt einen ungewöhnlichen Eindruck machten, ersuchte S. einen musikalischen, in der Akademie erzogenen Freund, ihn mit dem Verfasser bekannt zu machen. Sein Wunsch wurde gewährt, und S. hatte die Überraschung, in dem Dichter dieses Schauspiels denselben Jüngling zu erkennen, dessen erstes Erscheinen einen so tiefen Eindruck bei ihm zurückgelassen hatte.
Wie jeder Leser eines Buches sich von dem Autor desselben ein Bild seiner Person, Haltung, Stimme, seiner Sprache vormalt, so konnte es wohl nicht anders sein, als daß man sich in dem Verfasser der Räuber einen heftigen jungen Mann dachte, dessen Äußeres zwar schon den tiefempfindenden Dichter ankündige, bei welchem aber die Fülle der Gedanken, das Feuer seiner Ausdrücke sowie seine Ansichten der Weltverhältnisse alle Augenblicke in Ungebundenheit ausschweifen müsse.
Aber wie angenehm wurde diese vorgefaßte Meinung zerstreut!
Das seelenvollste, anspruchloseste Gesicht lächelte dem Kommenden freundlich entgegen. Die schmeichelhafte Anrede wurde nur ablehnend, mit der einnehmendsten Bescheidenheit erwidert. Im Gespräche nicht ein Wort, welches das zarteste Gefühl hätte beleidigen können.
Die Ansichten über alles, besonders aber Musik und Dichtkunst betreffend, ganz neu, ungewöhnlich, überzeugend und doch im höchsten Grade natürlich.
Die Äußerungen über die Werke anderer sehr treffend, aber dennoch voll Schonung und nie ohne Beweise.
Den Jahren nach Jüngling, dem Geiste nach reifer Mann, mußte man seinem Maßstabe beistimmen, den er an alles legte und vor dem vieles, was bisher so groß schien, ins Kleine zusammenschrumpfte und manches, was als gewöhnlich beurteilt war, nun bedeutend wurde.
Das anfängliche blasse Aussehen, das im Verfolg des Gespräches in hohe Röte überging – die kranken Augen – die kunstlos zurückgelegten Haare, der blendend weiße, entblößte Hals gaben dem Dichter eine Bedeutung, die ebenso vorteilhaft gegen die Zierlichkeit der Gesellschaft abstach, als seine Aussprüche über ihre Reden erhaben waren.