Noch einige Zeit gab sich Schiller den besten Hoffnungen hin, indem er glaubte, daß Baron Dalberg um so gewisser das gegebene Versprechen erfüllen würde, je deutlicher ihm zu verstehen gegeben worden, daß das Äußerste werde geschehen müssen, wenn keine Vermittlung eintrete. Als aber nach Verfluß von vierzehn Tagen nichts für ihn geschah und er nun überzeugt war, daß von daher, wo die Hilfe am leichtesten, der gute Erfolg am gewissesten schien, kein Beistand zu erwarten sei, verwandelte sich sein sonst so heiterer Sinn in finstere, trübe Laune; was ihn sonst auf das lebhafteste aufregte, ließ ihn kalt und gleichgültig; selbst seine Jugendfreunde, die sonst immer auf den herzlichsten Willkomm rechnen durften, wurden ihm mit Ausnahme sehr weniger beinahe zuwider.

Sein Fiesco konnte bei dieser Stimmung nur sehr langsam weiter rücken. Auch war es leicht vorauszusehen, daß, wenn dieser Zustand noch lange oder gar für immer hätte dauern sollen, er nicht nur für jede Geistesbeschäftigung verloren sein, sondern auch seine Gesundheit, die ohnedies nicht sehr fest war, ganz zugrunde gehen würde. Er selbst hielt sich für den unglücklichsten aller Menschen und glaubte seiner Selbsterhaltung schuldig zu sein, etwas zu wagen, was seinen Zustand in Stuttgart auf eine vorteilhafte Art verändern oder aber sein Schicksal ganz durchreißen und ihm eine andere, bessere Gestalt geben müsse. Da er es nicht wagen durfte, seinem Landesherrn Vorstellungen gegen den erlassenen Befehl zu machen, ohne neue Verweise oder gar Strafen befürchten zu müssen, so hielt er für das beste, noch einmal heimlich nach Mannheim zu reisen, von dort aus an den Herzog zu schreiben, ihm darzulegen, daß durch das ergangene Verbot seine ganze Existenz zernichtet sei und ihn um die Bewilligung einiger Punkte untertänigst zu bitten, die er für sein besseres Fortkommen unerläßlich glaubte. Wurden ihm diese Bitten nicht gewährt, so konnte er auch nicht mehr nach Stuttgart zurückkehren, und er hegte die Hoffnung, daß er dann um so leichter in Mannheim als Theaterdichter angestellt werden könnte, je zuversichtlicher ihm dort von vielen versichert worden, daß ein solcher Dichter wie er, ihre Bühne auf die höchste Stufe des Ruhmes heben würde.

Um diesen Plan nicht lächerlich oder ganz widersinnig zu finden, ist es nötig, auf das ganz besondere Verhältnis aufmerksam zu machen, in welchem Schiller zu seinem Fürsten stand.

Der Vater von Schiller, dem als Gouverneur der Solitüde alles, was die vielfachen Bauten, Gartenanlagen und Baumzucht betraf, untergeben war, führte dies so sehr zur Zufriedenheit des Herzogs aus, und wußte dessen Willen, noch ehe er ausgesprochen war, so Genüge zu leisten, daß er seine ganze Zufriedenheit sowie wegen der Rechtlichkeit und Strenge, mit welchen er seinen Dienst ausübte, auch seine Hochachtung erwarb. Es war zum Teil eine Folge dieser Achtung, daß der Sohn in der Akademie mit besonderer Sorgfalt und Güte behandelt wurde; zum Teil waren es aber auch die überraschenden Antworten und Bemerkungen, welche der junge Zögling im Gespräch mit seinem erhabenen Erzieher aussprach, die ihm eine besondere Auszeichnung und Zuneigung erwarben. Es war diesem geistvollen Fürsten, der Scharfsinn und das Talent, was er im hohen Grad selbst besaß, auch an andern vorzüglich schätzte, weit weniger darum zu tun, an seiner Akademie eine militärische Prunkanstalt zu haben, als bei den jungen Leuten alles das heraus zu bilden, was ihre Anlagen zu entwickeln vermochte. Er ließ sich daher mit ihnen in Einzelheiten ein, die einem gewöhnlichen Erzieher zu kleinlich oder überflüssig scheinen würden, und erwarb sich dadurch, weit mehr als durch sein Ehrfurcht gebietendes Ansehen, ein solches Zutrauen, daß die Zöglinge weit lieber mit ihm sprachen oder ihm – dem Herzog – ihre Fehler bekannten als den vorgesetzten Offizieren.

Als die Anstalt noch auf der Solitüde sich befand, verging nie ein Tag, an welchem er nicht die Lehrstunden besuchte, um sich von dem Fleiße der Lehrer und den Fortschritten der Schüler zu überzeugen. Und als die Akademie nach Stuttgart verlegt wurde, waren es nur die alljährlichen Reisen, die ihn auf Wochen oder Tage von derselben entfernt halten konnten. Auch das freundliche Benehmen der Gräfin von Hohenheim, welche sich an der Unbefangenheit der jüngsten Zöglinge ergötzte und sie mit kleinen Geschenken beteilte, trug nicht wenig dazu bei, das streng scheinende Verhältnis zu mildern. Wie oft wurden Strafen bloß darum in ihrer Gegenwart ausgesprochen, um durch bittende Blicke oder Worte dieser wohlwollenden, nichts als Güte und Teilnahme atmenden Frau, entweder ganz erlassen, oder doch gemindert werden zu können.

Unter den Augen des Fürsten von Kindern zu Knaben, von Knaben zu Jünglingen herangewachsen, von seinen durchdringenden Augen oft getadelt oder mit Beifall belohnt, konnten sich die jungen Leute, nachdem sie der akademischen Aufsicht entlassen waren, ihr Dienstverhältnis unmöglich so scharf denken als andere, die mit der Person des Herzogs gar nicht oder nur als ihrem Souverän bekannt waren.

Diese Verhältnisse allein können es begreiflich machen, wie Schiller auf die so oft bezeigte Gnade und Zufriedenheit seines Fürsten so fest sich verlassen konnte, daß er zu dem Glauben verleitet ward, der Herzog werde ihm seine Bitten bewilligen, wenn er ihn an seine frühere Huld erinnere und unwiderleglich dartue, daß er durch die gegen ihn erlassenen Verbote zur Verzweiflung gebracht sei.

Nachdem diese Meinung ihn so beherrschte, daß sie sich in einen unwiderruflichen Entschluß umwandelte, entstand nur noch die Frage, auf welche Art und in welcher Zeit die heimliche Reise am besten auszuführen sein würde; denn die harten Verweise des Herzogs, der darauf folgende strenge Arrest hatten ihn so eingeschüchtert, daß er sich in allen seinen Handlungen beobachtet halten konnte und die schärfste Ahndung befürchten mußte, wenn er irgend einen Verdacht gegen sich erregte. So wenig er seinen Vorsatz allein ausführen konnte, so wenig konnte er sich seinen Schulfreunden anvertrauen, weil es eben so unnütz als gefährlich gewesen wäre, sie um Beistand anzusprechen, indem keiner von ihnen – was die Hauptsache, die Anstalten zur heimlichen Reise, betraf – die geringste Hilfe leisten oder auf sonst eine Art seine Pläne befördern konnte.

In diesem Zustande konnte er sein Herz mit voller Sicherheit nur einem einzigen Freund eröffnen, der zwar nicht mit ihm in der Akademie erzogen worden und auch zwei Jahre weniger als er zählte; durch dessen Bekanntschaft er aber seit achtzehn Monaten die Überzeugung erlangt hatte, daß er hier auf eine Hingebung und Aufopferung bauen könne, die an Schwärmerei grenzten und die nur von den wenigen Edlen erzeugt wird, deren Gemüt und Geist eben so viele Liebe und Freundschaft als Verehrung und Hochachtung verdienen.

Der Leser möge erlauben, daß von diesem jungen Freunde, den wir mit S. bezeichnen wollen, sowie von der Art, wie er zu dem genauen Umgang mit dem herrlichen Jüngling gelangte, so viel erwähnt werde, als des Folgenden wegen unumgänglich nötig ist.