Madame Meier als aufrichtige, wahrheitsliebende Landsmännin hätte zwar die Äußerungen der Schmeichelei, der Güte, des Wohlwollens, womit Schiller bei seiner letzten Anwesenheit in Mannheim überschüttet worden, sehr leicht in den Dunst und Nebel, aus dem sie bestanden, auflösen können, aber sie hätte dann die schönsten Träume, die sehnlichsten Wünsche des jungen Mannes zerstört und ihn wieder an die Klippe zurückgeworfen, die ihn zu zerschellen drohte. Das Beharren in dem jetzigen Zustande ließ allerdings den Regimentsdoktor, wie er vorher war, zernichtete aber den Dichter. Das Wagnis des Losreißens eröffnete Aussichten, die, auch nur zum Teil erfüllt, gegen den frühern Zwang gehalten, die Wonne eines Paradieses erwarten ließen.
Aber die Zeit verfloß. Nur wenige Tage waren noch übrig, welche so geräuschvoll und unruhig sein konnten, daß man unbemerkt eine Reise hätte antreten können. Schiller ging mit seinem Freund und Mad. Meier auf die Solitüde, um seine Eltern und Schwestern noch einmal zu sehen, besonders aber von seiner Mutter, die jetzt von allem auf das genaueste unterrichtet war, Abschied zu nehmen und sie zu beruhigen. Der in der lachendsten Gegend fortlaufende Weg dahin wurde zu Fuß gemacht, welches die Gelegenheit bieten sollte, um von Mad. Meier unvermerkt alles erfahren zu können, was die innere Beschaffenheit des Theaters oder die Hoffnungen des Dichters betraf. Da aber alles dahin Einschlagende nur oberflächlich berührt wurde, auch ernsthaftere Fragen aus Furcht, erraten zu werden, nicht wohl gestellt werden konnten, so blieb die Zukunft in derselben Dämmerung wie bisher, und es war nichts übrig, als sich auf das Glück zu verlassen.
Bei dem Eintritt in die Wohnung von Schillers Eltern befand sich nur die Mutter und die älteste Schwester gegenwärtig. So freundlich auch die Hausfrau die Fremden empfing, so war es ihr doch nicht möglich, sich so zu bemeistern, daß S. die Unruhe nicht aufgefallen wäre, mit der sie ihn anblickte und oft zu reden versuchte, ohne ein Wort hervorbringen zu können. Glücklicherweise trat bald der Vater Schillers ein, der durch Aufzählung der Festlichkeiten, welche auf der Solitüde gehalten werden sollten, die Aufmerksamkeit so ganz an sich zog, daß sich der Sohn unvermerkt mit der Mutter entfernen und seine Freunde der Unterhaltung mit dem Vater überlassen konnte.
Es war mir auffallend, bei diesem kleinen, untersetzten Mann außer einer sehr schönen, großen Stirne wenig Ähnlichkeit mit seinen Sohne wahrnehmen zu können und auch in der klaren, bestimmten, durchaus scharfverständigen Sprache den Schwung und die milde Wärme zu vermissen, womit sein Sohn als Dichter und Philosoph jeden Gegenstand des Gespräches zu beleben und zu erheben wußte.
Nach einer Stunde kehrte Schiller zur Gesellschaft zurück, aber – ohne seine Mutter. Wie hätte diese sich zeigen können! Konnte und durfte sie auch den vorhabenden Schritt als eine Notwehr ansehen, durch die er sein Dichtertalent, sein künftiges Glück sichern und vielleicht einer unverschuldeten Einkerkerung vorbeugen wollte, so mußte es ihr doch das Herz zermalmen, ihren einzigen Sohn auf immer verlieren zu müssen, und zwar aus Ursachen, die so unbedeutend waren, daß sie nach den damaligen Ansichten in jedem andern Staat ohne besondere Folgen geblieben wären. Und dieser Sohn, in welchem sie beinahe ihr ganzes Selbst erblickte, der schon an der mütterlichen Brust die sanfte Gemütsart, die milde Denkweise eingesogen zu haben schien – er hatte ihr von jeher nichts als Freude gewährt; sie sah ihn mit all den Eigenschaften begabt, die sie so oft, so inbrünstig von der Gottheit für ihn erfleht hatte! Und nun! – – – – – – – – – Wie schmerzhaft das Lebewohl von beiden ausgesprochen worden sein mußte, ersah man an den Gesichtszügen des Sohnes, sowie an seinen feuchten, geröteten Augen. Er suchte diese einem gewöhnlichen, ihn oft befallenden Übel zuzuschreiben und konnte erst auf dem Wege nach Stuttgart durch die zerstreuenden Gespräche der Gesellschaft wieder zu einiger Munterkeit gelangen.
Auf der Solitüde erfuhr man, daß daselbst am 17. September die große Hirschjagd, Schauspiel und eine allgemeine, prächtige Beleuchtung stattfinden solle. Zu Hause angelangt, wurde zwischen Schiller und S. alles, was ihre Reise betraf, noch um so eifriger besprochen, als keine Zeit mehr zu verlieren war, da die Festlichkeiten bald zu Ende sein würden. Als man auch erfahren, welchen Tag Schillers Regiment die Wachen nicht zu besetzen habe, er folglich unter den Stadttoren Soldaten treffen werde, denen er nicht so genau wie seinen alten Grenadieren bekannt sei, so wurde die Abreise auf den 17. September abends um neun Uhr festgesetzt.[1]
Die bürgerliche Kleidung, welche sich Schiller hatte machen lassen, seine Wäsche, die Werke von Haller, Shakespeare etc. etc., noch einige andere Dichter wurden nach und nach von S. weggebracht, so daß für die spätern Stunden nur wenig mehr zu tun übrigblieb. Am letzten Vormittag sollte nach der Abrede um zehn Uhr alles bereit sein, was von Schiller noch wegzubringen war, und S. fand sich mit der Minute ein. Allein er fand nicht das mindeste hergerichtet. Denn nachdem Schiller um acht Uhr in der Frühe von seinem letzten Besuch in dem Lazarett zu Hause gekehrt war, fielen ihm bei dem Zusammensuchen seiner Bücher die Oden von Klopstock in die Hände, unter denen eine ihn schon oft besonders angezogen und aufs neue so aufregte, daß er sogleich – jetzt in einem so entscheidenden Augenblick! – ein Gegenstück dichtete. Ungeachtet alles Drängens, alles Antreibens zur Eile mußte S. dennoch zuerst die Ode und dann das Gegenstück anhören, welchem letzterem – gewiß weniger aus Vorliebe für seinen begeisterten Freund – der Schönheit der Sprache und Bestimmtheit der Bilder wegen, S. einen entschiedenen Vorzug gab. Eine geraume Zeit verging, ehe der Dichter von seinem Gegenstand abgelenkt, wieder auf unsere Welt, auf den heutigen Tag zu der fliehenden Minute zurückgebracht werden konnte. Ja es erforderte öfteres Fragen, ob nichts vergessen sei, sowie mehrmaliges Erinnern, daß nichts zurückgelassen werde. Erst am Nachmittag aber konnte alles in Ordnung gebracht werden, und abends neun Uhr kam Schiller in die Wohnung von S. mit einem Paar alten Pistolen unter seinem Kleide.
Diejenige, welche noch einen ganzen Hahn, aber keinen Feuerstein hatte, wurde in den Koffer gelegt; die andere, mit zerbrochenem Schloß, in den Wagen getan. Daß aber beide nur mit frommen Wünschen für Sicherheit und glückliches Fortkommen geladen waren, versteht sich von selbst. Der Vorrat an Geld war bei den Reisenden nichts weniger als bedeutend; denn nach Anschaffung der nötigen Kleidungsstücke und anderer Sachen, die für unentbehrlich gehalten wurden, blieben Schillern noch dreiundzwanzig und S. noch achtundzwanzig Gulden übrig, welche aber von der Hoffnung und dem jugendlichen Mut auf das Zehnfache gesteigert wurden.
Hätte Schiller nur noch einige Wochen warten und nicht durchaus sich schon jetzt entfernen wollen, so würde S. die nötige Summe bis Hamburg in Händen gehabt haben. Aber die Ungeduld des unterdrückten Jünglings, eine Entscheidung herbeizuführen, ließ sich schon darum nicht bezähmen, weil er fürchtete, eine so gute Gelegenheit zum unbemerkten Entkommen ungenützt vorbeigehen zu lassen und dann weit mehr Schwierigkeit bei dem Herzog für die Gewährung seiner Bitten zu finden. Bis Mannheim wie auch für einige Tage Aufenthalt daselbst konnte das kleine Vermögen ausreichen, und was zum Weiterkommen fehlte, sollte S. nachgeschickt werden.
Nachdem der Wagen mit zwei Koffern und einem kleinen Klavier bepackt war, kam der schwere Kampf, den Schiller vor einigen Tagen bestanden, nun auch an S. – von seiner guten, frommen Mutter Abschied zu nehmen. Auch er war der einzige Sohn, und die mütterlichen Sorgen ließen sich nur dadurch beschwichtigen, daß Schiller nicht nur die unveränderlichste Treue gegen seinen Freund gelobte, sondern auch die zuverlässige Hoffnung aussprach, in vierzehn Tagen wieder zurück eintreffen und von der glücklich vollbrachten Reise Bericht geben zu wollen. Von Segenswünschen und Tränen begleitet, konnten die Freunde endlich um zehn Uhr nachts in den Wagen steigen und abfahren.