Der Weg wurde zum Eßlinger Tor hinaus genommen, weil dieses das dunkelste war und einer der bewährtesten Freunde Schillers – möchte ihm das Vergnügen gegönnt sein, diese Zeilen noch zu lesen – als Leutnant die Wache hatte, damit, wenn sich ja eine Schwierigkeit ergäbe, diese durch Vermittlung des Offiziers sogleich gehoben werden könne.

Es war ein Glück, daß damals von keinem zu Wagen Reisenden ein Paß abgefordert wurde. Nur S. hatte sich einen nach Hamburg geben lassen, welches aber nur der überflüssig scheinenden Vorsicht wegen geschah.

So gefaßt die jungen Leute auch auf alles waren, und so wenig sie eigentlich zu fürchten hatten, so machte dennoch der Anruf der Schildwache – Halt! – Wer da! – Unteroffizier heraus! – einen unheimlichen Eindruck auf sie. Nach den Fragen: Wer sind die Herren? Wo wollen Sie hin? wurde von S. des Dichters Name in Doktor Ritter, und der seinige in Doktor Wolf verwandelt, beide nach Eßlingen reisend, angegeben und so aufgeschrieben. Das Tor wurde nun geöffnet, die Reisenden fuhren vorwärts, mit forschenden Blicken in die Wachtstube des Offiziers, in der sie zwar kein Licht, aber beide Fenster weit offen sahen. Als sie außer dem Tore waren, glaubten sie einer großen Gefahr entronnen zu sein, und gleichsam als ob diese wiederkehren könnte, wurden, so lange als sie die Stadt umfahren mußten, um die Straße nach Ludwigsburg zu gewinnen, nur wenige Worte unter ihnen gewechselt. Wie aber einmal die erste Anhöhe hinter ihnen lag, kehrten Ruhe und Unbefangenheit zurück, das Gespräch wurde lebhafter und bezog sich nicht allein auf die jüngste Vergangenheit, sondern auch auf die bevorstehenden Erlebnisse. Gegen Mitternacht sah man links von Ludwigsburg eine außerordentliche Röte am Himmel, und als der Wagen in die Linie der Solitüde kam, zeigte das daselbst auf einer bedeutenden Erhöhung liegende Schloß mit allen seinen weitläufigen Nebengebäuden sich in einem Feuerglanze, der sich in der Entfernung von anderthalb Stunden auf das Überraschendste ausnahm. Die reine, heitere Luft ließ alles so deutlich wahrnehmen, daß Schiller seinem Gefährten den Punkt zeigen konnte, wo seine Eltern wohnten, aber alsbald, wie von einem sympathetischen Strahl berührt, mit einem unterdrückten Seufzer ausrief: »Meine Mutter!«

Es war ganz natürlich, daß die Erinnerung an die Verhältnisse, welche vor einigen Stunden auf das Ungewisse hin abgerissen wurden, nicht anders als wehmütig sein konnte. Andererseits war es aber wieder beruhigend, als gewiß voraussetzen zu können, daß in diesem Wirbel von Festen außer den Müttern und Schwestern niemand an die Reisenden denke, folglich Mannheim ohne Hindernis erreicht werden könne.

Morgens zwischen ein und zwei Uhr war die Station Entzweihingen erreicht, wo gerastet werden mußte. Als der Auftrag für etwas Kaffee erteilt war, zog Schiller sogleich ein Heft ungedruckter Gedichte von Schubart hervor, von denen er die bedeutendsten seinem Gefährten vorlas. Das merkwürdigste darunter war die Fürstengruft, welches Schubart in den ersten Monaten seiner engen Gefangenschaft mit der Ecke einer Beinkleiderschnalle in die nassen Wände seines Kerkers eingegraben hatte. Damals, 1782, war Schubart noch auf der Festung, wo er aber jetzt sehr leidlich gehalten wurde. In manchem dieser Gedichte fanden sich Anspielungen, die nicht schwer zu deuten waren, und die keine nahe Befreiung ihres Verfassers erwarten ließen.

Schiller hatte für die dichterischen Talente des Gefangenen sehr viele Hochachtung. Auch hatte er ihn einigemal auf dem Asperg besucht.

Nach drei Uhr wurde von Entzweihingen aufgebrochen, und nach acht Uhr morgens war die kurpfälzische, durch eine kleine Pyramide angedeutete Grenze erreicht, die mit einer Freude betreten wurde, als ob rückwärts alles Lästige geblieben wäre und das ersehnte Eldorado bald erreicht sein würde. Das Gefühl, eines harten Zwanges entledigt zu sein, verbunden mit dem heiligen Vorsatz, demselben sich nie mehr zu unterwerfen, belebten das bisher etwas düstere Gemüt Schillers zur gefälligsten Heiterkeit, wozu die angenehme Gegend, das muntere Wesen und Treiben der rüstigen Einwohner wohl auch das ihrige beitrugen. »Sehen Sie,« rief er seinem Begleiter zu, »sehen Sie, wie freundlich die Pfähle und Schranken mit Blau und Weiß angestrichen sind! Ebenso freundlich ist auch der Geist der Regierung!«

Ein lebhaftes Gespräch, das durch diese Bemerkung herbeigeführt wurde, verkürzte die Zeit dergestalt, daß es kaum möglich schien, um zehn Uhr schon in Bretten angekommen zu sein. Dort wurde bei dem Postmeister Pallavicini abgestiegen, etwas gegessen, der von Stuttgart mitgenommene Wagen und Kutscher zurückgeschickt, nachmittags die Post genommen und über Waghäusel nach Schwetzingen gefahren, allwo die Ankunft nach neun Uhr abends erfolgte. Da in Mannheim als einer Hauptfestung die Tore mit Eintritt der Dunkelheit geschlossen wurden, so mußte in Schwetzingen übernachtet werden, welches auf zwei unruhige Tage und eine schlaflose Nacht um so erwünschter war.

Am 19. September waren die Reisenden des Morgens sehr früh geschäftig, um sich zu dem Eintritt in Mannheim vorzubereiten. Das Beste, was die Koffer faßten, wurde hervorgesucht, um durch scheinbaren Wohlstand sich eine Achtung zu sichern, die dem dürftig oder leidend Aussehenden fast immer versagt wird. Die Hoffnung Schillers, seine kranke Börse in der nächsten Zeit durch einige Erfrischungen beleben zu können, war keine Selbsttäuschung; denn wer hätte daran zweifeln mögen, daß eine Theaterdirektion, die schon im ersten Jahre so vielen Vorteil aus den Räubern gezogen, sich nicht beeilen würde, das zweite Stück des Dichters – das nicht nur für das große Publikum, sondern auch für den gebildeten Teil desselben berechnet war – gleichfalls aufzunehmen? Es ließ sich für gewiß erwarten – die Entscheidung des Herzogs möge nun gewährend oder verneinend ausfallen – daß noch in diesem Jahre Fiesco aufgeführt werde und dann war der Verfasser durch eine freie Einnahme oder ein beträchtliches Honorar auf so lange geborgen, daß er sich wieder neue Hilfsmittel schaffen konnte. Mit der Zuversicht, daß die nächsten vierzehn Tage schon diese Vermutungen in volle Gewißheit umwandeln müßten, wurde die Postchaise zum letztenmal bestiegen und nach Mannheim eingelenkt, das in zwei Stunden, ohne irgend eine Frage oder Aufenthalt an dem Tore der Festung, erreicht war.

Der Theaterregisseur, Herr Meier, bei welchem abgestiegen wurde, war sehr überrascht, Schillern zu einer Zeit bei sich zu sehen, wo er ihn in lauter Feste und Zerstreuungen versunken glaubte; aber seine Überraschung ging in Erstaunen über, als er vernahm, daß der junge Mann, den er so hoch verehrte, jetzt als Flüchtling vor ihm stehe. Obwohl Herr Meier bei der zweimaligen Anwesenheit Schillers in Mannheim von diesem selbst über sein mißbehagliches Leben und Treiben in Stuttgart unterrichtet war, so hatte er doch nicht geglaubt, daß diese Verhältnisse auf eine so gewagte und plötzliche Art abgerissen werden sollten. Als gebildeter Weltmann enthielt er sich bei den weitern Erklärungen Schillers hierüber jedes Widerspruchs und bestärkte ihn nur in diesem Vorhaben, noch heute eine Vorstellung an den Herzog einzusenden und durch seine Bitte eine Aussöhnung bewirken zu wollen. Die Reisenden wurden von ihm zum Mittagessen eingeladen, und er hatte auch die Gefälligkeit, in der Nähe seines Hauses eine Wohnung, die in dem menschenleeren Mannheim augenblicklich zu haben war, aufnehmen zu lassen, wohin sogleich das Reisegeräte geschafft wurde.