Nach Tische begab sich Schiller in das Nebenzimmer, um daselbst an seinen Fürsten zu schreiben. Als er in einigen Stunden fertig war, las er den vorher nicht aufgesetzten, aber vortrefflich geschriebenen Brief den wartenden Freunden vor, dessen wesentlicher Inhalt folgender war:

»Im Eingang erwähnte er, daß er in der Akademie das Studium, zu dem er eine entschiedene Neigung gehabt, niemals habe treiben dürfen oder können, und er sich nur aus Gehorsam gegen den fürstlichen Willen, zuerst der Rechtswissenschaft und dann der Arzneikunde gewidmet habe. Er erinnerte den Herzog an die vielen und großen Gnaden, welcher er während der sieben Jahre seines Aufenthaltes von ihm gewürdigt worden, und die so bedeutend waren, daß er ewig stolz darauf sein werde, sagen zu dürfen, sein Fürst habe ihn in seinem Herzen getragen. Dann setzte er erstens die Unmöglichkeit auseinander, mit seiner geringen Besoldung leben oder durch seinen Beruf als Arzt sich ein besseres Auskommen verschaffen zu können, indem die Anzahl der Mediziner zu groß in Stuttgart sei, und ein Anfänger zu lange Zeit brauche, um sich bekannt zu machen, er auch von Haus nichts zuzusetzen habe.

»Zweitens bat er um die Aufhebung des Befehls, keine andern als medizinische Schriften drucken zu lassen, indem die Bekanntmachung seiner dichterischen Arbeiten allein imstande sei, seine Einnahme zu verbessern.

»Drittens möge es ihm erlaubt werden, alle Jahre, auf kurze Zeit, eine Reise in das Ausland zu machen.

»Viertens, daß er sehr gern wieder zurückkehren wolle, wenn ihm das fürstliche Wort gegeben würde, daß seine eigenmächtige Entfernung verziehen sei und er keine Strafe dafür zu befürchten habe.«

Dieses Schreiben wurde einem Brief an seinen Regimentschef, den General Augé, beigeschlossen und dieser ersucht, die vorgelegten Bitten nach seinen besten Kräften sowie durch seinen ganzen Einfluß bei dem Herzog unterstützen zu wollen. Schiller glaubte für seine Sicherheit so wenig befürchten zu dürfen, daß er den General bat, ihm seine Antwort durch die Adresse des Herrn Meier zukommen zu lassen. Obwohl letzterer über das wahrscheinliche Verfahren des Herzogs nicht so ruhig sein konnte als derjenige, den es zunächst betraf, so mußte er doch die Möglichkeit zugestehen, daß der Fürst durch die rührenden und bescheidenen Vorstellungen seines ehemaligen Günstlings wie auch aus Rücksicht gegen dessen Eltern vielleicht bewogen werden könne, von den gewöhnlichen Verfügungen für diesmal abzugehen und wenigstem einen Teil der Bitten zu bewilligen.

Den andern Tag abends traf Madame Meier von Stuttgart wieder zu Hause ein. Sie erzählte, daß sie schon am 18. vormittags Schillers Verschwinden erfahren, daß jedermann davon spreche und allgemein vermutet werde, man würde ihm nachsetzen lassen oder seine Auslieferung verlangen. Schiller beruhigte jedoch seine Freunde durch die Versicherung, daß er den großmütigen Charakter seines Herzogs durch zu viele Proben habe kennen lernen, als daß er nur die geringste Gefahr befürchte, so lang' er den Willen zeige, wieder zurückzukommen.

Dies sei geschehen, eines Vergehens könne man ihn nicht anklagen; eigentlicher Soldat sei er nicht, folglich könne man ihn auch nicht unter die Klasse derjenigen zählen, denen bei freiwilligem Abschiednehmen nachgesetzt wird.

Indessen wurde es doch für ratsam gehalten, daß er sich nirgends öffentlich zeigen solle, wodurch er nun auf seine Wohnung und das Meiersche Haus allein eingeschränkt blieb. Für die Reisenden war es sehr angenehm, in der Hausfrau eine teilnehmende Landsmännin und sehr gebildete Freundin zu finden, die in alles einging, was ihr jetziges oder künftiges Schicksal betraf, und dasjenige mit leichter Zunge behandelte, über was sich Männer nur sehr ungern offen erklären.

Nicht nur für diese bedenkliche Zeit, sondern auch in der Folge blieben diese würdigen Leute Schillers aufrichtigste, wahrste Freunde, und Madame Meier bewies sich besonders bei dieser Gelegenheit so sorgsam und tätig wie eine Mutter, die sich um ihren Sohn anzunehmen hat.