Mittlerweile hatte S. schon am ersten Abend mit Herrn Meier über das neue, beinahe ganz fertige Trauerspiel Fiesco gesprochen und desselben als einer Arbeit erwähnt, die den Räubern aus vielen Rücksichten vorzuziehen sei. Es ergab sich nun von selbst, daß der Dichter darum angegangen wurde, die erregte Neugierde durch Mitteilung des Manuskriptes zu befriedigen, wozu sich aber dieser nur unter der Bedingung verstand, wenn eine größere Anzahl von Zuhörern gegenwärtig sei. Man fand dies um so natürlicher, da wohl unter allen Schauspielern sich keiner befand, der nicht im höchsten Grad auf die zweite Arbeit eines Jünglings begierig gewesen wäre, welcher sich schon durch seine erste auf eine so außerordentliche Art angekündigt hatte. Es wurde daher sogleich ein Tag festgesetzt, auf welchen die bedeutendsten Künstler des Theaters eingeladen werden sollten, um der Vorlesung des neuen Stücks beizuwohnen.

Nach zwei erwartungsvollen Tagen traf die Antwort von General Augé an Schiller ein, welche folgendes enthielt: »Der General habe den Wünschen Schillers entsprochen und sein Schreiben dem Herzog nicht nur vorgelegt, sondern auch durch sein Vorwort die getanen Bitten unterstützt. Er habe daher den Auftrag erhalten, ihn wissen zu lassen: da Se. herzogliche Durchlaucht bei Anwesenheit der hohen Verwandten jetzt sehr gnädig wären, er nur zurückkommen solle.«

Da dieses Schreiben von allem dem nicht das geringste erwähnte, um was Schiller zur Erleichterung seines Schicksals so dringend gebeten hatte, so schrieb er dem General augenblicklich zurück, daß er diese Äußerung Sr. Durchlaucht unmöglich als eine Gewährung seines Gesuches betrachten könne, folglich genötigt sei, bei dem Inhalt seiner Bittschrift zu beharren, und seinen Chef ersuche, alles anzuwenden, um den Herzog zur Erfüllung seiner Wünsche zu vermögen.

Durch diese Antwort seines Generals in Zweifel gesetzt, was er zu hoffen oder zu fürchten habe, schrieb Schiller – was er schon am zweiten Tag seiner Ankunft an seine Eltern getan – sogleich an einige Freunde, damit, wenn sie etwas erführen, was ihm schaden könnte, sie ihm doch alsobald Nachricht geben möchten, und sah den Antworten mit ebensoviel Unruhe als Neugierde entgegen.

Der Nachmittag war zur Vorlesung des neuen Trauerspiels bestimmt, wozu sich gegen vier Uhr außer Iffland, Beil, Beck noch mehrere Schauspieler einfanden, die nicht Worte genug finden konnten, um ihre tiefe Verehrung gegen den Dichter sowie über die hohe Erwartung auszudrücken, die sie von dem neuesten Produkt eines so erhabenen Geistes hätten. Nachdem sich alle um einen großen, runden Tisch gesetzt hatten, schickte der Verfasser erst eine kurze Erzählung der wirklichen Geschichte und eine Erklärung der vorkommenden Personen voraus, worauf er dann zu lesen anfing.

Für S. war das Beisammensehen so berühmter Künstler wie Iffland, Meier, Beil, von denen das Gerücht Außerordentliches sagte, um so mehr neu und willkommen, als er noch nie mit einem Schauspieler einigen Umgang gehabt hatte. Im stillen feierte er schon den Triumph, wie überrascht diese Leute, die den Dichter mit unverwandten Augen ansahen, über die vielen schönen Stellen sein würden, die schon in den ersten Szenen, sowie in den folgenden noch häufiger vorkommen, und sah nicht den Vorleser, sondern nur die Zuhörer an, um die Eindrücke zu bemerken, welche die vorzüglichsten Ausdrücke bei ihnen hervorbringen würden.

Aber der erste Akt wurde zwar bei größter Stille, jedoch ohne das geringste Zeichen des Beifalls abgelesen, und er war kaum zu Ende, als Herr Beil sich entfernte und die übrigen sich von der Geschichte Fiescos oder andern Tagesneuigkeiten unterhielten.

Der zweite Akt wurde von Schiller weiter gelesen, ebenso aufmerksam wie der erste, aber ohne das geringste Zeichen von Lob oder Beifall angehört. Alles stand jetzt auf, weil Erfrischungen von Obst, Trauben etc. herumgegeben wurden. Einer der Schauspieler, namens Frank, schlug ein Bolzschießen vor, zu dem man auch Anstalt zu machen schien. Allein nach einer Viertelstunde hatte sich alles verlaufen, und außer den zum Haus Gehörigen war nur Iffland geblieben, der sich erst um acht Uhr nachts entfernte.

Als ein vollkommener Neuling in der Welt konnte sich S. diese Gleichgültigkeit, ja diese Abneigung gegen eine so vortreffliche Dichtung von denen am allerwenigsten erklären, die kaum vor einer Stunde die größte Bewunderung und Verehrung für Schiller ihm selbst bezeugt hatten, und es empöre ihn um so heftiger, alle die Sagen von Neid und Kabale der Schauspieler jetzt schon bestätigt zu sehen, da die Antwort des Generals Augé wenig Hoffnung ließ, daß sein Freund jemals zurückkehren dürfe; wo alsdann sein Schicksal bei solchen Leuten sehr beklagenswert sein müßte.

Aber der Unerfahrene sollte noch mehr in Verlegenheit gesetzt werden; denn als er eben im Begriff war, sich über die ungewöhnliche und beinahe verächtliche Behandlung Schillers bei Herrn Meier zu beklagen, zog ihn dieser in das Nebenzimmer und fragte: »Sagen Sie mir jetzt ganz aufrichtig, wissen Sie gewiß, daß es Schiller ist, der die Räuber geschrieben?«