Zuverlässig! Wie können Sie daran zweifeln?

»Wissen Sie gewiß, daß nicht ein anderer dieses Stück geschrieben und er es nur unter seinem Namen herausgegeben? Oder hat ihm jemand anderer daran geholfen?«

Ich kenne Schillern schon im zweiten Jahre und will mit meinem Leben dafür bürgen, daß er die Räuber ganz allein geschrieben und ebenso auch für das Theater abgeändert hat. Aber warum fragen Sie mich dieses alles?

»Weil der Fiesco das Allerschlechteste ist, was ich je in meinem Leben gehört, und weil es unmöglich ist, daß derselbe Schiller, der die Räuber geschrieben, etwas so Gemeines, Elendes sollte gemacht haben.«

S. suchte Herrn Meier zu widerlegen und ihm zu beweisen, daß Fiesco weit regelmäßiger für die Bühne und darin alles vermieden sei, was an den Räubern mit Recht so scharf getadelt worden. Er müsse das neue Stück nur öfter hören oder es selbst durchlesen, dann werde er es gewiß ganz anders beurteilen und ihm Geschmack abgewinnen. Allein alle diese Reden waren vergebens. Herr Meier beharrte um so mehr auf seiner Meinung, weil es ihm als einem erfahrnen Schauspieler zukommen müsse, aus einigen Szenen den Gehalt des Ganzen sogleich beurteilen zu können, und sein Schluß war: »Wenn Schiller wirklich die Räuber und Fiesco geschrieben, so hat er alle seine Kraft an dem ersten Stück erschöpft und kann nun nichts mehr als lauter erbärmliches, schwülstiges, unsinniges Zeug hervorbringen.«

Dieses Urteil, von einem Mann ausgesprochen, den man nicht nur als einen vollgültigen Richter, sondern auch als einen solchen Freund Schillers ansehen durfte, dem an der guten Aufnahme des Stückes beinahe ebensoviel als dem Verfasser selbst gelegen sei, machte auf S. einen so betäubenden Eindruck, daß ihm die Sprache für den Augenblick den Dienst versagte. War dies Herr Meier, der so zu ihm sprach? Hatte er auch recht gehört? Sollte er die Erwartungen Meiers zu hoch gespannt haben? Wäre es möglich, daß er sich getäuscht und dasjenige vortrefflich gefunden, was andere, die man für Kenner gelten lassen mußte, nun als schlecht, als unsinnig beurteilen? Oder hat sich Meier mit den andern verschworen, zum Untergang des Stücks und seines Verfassers mitzuwirken? Diese Fragen, durch das Unbegreifliche des Vorganges und der Äußerungen Meiers hervorgerufen, machte S. an sich selbst und fand sie um so quälender, da ihre Auflösung nicht sogleich erfolgen konnte. Die Abendstunden wurden von den Anwesenden mit größter Verlegenheit zugebracht. Von Fiesco erwähnte niemand mehr eine Silbe. Schiller selbst war äußerst verstimmt und nahm mit seinem Gefährten zeitlich Abschied. Bei dem Weggehen ersuchte ihn Meier, ihm für die Nacht das Manuskript da zu lassen, indem er nur die zwei ersten Akte gehört und doch gern wissen möchte, welchen Ausgang das Stück nähme. Schiller bewilligte diese Bitte sehr gern.

Über den kalten Empfang Fiescos, von dem man die willkommenste Aufnahme erwartet hatte, wurde zu Hause nichts, und überhaupt sehr lange wenig gesprochen, bis sich Schiller endlich Luft machte und über den Neid, die Kabale, den Unverstand der Schauspieler Klagen führte. Jetzt zum erstenmal sprach er den ernstlichen Vorsatz aus, daß, wenn er hier nicht als Schauspieldichter angestellt oder sein Trauerspiel nicht angenommen werde, er selbst als Schauspieler auftreten wolle, indem eigentlich doch niemand so deklamieren könne wie er. S. wollte dem mißlaunigen Freunde nicht geradezu widersprechen, gab ihm aber doch zu bedenken, in welche Verlegenheit er seine Mutter und Schwester, besonders aber seinen Vater setzen würde, wenn sie erfahren müßten, daß er nun weiter nichts als ein Schauspieler geworden sei, da er selbst sich doch einen so glänzenden Erfolg von seiner Reise versprochen. Er erinnerte ihn an das Vorurteil, das man in Stuttgart gegen diesen Stand hege, wo man zwar dem einzelnen Gerechtigkeit widerfahren lasse, sich aber doch jedes nähern Umganges mit ihm enthalte. Er möge doch mit Geduld warten, bis Baron von Dalberg in Mannheim eintreffe, von dem allein die günstige Wendung seines Schicksals zu hoffen sei.

Mit bangen Erwartungen wegen des Endurteils, das über Fiesco und seinen Verfasser gefällt werden sollte, begab sich S. den andern Morgen ziemlich früh zu Herrn Meier, der ihn kaum ansichtig wurde, als er ausrief: »Sie haben recht! Sie haben recht! Fiesco ist ein Meisterstück und weit besser bearbeitet als die Räuber. Aber wissen Sie auch was schuld daran ist, daß ich und alle Zuhörer es für das elendeste Machwerk hielten? Schillers schwäbische Aussprache und die verwünschte Art, wie er alles deklamiert! Er sagt alles in dem nämlichen hochtrabenden Ton her, ob es heißt: Er macht die Türe zu, oder ob es eine Hauptstelle seines Helden ist. Aber jetzt muß das Stück in den Ausschuß kommen, da wollen wir es uns vorlesen und alles in Bewegung setzen, um es bald auf das Theater zu bringen!«

Der Schluß von Herrn Meiers Rede verwandelte die Niedergeschlagenheit von S. in eine solche Freude, daß er, ohne Schillern zu entschuldigen oder die herabsetzende Meinung von dessen Ansprache und Deklamationsgabe widerlegen zu wollen, augenblicklich nach Hause eilte, um dem Dichter, der eben aufgestanden war, die angenehme Nachricht zu hinterbringen, sein Trauerspiel werde bald in lebendigen Gestalten vor ihm erscheinen. Daß seine Mundart, seine heftige Aussprache den schlechten Erfolg von gestern hervorgebracht, wurde ihm sorgfältig verschwiegen, um sein ohnehin krankes Gemüt nicht zu reizen.

Am andern Tage traf die Antwort des Generals Augé auf das zweite Schreiben Schillers ein, welche aber von ganz gleichem Inhalt wie die erste war, nämlich: »Da Se. herzogliche Durchlaucht jetzt sehr gnädig wären, er nur zurückkommen solle.« Allein Schiller konnte in keinem Fall wagen, wieder heimzukehren, da ihm weder Straflosigkeit zugesichert, noch eine seiner Bitten bewilligt worden war. Der entscheidende Schritt war einmal geschehen, und so wenig Glänzendes sich auch jetzt zeigte, so ließ sich doch dieses von der Zukunft hoffen; ja er fand es geratener, weit eher einem ungewissen Schicksal entgegen zu gehen, als sich das frühere Joch wieder auflegen zu lassen, das ihm ohnehin schon den Nacken wund gerieben und in der Folge zuverlässig auf das Mark des Lebens eingedrungen sein würde.