Er hielt nun das, was er zu tun habe, für so gewiß entschieden, daß er nicht mehr an seinen General schrieb, sondern dem Rate seiner Freunde folgte, sich auf einige Wochen zu entfernen, indem es doch möglich wäre, daß seine Auslieferung von der pfälzischen Regierung verlangt würde, weil er auf Kosten des Herzogs in der Akademie erzogen worden und auch, da er Uniform getragen, einigermaßen zum Militärstande gerechnet werden könne. Geschähe in einigen Wochen nichts gegen ihn, so wäre man beinahe versichert, seine Entweichung sei vergessen oder der Herzog werde seiner gewöhnlichen Großmut gemäß nicht weiter nach ihm fragen.
Da auch Baron Dalberg noch immer in Stuttgart verweilte und seine Rückkehr ungewiß blieb, folglich für die Bestimmung Schillers nichts getan werden konnte, so wurde nach einem Aufenthalt von sechs oder sieben Tagen die Reise über Darmstadt nach Frankfurt am Main beschlossen, wo auch die weiteren Nachrichten von Haus oder von Mannheim abgewartet werden konnten.
Aber diese Reise mußte zu Fuß gemacht werden; denn das kleine Kapital, das jeder von Stuttgart mit sich nehmen konnte, war durch die Herreise, durch das Verweilen in Mannheim so herab geschwunden, daß es bei der größten Sparsamkeit nur noch zehn oder zwölf Tage ausreichen konnte. Für Schiller war es wohl nicht tunlich, sich bei seinen Eltern um Hilfe zu bewerben; denn seinem Vater durfte er nicht schreiben, um ihn keinem Verdachte bloßzustellen, und seiner Mutter wollte er nicht den Kummer machen, sie wissen zu lassen, daß er jetzt schon Mangel leide, da sie gewiß geglaubt, er würde einem sehr behaglichen Zustand entgegengehen. Es schrieb daher S. an seine Mutter, ihm vorläufig, aber so bald als möglich dreißig Gulden auf dem Postwagen nach Frankfurt zu schicken, weil Schiller in Mannheim nichts bezogen habe, beide nur noch auf einige Tage mit Geld versehen seien und er den Freund in diesen Umständen unmöglich verlassen könne.
Nach dem herzlichsten Abschied von Herrn und Madame Meier und nur mit dem Unentbehrlichsten in den Taschen gingen die Reisenden nach Tisch über die Neckarbrücke von Mannheim ab, schlugen den Weg nach Sandhofen ein, blieben in einem Dorf über Nacht und gingen den andern Tag durch die herrliche, rechts mit Burgruinen prangende Bergstraße nach Darmstadt, wo sie abends gegen sechs Uhr eintrafen. Sehr ermüdet von dem ungewohnten, zwölfstündigen Marsch begaben sie sich in einen Gasthof und waren sehr froh, nach einem guten Abendessen in reinlichen Betten ausruhen und sich durch Schlaf erholen zu können. Letzteres sollte ihnen aber nicht zu teil werden; denn aus dem tiefsten Schlafe wurden sie durch ein so lärmendes, fürchterliches Trommeln aufgeschreckt, daß man glauben mußte, es sei ein sehr heftiges Feuer ausgebrochen. Sie horchten, als das schreckliche Getöse sich entfernt hatte, ob man nicht reiten, fahren oder schreien höre; sie öffneten die Fenster, ob sich keine Helle von Flammen zeige, aber alles blieb ruhig, und wenn es nur einer allein gehört hätte, würde er sich endlich selbst überredet haben, es sei ein Traum gewesen. Am Morgen erkundigten sie sich bei dem Wirt, was das außerordentlich starke Trommeln in der Stadt zu bedeuten gehabt, und erfuhren mit Erstaunen, daß dieses jede Nacht mit dem Schlag zwölf Uhr so wäre. Es sei die Reveille!
Des Morgens fühlte sich Schiller etwas unpäßlich, bestand aber doch darauf, den sechs Stunden langen Weg nach Frankfurt noch heute zu gehen, damit er alsogleich nach Mannheim schreiben und sich die indessen an ihn eingelaufenen Briefe schicken lassen könne.
Es war ein sehr schöner, heiterer Morgen, als die Reisenden ihre ermüdeten Füße wieder in Gang zu bringen versuchten und den Weg antraten. Langsam schritten sie vorwärts, rasteten aber schon nach einer Stunde, um sich in einem Dorfe mit etwas Kirschengeist, in Wasser geschüttet, abzukühlen und zu stärken. Zu Mittag kehrten sie wieder ein, weniger wegen des Essens, als daß Schiller, der sehr müde war, sich etwas ausruhen könne. Allein es war in dem Wirtshause zu lärmend, die Leute zu roh, als daß es über eine halbe Stunde auszuhalten gewesen wäre. Man machte sich also noch einmal auf, um Frankfurt in einigen Stunden zu erreichen, welches aber die Mattigkeit Schillers kaum zuzulassen schien; denn er ging immer langsamer, mit jeder Minute vermehrte sich seine Blässe, und als man in ein Wäldchen gelangte, in welchem seitwärts eine Stelle ausgehauen war, erklärte er, außerstande zu sein noch weiter zu gehen, sondern versuchen zu wollen, ob er sich nach einigen Stunden Ruhe wenigstens so weit erhole, um heute noch die Stadt erreichen zu können. Er legte sich unter ein schattiges Gebüsch ins Gras nieder, um zu schlafen, und S. setzte sich auf den abgehauenen Stamm eines Baumes, ängstlich und bange nach dem armen Freund hinschauend, der nun doppelt unglücklich war.
In welcher Sorge und Unruhe der Wachende die Zeit zugebracht, während der Kranke schlief, kann nur derjenige allein fühlen, der die Freundschaft nicht bloß durch den Austausch gegenseitiger Gefälligkeiten, sondern auch durch das wirkliche mit Leiden und mit Tragen aller Widerwärtigkeiten kennt. Und hier mußte die innigste Teilnahme um so größer sein, da sie einem Jüngling galt, der in allem das reinste Gemüt, den höchsten Adel der Seele kund gab und all das Erhabene und Schöne schon im voraus ahnen ließ, das er später so groß und herrlich entfaltete. Auch in seinen gehärmten, düstern Zügen ließ sich noch der stolze Mut wahrnehmen, mit dem er gegen ein hartes, unverdientes Schicksal zu kämpfen suchte, und die wechselnde Gesichtsfarbe verriet, was ihn, auch seiner unbewußt, beschäftige. Das Ruheplätzchen lag für den Schlafenden so günstig, daß nur links ein Fußsteig vorbeiführte, der aber während zwei Stunden von niemand betreten wurde. Erst nach Verlauf dieser Zeit zeigte sich plötzlich ein Offizier in blaßblauer Uniform mit gelben Aufschlägen, dessen überhöflicher Ausruf: »Ah! hier ruht man sich aus!« einen der in Frankfurt liegenden Werber vermuten ließ. Er näherte sich mit der Frage: »Wer sind die Herren?« worauf S. etwas laut und barsch antwortete: »Reisende.«
Schiller erwachte, richtete sich schnell auf und maß den Fremden mit scharfem, verwundertem Blick, der sich nun auch, da er wohl merken mochte, daß hier für ihn nichts zu angeln sei, ohne weiter ein Wort zu sprechen, entfernte.
Auf die schnelle Frage von S., wie geht's, wie ist Ihnen? erfolgte zu seiner großen Beruhigung die Antwort: »Mir ist etwas besser, ich glaube, daß wir unsern Marsch wieder antreten können.« Er stand auf, durch den Schlaf soweit gestärkt, daß er, anfangs zwar langsam, aber doch ohne Beschwerde fortgehen konnte. Außerhalb des Wäldchens traf man auf einige Leute, welche die Entfernung der Stadt noch auf eine kleine Stunde angaben. Diese Nachricht belebte den Mut, es wurde etwas schneller gegangen, und ganz unvermutet zeigte sich das altertümlich gebaute, merkwürdige Frankfurt, in welches man auch noch vor der Dämmerung eintrat.
Teils aus nötiger Sparsamkeit, teils auch, wenn Nachforschungen geschehen sollten, um so leichter verborgen zu sein, wurde die Wohnung in der Vorstadt Sachsenhausen bei einem Wirte der Mainbrücke gegenüber gewählt und mit demselben sogleich der Betrag für Zimmer und Verköstigung auf den Tag bedungen, damit man genau wisse, wie lange der geringe Geldvorrat noch ausreichen würde.