Die Gewißheit, hier genugsam verborgen zu sein, die vergönnte Ruhe und ein erquickender Schlaf gaben Schillern die nötigen Kräfte, daß er des andern Tages einige Briefe nach Mannheim schreiben konnte. Unter diesen befand sich auch derjenige an Baron Dalberg, der sich in obengenannter Sammlung Seite 71 befindet. Gern würde der Verfasser dieses dem Leser einen kleinen Schmerz ersparen, aber er muß es wissen, und bei diesem außerordentlichen, jetzt beinahe vergötterten Dichter, wiederholt bestätigt sehen, daß in Deutschland keinem großen Mann in seiner Jugend auf Rosen gebettet wird; daß – ist er nicht schon durch die Eltern mit Glücksgütern gesegnet – er die rauhesten, mit verwundenden Dornen belegten Wege betreten muß, und selten, leider äußerst selten, eine freundliche Hand sich findet, um ihm die Bahn gangbarer, um seiner Brust das Atmen leichter zu machen. Man überschlage den Brief nicht; denn er wurde mit gepreßtem Gemüt und nicht mit trockenen Augen geschrieben.
»Eure Exzellenz werden von meinen Freunden zu Mannheim meine Lage bis zu Ihrer Ankunft, die ich leider nicht mehr abwarten konnte, erfahren haben. Sobald ich Ihnen sage, ich bin auf der Flucht, sobald hab' ich mein ganzes Schicksal geschildert. Aber noch kommt das Schlimmste dazu. Ich habe die nötigen Hilfsmittel nicht, die mich in den Stand setzten, meinem Mißgeschick Trotz zu bieten. Ich habe mich von Stuttgart meiner Sicherheit wegen schnell und zur Zeit des Großfürsten losreißen müssen. Dadurch habe ich meine bisherigen ökonomischen Verhältnisse plötzlich durchrissen und nicht alle Schulden berichtigen können. Meine Hoffnung war auf meinen Aufenthalt zu Mannheim gesetzt; dort hoffte ich, von E. E. unterstützt, durch mein Schauspiel mich nicht nur schuldenfrei, sondern auch überhaupt in bessere Umstände zu setzen. Dies ward durch meinen notwendigen plötzlichen Aufbruch hintertrieben. Ich ging leer hinweg, leer in Börse und Hoffnung. Es könnte mich schamrot machen, daß ich Ihnen solche Geständnisse tun muß; aber ich weiß, es erniedrigt mich nicht. Traurig genug, daß ich auch an mir die gehässige Wahrheit bestätigt sehen muß, die jedem freien Schwaben Wachstum und Vollendung abspricht.[2]
»Wenn meine bisherige Handlungsart, wenn alles das, woraus E. E. meinen Charakter erkennen, Ihnen ein Zutrauen gegen meine Ehrliebe einflößen kann, so erlauben Sie mir, Sie freimütig um Unterstützung zu bitten. So höchst notwendig ich jetzt des Ertrags bedarf, den ich von meinem Fiesco erwartete, so wenig kann ich ihn vor drei Wochen theaterfertig liefern, weil mein Herz so lange beklemmt war, weil das Gefühl meines Zustandes mich gänzlich von dichterischen Träumen zurückriß. Wenn ich ihn aber bis auf besagte Zeit nicht nur fertig, sondern, wie ich auch hoffen kann, würdig verspreche, so nehme ich mir daraus den Mut, Euer Exzellenz um gütigsten Vorschuß des mir dadurch zufallenden Preises gehorsamst zu bitten, weil ich jetzt vielleicht mehr als sonst durch mein ganzes Leben dessen benötigt bin. Ich hätte ungefähr noch 200 fl. nach Stuttgart zu bezahlen. Ich darf es Ihnen gestehen, daß mir das mehr Sorge macht, als wie ich mich selbst durch die Welt schleppen soll. Ich habe so lange keine Ruhe, bis ich mich von der Seite gereinigt habe.
»Dann wird mein Reisemagazin in acht Tagen erschöpft sein. Noch ist es mir gänzlich unmöglich mit dem Geiste zu arbeiten. Ich habe also gegenwärtig auch in meinem Kopf keine Ressourcen. Wenn E. E. (da ich doch einmal alles gesagt habe) mir auch hiezu 100 fl. vorstrecken würden, so wäre mir gänzlich geholfen. Entweder würden Sie dann die Gnade haben, mir den Gewinst der ersten Vorstellung meines Fiesco mit aufgehobenem Abonnement zu versprechen, oder mit mir über einen Preis übereinkommen, den der Wert meines Schauspiels bestimmen würde. In beiden Fällen würde es mir ein leichtes sein (wenn meine jetzige Bitte die alsdann erwachsende Summe überstiege) beim nächsten Stück, das ich schreibe, die ganze Rechnung zu applanieren. Ich lege diese Meinung, die nichts als inständige Bitte sein darf, dem Gutbefinden E. E. also vor, wie ich es meinen Kräften zutrauen kann, sie zu erfüllen.
»Da mein gegenwärtiger Zustand aus dem Bisherigen hell genug wird, so finde ich es überflüssig, E. E. mit einer drängenden Vormalung meiner Not zu quälen.
»Schnelle Hilfe ist alles, was ich jetzt noch denken und wünschen kann. Herr Meier ist von mir gebeten mir den Entschluß E. E. unter allen Umständen mitzuteilen, und Sie selbst des Geschäftes mir zu schreiben zu überheben.
Mit entschiedener Achtung nenne ich mich
Euer Exzellenz
wahrster Verehrer
Friedr. Schiller.«