Vorstehender am 29. oder 30. September[3] geschriebener Brief wurde an Herrn Meier überschickt und dieser in einer Beilage, nachdem ihm der Inhalt desselben bekannt gemacht worden, ersucht, sowohl die Antwort des Baron Dalberg entgegenzunehmen, als auch selbe nach Frankfurt zu senden, wo man sie von der Post abholen wolle.

Diese Darstellung seiner Umstände kostete Schillern eine außerordentliche Überwindung. Denn nichts kann den edlen, stolzen Mann tiefer beugen, als wenn er um solche Hilfe ansprechen muß, die das tägliche Bedürfnis betrifft, die ihm dem Gemeinen, Niedrigen gleichstellt und für die der Reiche selten seine Hand öffnet. Aber die Bezahlung der 200 fl. nach Stuttgart war so dringend, daß der Ausdruck in seinem Briefe: »Ich darf es Ihnen gestehen, daß mir das mehr Sorge macht, als wie ich mich selbst durch die Welt schleppen soll – Ich habe solange keine Ruhe, bis ich mich von der Seite gereinigt habe,« die ernstlichste Wahrheit ausdrückte. Um die Pein, welche diese – wohl manchem sehr unbedeutend scheinende – Summe von 200 fl. dem edelmütigen Jüngling verursachte, zu erklären, sowie zur Warnung für angehende Dichter oder Schriftsteller, sei eine kurze Auseinandersetzung erlaubt.

Schon oben ist erwähnt worden, daß Schiller die Räuber auf seine Kosten drucken lassen und das Geld dazu borgen mußte. Dieses Borgen konnte aber nicht bei dem Darleiher selbst geschehen, sondern es verwendete sich, wie es gewöhnlich geschieht, eine dritte Person dabei, welche die Bezahlung verbürgte. Auch bei dem Druck der Anthologie mußte nachbezahlt werden, wodurch denn nebst anderthalbjährigen Zinsen eine Summe, die ursprünglich kaum 150 fl. betrug, sich auf 200 anhäufte. Solange Schiller in Stuttgart war, konnte er leicht den Rückzahlungstermin verlängern, da man an seinen Eltern, obwohl sie nicht reich waren, doch im schlimmsten Fall einige Sicherheit vermutete. Da jedoch durch den Befehl des Herzogs das Herausgeben dichterischer Werke Schillern auf das strengste verboten war und er sich nur durch solche Arbeiten seine ärmliche Besoldung von jährlichen 180 fl. zu vergrößern wußte, so mußte wohl eine solche Verlegenheit zu dem Entschlusse, Stuttgart zu verlassen, viel beitragen, und er hatte auch in diesem Sinne vollkommen recht, wo er anführt: »Die Räuber kosteten mich Familie und Vaterland.« Nach der Abreise Schillers konnte sich der Darleiher nur an die Zwischenperson halten, und diese, da sie zur Zahlung unvermögend war, konnte in den Fall geraten, verhaftet zu werden, was dann demjenigen, der die Ursache davon war, das Herz zernagen mußte. Seine ganze Hoffnung war nun auf den Baron Dalberg gerichtet, und daß dieser, der ihm früher so viele Versicherungen seiner Teilnahme gegeben, ihn schon darum aus dieser Verlegenheit befreien würde, weil er den Wert der erbetenen Hilfe in dem Manuskripte von Fiesco schon in Händen hatte, konnte nicht im mindesten bezweifelt werden. Überdies war Baron Dalberg nicht nur sehr reich, sondern hatte auch wegen des häufigen Verkehrs mit Dichtern und Schriftstellern durch die Artigkeit seines Benehmens gegen sie (was bei diesen Herren für eine sehr schwere Münze gilt) den Ruf eines wahren Gönners und Beschützers der schönen Wissenschaften und Künste sich erworben.

Da Schiller durch obiges Schreiben die schwerste Last von seinem Herzen abgewälzt hatte, gewann er zum Teil auch seine frühere Heiterkeit wieder. Sein Auge wurde feuriger, seine Gespräche belebter, seine Gedanken, bisher immer mit seinem Zustande beschäftigt, wendeten sich jetzt auch auf andere Gegenstände. Ein Spaziergang, der des Nachmittags über die Mainbrücke durch Frankfurt nach der Post gemacht wurde, um die Briefe nach Mannheim abzugeben, zerstreute ihn, da er das kaufmännische Gewühl, die ineinander greifende Tätigkeit so vieler hier zum erstenmal sah. Auf dem Heimwege übersah man von der Mainbrücke das tätige Treiben der abgehenden und ankommenden, der ein- und auszuladenden Schiffe, nebst einem Teil von Frankfurt, Sachsenhausen, sowie den gelblichen Mainstrom, in dessen Oberfläche sich der heiterste Abendhimmel spiegelte. Lauter Gegenstände, die das Gemüt wieder hoben und Bemerkungen hervorriefen, die um so anziehender waren, als seine überströmende Einbildungskraft dem geringsten Gegenstand Bedeutung gab und die kleinste Nähe an die weiteste Entfernung zu knüpfen wußte. Diese Zerstreuung hatte auf die Gesundheit Schillers so wohltätig eingewirkt, daß er wieder einige Eßlust bekam, die ihm seit zwei Tagen gänzlich fehlte, und sich mit Lebhaftigkeit über dichterische Pläne unterhalten konnte. Sein ganzes Wesen war so angelegt, sein Körperliches dem Geistigen so untergeordnet, daß ihn solche Gedanken nie verließen und er ohne Unterlaß von allen Musen umschwebt schien. Auch hatte er kaum das leichte Nachtessen geendet, als sich aus seinem Schweigen, aus seinen aufwärts gerichteten Blicken wahrnehmen ließ, daß er über etwas Ungewöhnlichem brüte. Schon auf dem Wege von Mannheim bis Sandhofen und von da nach Darmstadt ließ sich bemerken, daß sein Inneres weniger mit seiner gegenwärtigen Lage als mit einem neuen Entwurfe beschäftigt sei; denn er war so sehr in sich verloren, daß ihn selbst in der mit Recht so berühmten Bergstraße sein Reisegefährte auf jede reizende Ansicht aufmerksam machen mußte. Nun, zwischen vier Wänden, überließ er sich um so behaglicher seiner Einbildungskraft, als diese jetzt durch nichts abgelenkt wurde und er ungestört sich bewegen oder ruhen konnte. In solchen Stunden war er wie durch einen Krampf ganz in sich zurückgezogen und für die Außenwelt gar nicht vorhanden; daher auch sein Freund ihn durch nichts beunruhigte, sondern mit einer Art heiliger Scheu sich so still als möglich verhielt. Der nächste Vormittag wurde dazu verwendet, um die in der Geschichte Deutschlands so merkwürdige Stadt etwas sorgfältiger als gestern geschehen konnte, zu besehen und auch einige Buchläden zu besuchen. In dem ersten derselben erkundigte sich Schiller, ob das berüchtigte Schauspiel die Räuber guten Absatz finde und was das Publikum darüber urteile? Die Nachricht über das erste fiel so günstig aus und die Meinung der großen Welt wurde so außerordentlich schmeichelhaft geschildert, daß der Autor sich überraschen ließ und, ungeachtet er als Doktor Ritter vorgestellt worden, dem Buchhändler nicht verbergen konnte, daß er, der gegenwärtig das Vergnügen habe mit ihm zu sprechen, der Verfasser davon sei. Aus den erstaunten, den Dichter messenden Blicken des Mannes ließ sich leicht abnehmen, wie unglaublich es ihm vorkommen müsse, daß der so sanft und freundlich aussehende Jüngling so etwas geschrieben haben könne. Indes verbarg er seine Zweifel, indem er durch mancherlei Wendungen das vorhin ausgesprochene Urteil, welches man so ziemlich als das allgemeine annehmen konnte, wiederholte. Für Schiller war jedoch dieser Auftritt sehr erheiternd; denn in einem solchen Zustande wie er damals war, konnte auf sein bekümmertes Gemüt nichts so angenehmen Eindruck haben als die Anerkennung seines Talentes und die Gewißheit der Wirkung, von der alle seine Leser ergriffen worden.

Zu Haus angelangt, überließ sich Schiller aufs neue seinen dichterischen Eingebungen und brachte den Nachmittag und Abend im Auf- und Niedergehen oder im Schreiben einiger Zeilen hin. Zum Sprechen gelangte er erst nach dem Abendessen, wo er dann auch seinem Gefährten erklärte, was für eine Arbeit ihn jetzt beschäftige.

Da man allgemein glaubt, daß bei dem Empfangen und an das Lichtbringen der Geisteskinder gute oder schlimme Umstände ebenso vielen Einfluß wie bei den leiblichen äußern, so sei dem Leser schon jetzt vertraut, daß Schiller seit der Abreise von Mannheim mit der Idee umging, ein bürgerliches Trauerspiel zu dichten, und er schon soweit im Plan desselben vorgerückt war, daß die Hauptmomente hell und bestimmt vor seinem Geiste standen.

Dieses Trauerspiel, das wir jetzt unter dem Namen Kabale und Liebe kennen, welches aber ursprünglich Luise Millerin hätte benannt werden sollen, wollte er mehr als einen Versuch unternehmen, ob er sich auch in die bürgerliche Sphäre herablassen könne, als daß er sich öfters oder gar für immer dieser Gattung hätte widmen wollen. Er dachte so eifrig darüber nach, daß in den nächsten vierzehn Tagen schon ein bedeutender Teil der Auftritte niedergeschrieben war.

Am nächsten Morgen fragten die Reisenden auf der Post nach, ob keine Briefe für sie angelangt wären? Aber der Gang war fruchtlos, und da die Witterung trübe und regnerisch war, so mußte die Zuflucht wieder zur Stube genommen werden. Am Nachmittag wurde auf der Post noch einmal angefragt, aber ebenso vergeblich wie in der Frühe.

Diese Verspätung deutete S. um so mehr als ein gutes Zeichen, indem der angesuchte Betrag entweder durch Wechsel oder durch den Postwagen übermacht werden müsse, was dann notwendig einige Tage mehr erfordern könne als ein bloßer Brief. Er war seiner Sache so gewiß, daß er Schillern ersuchte, ihm seine in Mannheim zurückgelassenen Sachen nach Frankfurt zu schicken, weil er dann, sowie die Hilfe von Baron Dalberg eintreffe, seine Mutter ersuchen wolle, ihm außer dem, was er jetzt schon besitze, noch mehr zu senden, damit er von hier aus die Reise nach Hamburg fortsetzen könne. Schiller sagte dieses sehr gern zu und versprach noch weiter, ihm auch von Meier sowie von seinen andern Freunden Empfehlungsbriefe zu verschaffen, indem ein junger Tonkünstler nie zu viele Bekanntschaften haben könne. Diese Hoffnungen, die von beiden Seiten noch durch viele Zutaten verschönert wurden, erheiterten den durch eine bessere Witterung begünstigten Spaziergang und störten auch abends die Phantasie des Dichters so wenig, daß er sich derselben, im Zimmer auf und ab gehend, mehrere Stunden ganz ruhig überließ.