Den nächsten Morgen gingen die Reisenden schon um neun Uhr aus, um die vielleicht in der Nacht an sie eingelaufenen Briefe abzuholen, die auch zu ihrer großen Freude wirklich eingetroffen waren. Sie eilten so schnell als möglich nach Haus, um den Inhalt derselben ungestört besprechen zu können, und waren kaum an der Tür ihrer Wohnung, als Schiller schon das an Dr. Ritter überschriebene Paket erbrochen hatte. Er fand mehrere Briefe von seinen Freunden in Stuttgart, die sehr vieles über das außerordentliche Aufsehen meldeten, das sein Verschwinden veranlaßt habe, ihm die größte Vorsicht wegen seines Aufenthalts anrieten, aber doch nicht das mindeste aussprachen, woraus sich auf feindselige Absichten des Herzogs hätte schließen lassen. Alle diese Briefe wurden gemeinschaftlich gelesen, weil ihr Inhalt beide betraf und allerdings geeignet war, sie einzuschüchtern. Allein da sie in Sachsenhausen geborgen waren, so beruhigten sie sich um so leichter, da sie in dem Schreiben des Herrn Meier der angenehmsten Nachricht entgegen sahen. Schiller las dieses für sich allein und blickte dann gedankenvoll durch das Fenster, welches die Aussicht auf die Mainbrücke hatte. Er sprach lange kein Wort, und es ließ sich nur aus seinen verdüsterten Augen, aus der veränderten Gesichtsfarbe schließen, daß Herr Meier nichts Erfreuliches gemeldet habe. Nur nach und nach kam es zur Sprache, daß Baron Dalberg keinen Vorschuß leiste, weil Fiesco in dieser Gestalt für das Theater nicht brauchbar sei; daß die Umarbeitung erst geschehen sein müsse, bevor er sich weiter erklären könne.
Diese niederschlagende Nachricht mußte dem edlen Jüngling um so unerwarteter sein, je mehr er durch die ihm von Baron Dalberg bezeugte Teilnahme zu seiner Bitte und zur Hoffnung, daß sie erfüllt würde, berechtigt war. Am meisten mußte aber sein Ehrgeiz dadurch beleidigt sein, daß er seine traurige Lage ganz unnützerweise enthüllt und sich durch deren Darstellung der Willkür desjenigen preisgegeben, von dem er mit Recht Unterstützung erwartete.
Wenige junge Männer würden sich in gleichen Umständen mit Mäßigkeit und Anstand über eine solche Versagung ausgesprochen haben. Schiller aber bewies auch hierin sein reines, hohes Gemüt; denn er ließ nicht die geringste Klage hören; kein hartes oder heftiges Wort kam über seine Lippen, ja nicht einmal eines Tadels würdigte er die erhaltene Antwort, so wenig er sich auch vor seinem jüngeren Freunde hätte scheuen dürfen, seinen Unmut auszulassen. Er sann alsobald nur darauf, wie er dennoch zu seinem Zweck gelangen könne, oder was zuerst getan werden müsse. Da die Hoffnung geblieben war, daß, wenn Fiesco für das Theater brauchbar eingerichtet sei, derselbe angenommen und bezahlt würde, oder, wenn dieses auch nicht der Fall wäre, doch das Stück in Druck gegeben und dafür etwas eingenommen werden könne, so beschloß er in die Gegend von Mannheim zu gehen, weil es dort wohlfeiler als in Frankfurt zu leben sei, und auch um den Herren Schwan und Meier nahe zu sein, damit, wenn es auf die tiefste Stufe des Mangels kommen sollte, von diesen einige Hilfe erwartet werden könne. Er wäre sogleich dahin aufgebrochen, allein man war noch an Frankfurt gebannt, denn bei jedem Griff in den Beutel war schon sein Boden erreicht, und die durch S. von seiner Mutter erbetene Beihilfe war noch nicht angelangt. Bis diese eintreffe, mußte man hier aushalten, und um gegen die Möglichkeit, daß sie spät ankäme, oder vielleicht gar ausbliebe, doch einigermaßen gedeckt zu sein, entschloß sich Schiller ein ziemlich langes Gedicht, Teufel Amor betitelt, an einen Buchhändler zu verkaufen.
Dieses Gedicht, von dem sich der Verfasser dieses nur noch folgender zwei Verse:
»Süßer Amor, verweile
Im melodischen Flug«
mit Zuverlässigkeit erinnert, war eines der vollkommensten, die Schiller bisher gemacht und an schönen Bildern, Ausdruck und Harmonie der Sprache so hinreißend, daß er selbst – was bei seinen anderen Arbeiten nicht oft eintraf – ganz damit zufrieden schien und seinen jungen Freund mehrmals durch dessen Vorlesung erfreute. Leider ging es in den nächsten vier Wochen (wie der Leser später erfahren wird) mit noch andern Sachen, wahrscheinlich durch die Zerstreuung des Dichters selbst, in Verlust, indem sich in der von ihm herausgegebenen Sammlung seiner Gedichte keine Spur davon findet und das meiste davon der Bekanntmachung fast würdiger gewesen wäre als einige Stücke aus seiner frühern Zeit.
Von dem Buchhändler kam Schiller aber ganz mißmutig wieder zurück, indem er fünfundzwanzig Gulden dafür verlangte, jener jedoch nur achtzehn geben wollte. So benötigt er aber auch dieser kleinen Summe war, konnte er es doch nicht über sich gewinnen, diese Arbeit unter dem einmal ausgesprochenen Preise wegzugeben, und zwar sowohl aus herzlicher Verachtung gegen alle Knickerei als auch, weil er den Wert des Gedichtes selbst nicht gering achtete. Endlich, nachdem der Reichtum der geängstigten Freunde schon in kleine Scheidemünze sich umgewandelt hatte, kamen den nächsten Tag auf dem Postwagen die bescheidenen dreißig Gulden für S. an, der auch ohne das geringste Bedenken für jetzt seinen Plan nach Hamburg aufgab und bei Schillern blieb, um ihn nach seinem neuen Aufenthaltsorte zu begleiten. Dieser schrieb noch am nämlichen Abend an Herrn Meier, daß er den nächsten Vormittag nach Mainz abgehen, am folgenden Abend in Worms eintreffen werde, wo er auf der Post Nachricht erwarte, wohin er sich zu begeben habe, um ihn zu sprechen und den Ort zu bestimmen, in welchem er sein Trauerspiel ruhig umarbeiten könne. Gleich den andern Morgen begaben sich die Reisenden auf das von Frankfurt nach Mainz täglich abgehende Marktschiff, mit welchem sie des Nachmittags bei guter Zeit in letztbenannter Stadt anlangten, dort sogleich in einem Gasthofe das Wenige, was sie bei sich hatten, ablegten und noch ausgingen, um den Dom und die Stadt zu besichtigen.
Am nächsten Tage verließen sie Mainz sehr früh, wo sie, die Favorite vorbei, den herrlichen Anblick des Zusammentreffens vom Rhein- und Mainstrome bei der schönsten Morgenbeleuchtung genossen und den echt deutschen Eigensinn bewunderten, mit welchem beide Gewässer ihre Abneigung zur Vereinigung durch den scharfen Abschnitt ihrer bläulichen und gelben Farben bezeichneten.
Da man auf den Abend in Worms eintreffen wollte, so mußten die Wanderer als ungeübte Fußgänger sich ziemlich anstrengen, um den neun Stunden langen Weg zurückzulegen. Als noch am Vormittag Nierenstein erreicht wurde, konnten beide der Versuchung nicht widerstehen, sich an dem in der Gegend wachsenden Wein, den sie nur aus den Lobeserhebungen der Dichter kannten, zu stärken, welches besonders Schiller, der von Mainz bis hierher nur wenige Worte gesprochen, sehr zu bedürfen schien. Sie traten in das zunächst am Rhein gelegene Wirtshaus und erhielten dort durch Bitten und Vorstellungen einen Schoppen oder ein Viertelmaß von dem besten ältesten Weine, der sich im Keller fand und der mit einem kleinen Taler bezahlt werden mußte.