Als Nichtkenner edler Weine schien es ihnen, daß bei diesem Getränk wie bei vielen berühmten Gegenständen der Ruf größer sei, als die Sache verdiene. Aber als sie ins Freie gelangten, als die Füße sich leichter hoben, der Sinn munterer wurde, die Zukunft ihre düstere Hülle etwas lüftete und man ihr mit mehr Mut als bisher entgegenzutreten wagte, glaubten sie einen wahren Herzenströster in ihm entdeckt zu haben, und ließen dem edlen Weine volle Gerechtigkeit angedeihen. Dieser angenehme Zustand erstreckte sich aber kaum über drei Stunden; denn so fest auch der Wille war, so sehr die Notwendigkeit zur Eile antrieb, so konnte Schiller doch das anstrengende Gehen kaum bis in die Mitte des Nachmittags aushalten; was aber vorzüglich daher kommen mochte, weil er immer in Gedanken verloren war, und nichts so sehr ermüdet als tiefes Nachdenken, wenn der Körper in Bewegung ist. Man entschloß sich daher eine Station weit zu fahren, wodurch es allein möglich war, daß Worms um neun Uhr nachts erreicht wurde.
Am andern Morgen fand Schiller auf der Post einen Brief des Herrn Meier, worin dieser die Nachricht gab, daß er diesen Nachmittag mit seiner Frau in Oggersheim in dem Gasthause, zum Viehhof genannt, eintreffen wolle, wo er ihn zu sehen hoffe, um weitere Abrede mit ihm nehmen zu können. Die Reisenden begaben sich um so ruhiger auf den Weg, als sie hoffen durften, daß endlich aller Ungewißheit ein Ende sein würde, und trafen zur gesetzten Zeit in Oggersheim ein, wo sie auch schon Herrn und Madame Meier nebst zwei Verehrern des Dichters vorfanden.
Für Herrn Meier war es eine unangenehme, lästige Aufgabe, dem jungen Manne, den er als Dichter und Menschen gleich hoch achtete, die Ansichten des Baron Dalberg über Fiesco und warum er sich in keinen Vorschuß einlassen könne, auseinander zu setzen. Er wußte jedoch seinen Ausdrücken eine solche Wendung zu geben, daß sie keinen der beiden Gegenstände hart berührten, sondern alles so gelind als natürlich darstellten. Auch gab er die Versicherung, daß Fiesco unbezweifelt angenommen werde, sobald er um mehrere Szenen abgekürzt und der fünfte Akt ganz beendigt sei. Schiller benahm sich auch bei dieser Gelegenheit wahrhaft edel und weit über das Gewöhnliche erhaben; denn so sehr ihm aus oben berührten Rücksichten daran gelegen sein mußte, den Preis seines Stückes schon jetzt zu haben, so sehr er auch sein in den Baron Dalberg gesetztes Vertrauen nur durch Ausflüchte erwidert fand, so sprach er doch kein Wort, das irgend eine Art von Empfindlichkeit über die vereitelte Hoffnung hätte erraten lassen oder als Widerlegung der über Fiesco gemachten Bemerkungen hätte ausgelegt werden können. Mit der freundlichen, männlichen Art, die im Umgang ihm ganz gewöhnlich war, leitete er das Gespräch darauf hin, den Ort zu bestimmen, wo er sich einige Wochen, als solange die Umarbeitung wohl dauern werde, ruhig und ohne Gefahr aufhalten könne. Aus vielen Ursachen wurde es am besten befunden, wenn er hier in Oggersheim bleibe. Dieses sei nur eine kleine Stunde von Mannheim entfernt, er könne, so oft er es nötig finde, des Abends in die Stadt kommen und wäre in der Nähe seiner Bekannten und Freunde wenigstens nicht ganz ohne Hilfe, wenn sich etwas Widriges ereignen sollte.
Da die von Madame Meier den Reisenden eingehändigten Briefe aus Stuttgart noch immer von Gefahr der Auslieferung sprachen und die möglichste Verborgenheit empfahlen, so wurde der Name Ritter, den Schiller bisher geführt, in Doktor Schmidt umgewandelt und er von den Anwesenden in Gegenwart des herbeigerufenen Wirtes also gleich mit diesem Titel angeredet. Auch hier wurde der Betrag für Kost und Wohnung auf den Tag bedungen und Madame Meier ersucht, die in Mannheim gebliebenen Koffer und das Klavier den Reisenden übermachen zu wollen. Der eintretende Abend schied die Gesellschaft. Die Freunde, nun wieder ganz auf sich eingeschränkt, begaben sich auf das ihnen angewiesene Zimmer, wo sie aber nur ein einziges Bett vorfanden, mit dem sie sich begnügen mußten.
Da man die täglichen Kosten des Aufenthaltes wußte, so ließ sich leicht berechnen, daß die Barschaft auf höchstens drei Wochen ausreichen könne, in welcher Zeit Schiller seine Arbeit zu beendigen hoffte. Allein es ließ sich leicht voraussehen, daß dieses nicht der Fall sein würde, indem er viel zu sehr mit seinem neuen Trauerspiel beschäftigt war und schon am ersten Abend in Oggersheim den Plan desselben aufzuzeichnen anfing. Gleich bei dem Entwurf desselben hatte er sich vorgenommen, die vorkommenden Charaktere den eigensten Persönlichkeiten der Mitglieder von der Mannheimer Bühne so anzupassen, daß jedes nicht nur in seinem gewöhnlichen Rollenfache sich bewegen, sondern auch ganz so wie im wirklichen Leben zeigen könne. Im voraus schon ergötzte er sich oft daran, wie Herr Beil den Musikus Miller so recht naiv-drollig darstellen werde und welche Wirkung solche komische Auftritte gegen die darauffolgenden tragischen auf die Zuschauer machen müßten. Da er die Werke Shakespeares nur gelesen, aber keines seiner Stücke hatte aufführen sehen, so konnte er auch noch nicht aus der Erfahrung wissen, wie viele Kunst von seiten des Darstellers dazu gehöre, um solchen Kontrasten das Scharfe, das Grelle zu benehmen, und wie klein die Anzahl derer im Publikum ist, welche die große Einsicht des Dichters oder die Selbstverleugnung des Schauspielers zu würdigen verstehen.
Er war so eifrig beschäftigt, alles das niederzuschreiben, was er bis jetzt darüber in Gedanken entworfen hatte, daß er während ganzer acht Tage nur auf Minuten das Zimmer verließ. Die langen Herbstabende wußte er für sein Nachdenken auf eine Art zu benützen, die demselben eben so förderlich als für ihn angenehm war. Denn schon in Stuttgart ließ sich immer wahrnehmen, daß er durch Anhören trauriger oder lebhafter Musik außer sich selbst versetzt wurde, und daß es nichts weniger als viele Kunst erforderte, durch passendes Spiel auf dem Klavier alle Affekte in ihm aufzureizen. Nun mit einer Arbeit beschäftigt, welche das Gefühl auf die schmerzhafteste Art erschüttern sollte, konnte ihm nichts erwünschter sein, als in seiner Wohnung das Mittel zu besitzen, das seine Begeisterung unterhalten oder das Zuströmen von Gedanken erleichtern könne.
Er machte daher meistens schon bei dem Mittagtische mit der bescheidensten Zutraulichkeit die Frage an S.: »Werden Sie nicht heute abend wieder Klavier spielen?« – Wenn nun die Dämmerung eintrat, wurde sein Wunsch erfüllt, während dem er im Zimmer, das oft bloß durch das Mondlicht beleuchtet war, mehrere Stunden auf und ab ging und nicht selten in unvernehmliche, begeisterte Laute ausbrach.
Auf diese Art verflossen einige Wochen, bis er dazu gelangte, über die bei Fiesco zu treffenden Veränderungen mit einigem Ernste nachzudenken; denn so lang er sich von den Hauptsachen seiner neuen Arbeit nicht loswinden konnte, so lange diese nicht entschieden vor ihm lagen, so lang er die Anzahl der vorkommenden Personen und wie sie verwendet werden sollten, nicht bestimmt hatte, war auch keine innere Ruhe möglich.
Erst nachdem er hierüber in Gewißheit war, konnte er die Anordnungen in dem frühern Trauerspiel beginnen, wobei er aber dennoch den Ausgang desselben vorläufig unentschieden lassen mußte. Daß dieser Ausgang nicht so sein dürfe, wie er durch die Geschichte angegeben wird, wo ihn ein unglücklicher Zufall herbeiführt, blieb für immer ausgemacht. Daß er tragisch, daß er der Würde des Ganzen angemessen sein müsse, war ebenso unzweifelhaft. Nur blieb die schwierige Frage zu lösen, wie, durch wen oder auf welche Art das Ende herbeizuführen sei? Schiller konnte hierüber so wenig mit sich einig werden, daß er sich vornahm, alles Frühere vorher auszuarbeiten, die Katastrophe durch nichts erraten zu lassen und obige Zweifel erst, wenn das übrige fertig wäre, zuletzt zu entscheiden.
Beinahe ein Monat war verflossen, und Fiesco noch immer nicht vollendet; ja wäre der Dichter nicht gezwungen gewesen, alles zu versuchen, um sich aus seiner Verlegenheit zu retten, so wäre dieses Stück sicher erst dann umgearbeitet worden, wenn er das bürgerliche Trauerspiel ganz fertig vor sich gesehen hätte.