Nur diejenigen, welche nicht selbst Fähigkeit zu Arbeiten haben, wobei Begeisterung und Einbildungskraft beinahe ausschließend tätig sein müssen, können diese Unentschlossenheit, diese Zögerungen Schillers eines Tadels würdig finden. Zu Werken des ruhigen Verstandes, der kalten Überlegung läßt sich der Geist leichter beherrschen, sogar öfters nötigen; da im Gegenteil Dichter oder Künstler auf den Augenblick warten müssen, wo ihnen die Muse erscheint, und diese, so freigebig sie auch gegen ihre Lieblinge ist, sich doch alsobald mit Sprödigkeit wegwendet, wenn die dargebotenen Gaben nicht augenblicklich erhascht werden. Aus diesen Gründen lassen sich bei einem Jüngling, dessen Trieb zur Dichtung so vorherrschend ist, daß alle übrigen Eigenschaften bloß diesem zu dienen bestimmt sind, Ideen, die sein Inneres aufgeregt haben, so wenig abwehren, daß, wenn er es auch versuchen wollte, sie doch immerdar den Hintergrund seiner Gedanken bilden würden und er nicht früher zur Ruhe gelangen könnte, bis er nicht wenigstens die Zeichnung entworfen hätte.
Daß Schiller unter diesen Hochbegünstigten Apollos einer der vorzüglichsten war, dafür spricht jede Zeile, die er niederschrieb. Aber auch ungerechnet die Verhinderungen, welche ihm sein eignes Talent in den Weg brachten, konnte die Ursache, wegen welcher er den Fiesco gerade jetzt beendigen mußte, für ihn nichts weniger als erfreulich sein. Denn so hoch er die Gaben des Himmels achtete, so gleichgültig war er gegen diejenigen, welche die Erde bietet, und es war gewiß nicht ermunternd, zur Erwerbung der letzteren sich gezwungen zu wissen. Der Aufenthalt in Oggersheim war in dem feuchten, trüben Oktobermonat gleichfalls nicht erheiternd.
Mochten auch die nach Mannheim und Frankenthal führenden Pappelalleen anfangs recht hübsch aussehen, so fand man doch bald, daß sie nur darum angepflanzt seien, um die flache, kahle, sandige Gegend zu verbergen; daher waren die Reisenden um so früher an der mageren Aussicht gesättigt, als sie von zarter Jugend an an die üppigen Umgebungen von Ludwigsburg und Stuttgart gewöhnt waren, wo, besonders bei letzterer Stadt, überall Gebirge das Auge erfreuen oder schon die ersten Schritte aus den Stadttoren in Gärten oder gut gepflegte Weinberge führen.
Im Hause selbst war der Wirt von rauher, harter Gemütsart, welche seine Frau und Tochter, die sehr sanft und freundlich waren, öfters auf die heftigste Art empfinden mußten. Nur der Kaufmann des Orts war ein Mann, mit dem sich über mancherlei Gegenstände sprechen ließ, da er ein sehr großer Freund von Büchern und, zu seinem nicht geringen Nachteil, ein wahrhaft ausübender Philosoph war. Wollte Schiller mit Meier oder Herrn Schwan sich unterreden, so konnte er nur um die Zeit der Dämmerung in die Stadt gehen, wo er dann über Nacht bleiben mußte und erst bei Anbruch des Tages zurückkehren konnte. S. war, was diesen Umstand betraf, viel freier, weil er für sich keine Gefahr befürchten zu dürfen glaubte. Er war manchen halben Tag daselbst, um Bekanntschaften anzuknüpfen, die ihm in der Folge sehr nützlich wurden.
Der Oktober nahte sich seinem Ende und mit diesem auch die Barschaft, welche beide mit hieher gebracht hatten. Es blieb kein anderes Mittel, als daß S. noch einmal nach Hause schrieb und seine Mutter bat, ihm den Rest des ihm nach Hamburg bestimmten Reisegeldes hieher zu schicken, indem er wahrscheinlich genötigt sein werde, in Mannheim zu bleiben, wenn sich das Schicksal Schillers nicht so vollständig verbessere, als beide erwarteten.
Endlich war in den ersten Tagen des Novembers das Trauerspiel Fiesco für das Theater umgearbeitet und ihm der Schluß gegeben worden, welcher der Geschichte, der Wahrscheinlichkeit am angemessensten schien. Man darf glauben, daß die letzten Szenen dem Dichter weit mehr Nachdenken kosteten als das ganze übrige Stück, und daß er den begangenen Fehler, die Art des Schlusses nicht genau vorher bestimmt zu haben, mit großer Mühe gut zu machen suchen mußte. Aber in welchen unruhigen Umständen befand sich der unglückliche Jüngling, als er dieses Trauerspiel entwarf! Und wie war die jetzige Zeit beschaffen, in welcher er ein Werk ausführen sollte, zu dem die ruhigste, heiterste Stimmung erfordert wird, die durch keine Bedrückung des täglichen Lebens, keine Beängstigung wegen der Zukunft gestört werden darf, wenn die Arbeit zur Vollkommenheit gebracht werden soll! Seine lebhafte, kühne Phantasie, sonst immer gewöhnt sich mit den Schwingen des Adlers in den höchsten Regionen zu wiegen, wie stark war diese von der traurigen Gegenwart niedergehalten! Mit welchen schweren bleiernen Gewichten zu dem Gemeinen, Niedrigen des Lebens herabgezogen! – In den verflossenen neun Jahren durfte er seinem leidenschaftlichen Hang zur Dichtkunst nur verstohlenerweise einige Minuten, höchstens Stunden opfern; denn er mußte Studien treiben und Geschäfte verrichten, die mit seinen Neigungen, seinem mit poetischen Bildern überfüllten Geist in dem härtesten Widerspruch standen; und es gehörten so reiche Anlagen wie er besaß dazu, um über die vielen stets sich erneuernden Kämpfe nicht in Wahnsinn zu verfallen, sowie sein weiches, zartes Gemüt, um sich allen Anforderungen zu fügen. Ohne eigne Erfahrung hätte er in späterer Zeit seinen poetischen Lebenslauf in der herrlichen Dichtung »Pegasus im Joche« unmöglich so getreu darstellen, so natürlich zeichnen können, daß derjenige, der mit seinen Verhältnissen vertraut war, recht wohl die Vorfälle deuten kann, auf die es sich bezieht. Laßt uns den Dichter wegen der Mängel, die sich in Fiesco, in Kabale und Liebe finden, nicht tadeln; vielmehr verdient es die höchste Bewunderung, daß er bei den ungünstigsten äußern Umständen die Kräfte seines Talentes noch so weit bemeistern konnte, um zwei Werke zu liefern, denen, um ihrer vielen und großen Schönheiten willen, die späte Nachwelt noch ihre Achtung nicht versagen wird.
Mit weit mehr Ruhe und Zufriedenheit als früher begab sich Schiller nach der Stadt, um Herrn Meier das fertige und ins Reine geschriebene Manuskript einzuhändigen. Da er alles geleistet, was der Gegenstand zuließ, oder von dem er hoffen konnte, daß es den Wünschen des Baron Dalberg sowie zugleich den Forderungen der Bühne angemessen sei, so glaubte er auch, daß seine Bedrängnisse bald beendigt sein würden und er das Leben auf einige Zeit mit frohem Mute werde genießen können. Es verging jedoch eine ganze Woche, ohne daß der Dichter eine Antwort erhielt, die ihm doch auf die nächsten Tage zugesagt worden. Um der Ungewißheit ein Ende zu machen, entschloß er sich an Baron Dalberg zu schreiben und sich noch einmal zu Herrn Meier zu begeben, um eine Auskunft über das, was er erwarten könne, zu erhalten.
Es war gegen die Mitte Novembers, als Schiller und S. des Abends bei Herrn Meier eintraten und diesen nebst seiner Gattin in größter Bestürzung fanden, weil kaum vor einer Stunde ein württembergischer Offizier bei ihnen gewesen sei, der sich angelegentlich nach Schillern erkundigt habe. Herr Meier hatte nichts gewisser vermutet, als daß dieser Offizier den Auftrag habe, Schillern zu verhaften, und demzufolge beteuert, daß er nicht wisse, wo dieser sich gegenwärtig befinde. Während dieser Erklärung klingelte die Haustür und man wußte in der Eile nichts Besseres zu tun, als Schiller mit S. in einem Kabinett, das eine Tapetentür hatte, zu verbergen. Der Eintretende war ein Bekannter vom Hause, der gleichfalls voll Bestürzung aussagte: er habe den Offizier auf dem Kaffeehause gesprochen, der nicht nur bei ihm, sondern auch bei mehreren Anwesenden sehr sorgfältig nach Schillern gefragt habe; allein er seinerseits hätte versichert, daß der Aufenthalt desselben jetzt ganz unbekannt wäre, indem er schon vor zwei Monaten nach Sachsen abgereist sei. Die Geflüchteten kamen aus ihrem Versteck hervor, um die Uniformsaufschläge und das Persönliche des Offiziers zu erforschen, weil es vielleicht auch einer von den Bekannten Schillers sein konnte; allein die Angaben über alles waren so abweichend, daß man unmöglich auf eine bestimmte Person raten konnte. Noch einigemal wiederholte sich dieselbe Szene durch neu Ankommende, die mit den andern voller Ängstlichkeit um die beiden Freunde waren, weil diese mit Sicherheit weder in der Stadt übernachten, noch auch nach Oggersheim zurückgehen konnten.
Wie aber der feine, gewandte Sinn des zarteren Geschlechtes allezeit noch Auswege findet, um Verlegenheiten zu entwirren, wenn die Männer – immer gewohnt nur starke Mittel anzuwenden – nicht mehr Rat zu schaffen wissen, so wurde auch jetzt von einem schönen Munde ganz unerwartet das Mittel zur Rettung ausgesprochen. Madame Curioni (mit Dank sei heute noch ihr Name genannt) erbot sich, Schillern und S. in dem Palais des Prinzen von Baden, über welches sie Aufsicht und Vollmacht hatte, nicht nur für heute, sondern solange zu verbergen, als noch eine Verfolgung zu befürchten wäre. Dieses mit der anmutigsten Güte gemachte Anerbieten wurde mit um so lebhafterer Erkenntlichkeit aufgenommen, da man daselbst am leichtesten unerkannt sein konnte und sich auch niemand in der Absicht, um jemand zu verhaften, in dieses Palais hätte wagen dürfen. Auf der Stelle wurden die nötigen Anstalten zur Aufnahme der verfolgt Geglaubten getroffen und sie dann sogleich dahin geleitet. Herr Meier hatte versprochen, am nächsten Morgen zum ersten Sekretär des Ministers Grafen von Oberndorf zu gehen, um diesen, da er ihn sehr gut kenne, zu fragen, ob der Offizier in Aufträgen an das Gouvernement hier gewesen sei?
Das Zimmer, welches den beiden Freunden als Zuflucht angewiesen worden, war sehr schön und geschmackvoll, mit Notwendigem sowie Überflüssigem ausgestattet. Unter den zahlreichen Kupferstichen, mit denen die Wände behangen waren, befanden sich auch die zwölf Schlachten Alexanders, von Lebrun, welche den Betrachtenden bis spät in die Nacht die angenehmste Unterhaltung gewährten. Gegen zehn Uhr des andern Morgens wagte sich S. aus dem Palais, um sich zu Herrn Meier zu begeben und zu vernehmen, ob etwas zu befürchten sei? Diesen aber hatten seine eignen Sorgen schon in aller Frühe zu dem Sekretär des Ministers getrieben, von dem er die Versicherung erhielt, daß der Offizier keine Aufträge an Graf Oberndorf gehabt und sich auch aus dem Meldezettel des Gastwirt ergebe, daß er schon gestern abend um sieben Uhr abgereist sei. Nach einigen kurzen Besuchen begab sich S. sogleich zu Schillern, um ihm diese beruhigende Kunde zu überbringen und ihn aus seinem schönen Gefängnis zu befreien, welches er auch sogleich verließ, um sich zu Herrn Meier zu verfügen.