Hier wurde nun die unsichere Lage des Dichters umständlich besprochen, welche der unnützen Angst von gestern ungeachtet, ebenso gefährlich für ihn selbst als für jeden, der Anteil an ihm nahm, beunruhigend schien. Schiller mußte zugeben, daß er für jetzt nicht in Mannheim verweilen könne, so willkommen es ihm auch gewesen wäre, für das Theater wirksam zu sein und zugleich durch Anschauung der aufgeführten Stücke seine Einsicht in das Mechanische der Bühne zu erweitern. Daher wurde mit allgemeiner Zustimmung seiner Freunde von ihm beschlossen, daß, sobald die Annahme seines Fiesco entschieden sei, er sich sogleich nach Sachsen begeben wolle. Daß er, aller etwa anzustellenden Nachforschungen ungeachtet, daselbst einen sichern, von allen Sorgen befreiten Aufenthalt finden könne, dafür hatte er glücklicherweise schon in Stuttgart Anstalten getroffen. Frau von Wolzogen, die ihn sehr hoch achtete, und deren Söhne mit ihm zugleich in der Akademie erzogen worden, hatte ihm, als er ihr nach seinem Arrest den Vorsatz, von Stuttgart entfliehen zu wollen, vertraute, feierlich zugesagt, ihn auf ihrem in der Nähe von Meiningen liegenden Gute – Bauerbach – solange wohnen und mit allem Nötigen versehen zu lassen, als er von dem Herzog eine Verfolgung zu befürchten habe. Dieses in einer guten Stunde erhaltene Versprechen wollte jetzt Schiller benützen und schrieb sogleich an diese Dame nach Stuttgart, wo sie sich aufhielt, um die nötigen Vollmachten, damit er in Bauerbach aufgenommen werde.

Gegen Ende Novembers erfolgte endlich die Entscheidung des Baron Dalberg über Fiesco, welche ganz kurz besagte: »Daß dieses Trauerspiel auch in der vorliegenden Umarbeitung nicht brauchbar sei, folglich dasselbe auch nicht angenommen oder etwas dafür vergütet werden könne.«

So zerschmetternd für Schiller ein Ausspruch sein mußte, der die Hoffnung, das quälende, seine schönsten Augenblicke verpestende Gespenst einer kaum des Namens werten Schuld von sich zu entfernen, auf lange Zeit zerriß – so sehr er es auch bereute, daß er sich durch täuschende Versprechungen, durch schmeichelnde, leere, glatte, hohle Worte hatte aufreizen lassen, von Stuttgart zu entfliehen – so ungewöhnlich es ihm scheinen mochte, daß man ihn zur Umarbeitung seines Stückes verleitet, die ihm nahe an zwei Monate Zeit gekostet, all sein Geld aufzehrte und ihn noch in neue Schulden versetzte, ohne ihn auf eine entsprechende Art dafür zu entschädigen oder auch nur anzugeben, worin denn die Unbrauchbarkeit dieses Trauerspiels bestehe – so sehr dieses alles sein großmütiges Herz zernagte, so war er dennoch viel zu edel, viel zu stolz, als daß er sein Gefühl für eine solche Behandlung hätte erraten lassen. Er begnügte sich gegen Herrn Meier, der ihm diese abweisende Entscheidung einhändigen mußte, zu äußern: er habe es sehr zu bedauern, daß er nicht schon von Frankfurt aus nach Sachsen gereist sei.

Um jedoch den Leser zu versichern, daß die Mitglieder des Theaterausschusses, denen Fiesco zur Prüfung vorgelegt worden, die Meinung ihres Chefs nicht völlig teilten, werde schon jetzt das Votum eines derselben, das Schiller ein Jahr später in dem Protokoll des Theaters fand, angeführt.

»Obwohl dieses Stück für das Theater noch einiges zu wünschen lasse, auch der Schluß desselben nicht die gehörige Wirkung zu versprechen scheine, so sei dennoch die Schönheit und Wahrheit der Dichtung von so ausgezeichneter Größe, daß die Intendanz hiemit ersucht werde, dem Verfasser als Beweis der Anerkennung seiner außerordentlichen Verdienste eine Gratifikation von acht Louisdor verabfolgen zu lassen.«

Unterzeichnet war: Iffland.

Allein Se. Exzellenz Freiherr von Dalberg konnten diesem Gutachten, das noch heute Iffland die größte Ehre bringt, ihren Beifall nicht schenken, sondern entließen den Dichter eben so leer in Börse und Hoffnung aus Mannheim, wie er vor zwei Monaten daselbst angekommen war.

Das nächste, das einzige und letzte, was nun zu tun war, unternahm Schiller sogleich, indem er zu Herrn Schwan ging und ihm Fiesco für den Druck anbot. Herr Schwan, der als Gelehrter und Buchhändler den Ruf eines vortrefflichen Mannes mit vollem Rechte genoß, übernahm dieses Stück mit großer Bereitwilligkeit und bedauerte nur, als er es durchlesen, daß er die vortreffliche Dichtung nicht höher als den gedruckten Bogen mit einem Louisdor honorieren könne, da ihm durch die überall lauernden Nachdrucker kein anderer Gewinn übrig bleibe, als den er von dem ersten Verkauf ziehe.

Was Schillern aber unter allen diesen Widerwärtigkeiten am schmerzlichsten fiel, war der Gedanke, daß er seinen Freund S. in sein böses Schicksal mit verflochten, indem dieser all das Geld, das er zu der vorgehabten Reise nach Hamburg hätte verwenden sollen, in der Hoffnung, daß der Dichter in Mannheim reichliche Unterstützung finden müsse, aufgeopfert hatte, und nun an keinen Ersatz zu denken war. Schon im August hätte S. nach Wien reisen sollen, wo ihn eine Aufnahme erwartete, die ihn zwar jeder Sorge für seine Bedürfnisse überhoben, aber in seiner Kunst nicht weiter gefördert hätte. Er zog es also vor, seine jungen Jahre nicht müßig zu vergeuden, sondern lieber nach Hamburg zu gehen, um, wenn es auch mit den größten Entbehrungen geschehen müßte, sich in der Musik so viel als möglich auszubilden; worin ihm auch Schiller, dem er diese Sache schon früher vertraut hatte, vollkommen beistimmte. Nun konnte S. weder in den einen noch in den andern Ort gelangen, indem seine Mutter nicht wohlhabend genug war, um ihm sogleich wieder neue Hilfe zukommen zu lassen. Nach allen Meinungen schien es das beste zu sein, daß er vorderhand in Mannheim bleibe, weil noch mehrere Mitglieder der kurfürstlichen Kapelle daselbst wohnten, deren Unterricht oder Beispiel er benützen konnte, wozu die Herren Schwan, Meier und seine Freunde alles beizutragen versprachen. S. ergab sich in das, was vorläufig nicht zu ändern war, viel williger, als daß er jetzt schon in die Stadt ziehen und Schillern noch acht bis zehn Tage in Oggersheim allein lassen sollte. Allein es mußte sein. Beide hatten sich aufgezehrt; im Gasthof war es zu teuer, und ihre Not war schon so groß geworden, daß der Dichter seine Uhr verkaufen mußte, um nicht zu vieles schuldig zu bleiben. Die letzten vierzehn Tage mußte man aber dennoch auf Borg leben, wo man dann auf der schwarzen Wirtstafel recht säuberlich mit Kreide geschrieben sehen konnte, was die Herren Schmidt und Wolf täglich verbraucht hatten.

Der arme Dichter erhielt für Fiesco gerade so viel, um besagte Kreidenstriche auslöschen zu lassen, um einige unentbehrliche Sachen für den Winter anzuschaffen und um seine Reise bis Bauerbach ohne Furcht vor neuem Mangel bestreiten zu können. Der Antritt dieser Reise war auf den letzten November bestimmt. Da Schiller mit dem Postwagen über Frankfurt, Gelnhausen usw. nach Meiningen gehen, sich aber auf der Post in Mannheim nicht zeigen wollte, so kam Herr Meier mit ihm überein, ihn mit S. und einigen Freunden in Oggersheim abzuholen und von da nach Worms zu bringen, wo er dann den nächsten Tag mit dem Postwagen abfahren könne.