An dem bestimmten Tage fuhren die Freunde nach Oggersheim, wo sie Schiller gerade beschäftigt fanden, seine wenige Wäsche, seine Kleidungsstücke, einige Bücher und Schriften in einen großen Mantelsack zu packen. Bei einer Flasche Wein, die er reichen ließ, wurde alles besprochen, was ihn über die Zukunft beruhigen oder seine Munterkeit befördern könnte. Allein bei ihm war dies gar nicht so nötig, als wohl bei den meisten Menschen, denen ihre Hoffnungen fehlschlagen, der Fall ist. Nur die Erwartung, die Ungewißheit einer Sache hatte für sein Gemüt etwas Unangenehmes, Beunruhigendes. Sowie aber einmal die Entscheidung eingetreten war, zeigte er all den Mut, den ein wackerer Mann braucht, um Herr über sich zu bleiben. Er übte – was wenige Dichter tun – seine ausgesprochenen Grundsätze redlich aus und befolgte den Vorsatz des Karl Moor »die Qual erlahme an meinem Stolze« bei Umständen, in welchen jeden andern die Kraft verlassen hätte.

Von Oggersheim brach die Gesellschaft bei einer starken Kälte und tiefliegendem Schnee nach Worms auf, wo sie gerade noch zur rechten Zeit ankam, um in dem Posthause, wo sie abgestiegen waren, von einer wandernden Truppe Ariadne auf Naxos spielen zu sehen. Daß die Aufführung ebenso ärmlich als lächerlich sein mußte, ergibt sich schon daraus, daß an dem Schiffe, welches den Theseus abzuholen erschien, zwei Kanonen gemalt waren, und daß der Donner, durch welchen Ariadne vom Felsen geschleudert wird, mittels eines Sackes voll Kartoffeln, die man in einen großen Zuber ausschüttete, hervorgebracht wurde. Meier und seine Freunde fanden hier eine reiche Ernte für ihre Lust alles zu belachen und zu verspotten. Schiller aber sah mit ernstem, tiefem Blick und so ganz in sich verloren auf das Theater, als ob er nie etwas Ähnliches gesehen hätte oder es zum letztenmal sehen sollte. Auch nach beendigtem Melodram konnten die Bemerkungen der andern ihm kaum ein Lächeln entlocken; denn man sah es ihm an, daß er nicht gerne aus der Stimmung trete, die sich seiner bemächtigt hatte.

Das Nachtessen, bei dem auch Liebfrauenmilch nicht fehlte, machte ihn jedoch etwas heiterer, so daß man endlich ganz wohlgemut aufbrechen konnte, um nach Mannheim zurückzukehren und dem allen wert gewordenen Dichter das Lebewohl zu sagen. Meier und die andern schieden sehr unbefangen und redselig.

Allein was konnten Schiller und sein Freund sich sagen? – Kein Wort kam über ihre Lippen – keine Umarmung wurde gewechselt; aber ein starker, lang dauernder Händedruck war bedeutender als alles, was sie hätten aussprechen können!

Die zahlreich verflossenen Jahre konnten jedoch bei dem Freunde die wehmütige Erinnerung an diesen Abschied nicht auslöschen; und noch heute erfüllt es ihn mit Trauer, wenn er an den Augenblick zurückdenkt, in welchem er ein wahrhaft königliches Herz, Deutschland edelsten Dichter, allein und im Unglück hatte zurücklassen müssen!

Die außerordentlich strenge Kälte, welche in den ersten Tagen des Dezembers herrschte, ließ um so weniger für den Dichter eine angenehme Reise erwarten, da er ohne schützende Kleidung, nur mit einem leichten Überrocke versehen, einige Tage und Nächte auf dem Postwagen zubringen mußte, dessen (damaliger) Schneckengang selbst in einer bessern Jahreszeit die Stunden zu Tagen ausdehnte.

Seine Freunde beklagten ihn sehr, und ihre zu spät erwachte Gutmütigkeit erinnerte sich jetzt an manches Entbehrliche, womit ihm die rauhe Witterung weniger empfindlich hätte gemacht werden können; und je mehr die Mittel hierzu sich fanden, um so ernstlicher wurde bedauert, daß man nicht früher daran gedacht oder deshalb gemahnt worden.

Ebenso natürlich war es auch, daß dieselben Menschen, welchen die Versprechungen, die Schillern gemacht worden, bekannt waren, und die ihm die Hoffnung, daß sie erfüllt würden, ganz unbezweifelt darstellten, jetzt auch ihren scharfen Tadel über seine Flucht äußerten und solche für ebenso leichtsinnig als unbegreiflich erklärten.

Daß er, um dem bisher erlittenen, unerträglichen Zwange zu entgehen, das Äußerste gewagt – daß er durchaus nicht Arzt, sondern Dichter sein wollte – daß er, um sich dem so reizend scheinenden Stande mit ganzer Kraft widmen zu können, eine sehr kümmerliche Besoldung aufgeben konnte, schien ebenso unüberlegt, als es wenige Kenntnis der Welt und ihrer Verhältnisse anzeigte.