Leben Sie mit Ihren lieben Eltern wohl.

Ihr gehorsamster Diener und Verehrer

W. H. Reinwald.

Dieser Brief macht es wahrscheinlich, daß Schiller nicht, wie er im Januar willens war, mit Hrn. von Wrmb nach Thüringen reiste, sondern fortwährend in Bauerbach blieb. War dies der Rat seines Freundes Reinwald? Oder bedachte er es selbst, daß sein Aufenthalt bei Hrn. von Wrmb von so zarter Beschaffenheit sein würde, daß ein Wörtchen, ja nur eine Gebärde ihn wieder entfernen und in die größte Verlegenheit setzen müßte?

Gewißheit kann der Verfasser hierüber nicht geben, indem er sich nicht erinnert, in der Folge mit Schillern darüber gesprochen zu haben, und er auch einige Briefe von diesem aus (jetzt freilich sehr bedauerter) Nachlässigkeit verloren. Übrigens müßte es auffallend scheinen, daß der gerechte, edle Stolz und Ehrgeiz des Dichters auch nur einen Augenblick es ertragen konnte, Frau v. W. einer Verlegenheit auszusetzen, wenn wir nach obigem Brief nicht annehmen dürften, daß es ihr mit dem Dringen auf seine Entfernung nicht sehr ernst gewesen wäre. Außer diesem mochte auch Schillern der Umstand nachgiebiger machen, daß er hier frei von allen Sorgen für die kleinlichen Bedürfnisse des Lebens, ohne die mindeste Störung gänzlich seiner Laune, seinen Träumen, Idealen und dichterischen Entwürfen leben konnte; wo ihm kein Befehl vorschrieb, wie er gekleidet sein müsse, oder die Minute bezeichnete, zu welcher er im Spital oder auf der Wachtparade erscheinen solle, und wo er nur seinen großartigen Gefühlen und der Freundschaft leben durfte.

Man muß den edlen Jüngling genau gekannt und in den Jahren 1781 und 82 mit ihm in (dem damals so zwangsvollen) Stuttgart gelebt haben, um gewiß zu sein, daß ein nur einigermaßen leidliches Gefängnis, in welchem sein Tun und Lassen nicht vorgeschrieben worden wäre, ihm gegen seinen damaligen Zustand gehalten, als eine wirkliche Wohltat erschienen sein würde. Weiter unten werden wir aus einem Briefe von ihm selbst erfahren, daß nur die zuletzt angeführten Gründe die einzigen sein konnten, welche ihm den Aufenthalt in Bauerbach so wert und unvergeßlich machten.

Die Lobsprüche, welche ihm Herr Reinwald in seinem Brief erteilt, beweisen, wie einnehmend seine Persönlichkeit gewesen und wie duldsam er jede Eigenheit an andern zu ertragen wußte, indem Hypochondrie und immerwährende Kränklichkeit Herrn Reinwald sehr reizbar und empfindlich machten und er auch von der höchsten Bedächtlichkeit war. Aber der Kern dieses Mannes, seine Kenntnisse sowie sein Herz waren vortrefflich, und wir werden sehen, wie hoch Schiller diesen Freund achtete.

Hätte Herr Reinwald den jungen Dichter dazu vermocht, mit ihm nach Weimar und Gotha zu reisen, so würde er in ersterem Orte Goethe und Wieland kennen gelernt haben, die ihm, aller Wahrscheinlichkeit nach, einen Lebensplan vorgezeichnet, ihn mit Rat und Empfehlungen unterstützt und in die nützlichsten Verbindungen gebracht hätten. Auch wären ihm dadurch zwei Jahre erspart worden, die er meistens in Verdruß zubrachte, und die von den nachteiligsten Folgen für seine Gesundheit waren.

Was Schiller aber von dieser Reise abhielt, war die Sirenenstimme, die sich von dem Theater zu Mannheim wieder vernehmen ließ und die seine Nerven so sehr in Schwingung versetzte, daß er ihren Lockungen nicht widerstehen konnte und alles andere von sich abwehrte. Denn schon im März 1783, also kaum drei Monate später, nachdem der Dichter sieben Wochen vergeblich in Oggersheim aufgehalten und auf eine äußerst harte Weise entlassen worden war, schrieb ihm Baron Dalberg wieder, um sich nach seinen theatralischen Arbeiten zu erkundigen, und zwar in solchen Ausdrücken, daß Schiller an Herrn Meier in Mannheim schrieb: »es müsse ein dramatische Unglück in Mannheim vorgegangen sein, weil er von Baron Dalberg einen Brief erhalten, dessen annähernde Ausdrücke ihn auf diese Vermutung brächten.«

Dieser Schluß war jedoch nur insofern richtig, als Baron Dalberg, der sich sehr gern mit Umänderungen von Theaterstücken beschäftigte, und damals gerade Lanassa und Julius Cäsar von Shakespeare unter der Schere hatte, wohl fühlen mochte, daß Schiller zu solchen Arbeiten nicht ganz ungeeignet sein dürfte. Auch geschah es oft, daß die Mitglieder des Theaterausschusses von Fiesco sowie von dem bürgerlichen Trauerspiele Luise Millerin sprachen, dessen ganzer Plan S. bekannt war und den dieser, da ihn kein Versprechen zur Geheimhaltung verpflichtete, so umständlich als lebhaft auseinandersetzte.